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Foto: ©iStockphoto.com/Uko_Jesita
Hat die Atomindustrie noch eine Zukunft? Viele Staaten wie Tschechien, Frankreich oder die USA halten daran fest.
 
Gesundheitspolitik 23. März 2011

"Abschalten, weltweit"

Österreichische Ärzte fordern den globalen Ausstieg aus der Kernenergie.

Fukushima ist mehr als eine tragische Katastrophe am anderen Ende der Welt. Fukushima zeigt die Schwächen eines Systems, das unverwundbar sein sollte. Denkt die Welt jetzt um? Eine Ärzteorganisation meint: "Ja".

Einer, der an eine atomfreie Zukunft glaubt und sich auch aktiv dafür engagiert, ist der Gemeindearzt von Pölla, Dr. Klaus Renolder. Er macht sich seit über 15 Jahren als Präsident von "International Physicians for the Prevention of Nuclear War" (IPPNW) gegen die atomare Energienutzung stark.

Die Medizinervereinigung IPPNW verlangt die Abschaltung aller Atomkraftwerke weltweit. Ist das realistisch?

Renolder: Ich teile diese Meinung als österreichischer Präsident dieser Vereinigung. Zuerst sollten die Kraftwerke mit der geringsten Sicherheit in Europa abgeschaltet werden: die bulgarischen Kraftwerke, Mochovce in Tschechien und einige in England. Diese älteren Modelle sind nicht so gut geschützt wie die japanischen. Sie haben beispielsweise kein doppeltes Containment.

Sehen Sie die Möglichkeit einer neuen Atompolitik in Europa?

Renolder: Längerfristig gibt es nur den Weg der Verabschiedung von der Atomenergie. Denn ich bin davon überzeugt, dass die Nuklearenergie eine Sackgasse und eine Fehlentwicklung ist.

Weshalb?

Renolder: Die Atomenergie ist nicht zukunftsfähig, und das aus mehreren Gründen:

Sie ist viel zu teuer, man denke nur an die Sicherheitskosten, und dann gibt es noch die ungelösten Probleme wie etwa die Endlagerung.

Es wäre wesentlich billiger, Strom mit Windrädern und aus Solaranlagen zu erzeugen. Diese Verfahren sind derzeit nur deshalb teuer, weil die Entwicklung lange Zeit unterdrückt wurde.

Warum wollen Menschen die Gefahr von atomaren Katastrophen nicht erkennen, obwohl es mit Tschernobyl oder Harrisburgh schon in der Vergangenheit dafür Beispiele gab?

Renolder: Man darf nicht vergessen: Es war eine Prestigesache unter den großen Playern, sich in der internationalen Diplomatie als „Atommacht“ zu präsentieren. Die Entwicklung von Atomwaffen und Atomenergie wurde nach 1945 von den Siegermächten vorangetrieben, von Amerika und der Sowjetunion. Dann folgten England, Frankreich und China. Auch Indien hat ein Entwicklungsprogramm verfolgt. Und das ist sehr schwer aus den Köpfen herauszukriegen.

Das Denken dieser Generation müsste doch Vergangenheit sein. Können Atomkatastrophen kein Umdenken veranlassen?

Renolder: Ich hatte gehofft, dass nach Tschernobyl eine Wende kommt. Aber die Atomlobby hat sich mit viel Macht und Geld durchgesetzt. Ich hoffe, dass der jetzige Unfall mehr zu denken gibt.

Ich bin überzeugt, dass es irgendwann zur Wende kommt. Denn auf Dauer kann man mit etwas, das so viel Schaden und Probleme verursacht, kein Geschäft machen.

Sehen Sie Trends in diese Richtung?

Renolder: Ein Beispiel ist Siemens in Deutschland. Siemens war früher stark bei Firmen, die deutsche Atomkraftwerke betrieben, vertreten. Heute setzt Siemens enorm auf die Windenergie. Die wissen, dass das die Zukunft ist, und auch die jüngere Generation ist schon darauf eingestellt. Aber das Tragische ist, dass heute das Atomgeschäft trotzdem noch voll ausgenützt wird. Da gibt es Opfer.

Sind Sie der Meinung, dass die Ärzteschaft sich im Interesse der Gesundheit vehementer gegen die Atomindustrie aussprechen müsste?

Renolder: Nun, in Österreich ist das keine große Heldentat, weil unser Staat ohnehin das Antiatomgesetz hat. Wenn französische Ärzte mit so etwas an die Öffentlichkeit gehen würden, dann würde ich sagen: die sind mutig.

Einer Ihrer Kollegen, der Radiologe Prof. Kainberger, hatte in mehreren Interviews immer wieder beruhigt: Solange kein Reaktor explodiert ist, sei das Risiko für die Bevölkerung in Japan gering. War das auch Ihre Einschätzung?

Renolder: Nein, ich glaube, das ist ein Herunterspielen des Problems. Es haben ja mehrere Explosionen stattgefunden. Also konnte von einem geringen Risiko nicht die Rede sein. Das halte ich für zynisch.

Vergangene Woche waren Sie bei der Pressekonferenz der Atomenergiebehörde bei den Vereinten Nationen. Wie war Ihr Eindruck?

Renolder: Die Antworten, die diese sogenannten Fachleute gegeben haben, waren erbärmlich. Sie konnten den Journalisten keine Auskünfte zu grundlegenden Fragen geben.

Welche Fragen blieben konkret offen?

Renolder: Die Frage, ob die Reaktoren nun außer Kontrolle sind oder nicht. Es gab keine klaren Aussage, nur die Antwort: „it is a serious situation“.

Oder die Frage, ob die Einigung Europas, kritische Nuklearreaktoren einem Stresstest zu unterziehen, mit der IAEA abgesprochen wurde. Auch darüber konnten die Experten keine Auskunft geben, obwohl die internationale Sicherheit eine der Kernaufgaben der Atomenergiebehörde der Vereinten Nationen ist.

Selbst als die Frage von Journalisten kam, ob wir uns nun darauf einstellen müssten, dass der Ausnahmezustand im Kraftwerk Fukushima Wochen andauern würde, konnten die Techniker keine Auskunft geben. Es war erschütternd und erbärmlich.

Warum läuft Ihrer Ansicht nach die Kommunikation rund um Fukushima so restriktiv?

Renolder: Ich habe den Eindruck, dass Nuklearphysiker, die ihr ganzes Leben lang darauf hintrainiert worden sind, dass die Atomkraft die einzige Chance der Energieversorgung der Zukunft ist, sich sozusagen selbst nicht eingestehen können, dass das nicht der Fall ist. Doch es wäre die Aufgabe der Atomenergiebehörde als verantwortliche Behörde zur Reaktorsicherung, die Safeguards weltweit zu kontrollieren.

Zuerst der Wirtschaftscrash, dann der Umweltcrash mit Erdbeben, Tsunami und Atomkatastrophe. Wie sehen Sie die Zukunft?

Renolder: Es ist leider so, dass gewisse Zweige der Industrie von Umweltkatastrophen profitieren. Weil sie das Geschäft mit dem Wiederaufbau machen. Man konnte diese schmutzige Firmenpolitik schon im Irankrieg beobachten.

Ich bin überzeugt, dass jetzt schon viele Firmen in den Startlöchern sitzen und nur darauf warten, die Ersten zu sein, um gute Geschäfte zu machen. Da ist eine gewisse Gefahr. Andererseits sehe ich auch ein Umdenken. Ich glaube, dass man in Europa zunehmend kritischer wird.

Ich erinnere mich an ein Doppelinterview im Kurier mit Wirtschaftsminister Mitterlehner, der meinte, dass man an der Spitze der EU genau wisse, dass die Nuklearenergie nicht der Ausweg aus der Klimawandelkrise sein kann. Die Politiker wissen also, dass die Nuklearenergie eine Sackgasse ist, aber sie wollen es noch nicht zugeben.

 

Das Gespräch führte Andrea Niemann

IPPNW - Ärzte gegen Atomenergie
Die International Physicians for the Prevention of Nuclear War (IPPNW) ist eine internationale medizinische Organisation mit Zehntausenden Ärztinnen und Ärzten sowie Medizinstudierenden in über 60 Ländern auf allen fünf Kontinenten. Die IPPNW engagiert sich gegen Atomwaffen und Atomenergie und spricht sich für eine soziale Verantwortung aus. In Österreich zählt die Vereinigung 300 Mitglieder, in Deutschland um die 7.000.
IPPNW wurde zur Zeit des Kalten Krieges, 1980, von einem amerikanischen und russischen Kardiologen gegründet. Kontakt zu IPPNW Österreich: http://www.ippnw.at/
Zur Person

Dr. Klaus Renolder

ist seit 1996 Präsident der österreichischen Sektion der IPPNW (International Physicians for the Prevention of Nuclear War). Er hat als Arzt in Afrika, Lateinamerika und Österreich gearbeitet. Seit 1983 ist er Gemeindearzt in Pölla im Waldviertel, Niederösterreich.

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