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Gesundheitspolitik 2. März 2011

Orientierung gesucht

Die Gesundheitswirtschaft befindet sich im Umbruch. Noch fehlt der Weg für die Zukunft. Von Mag. Renate Haiden

Mit dem Image der Gesundheitswirtschaft steht es nicht zum Besten. Daran änderten auch die durchaus engagierten Beiträge im Rahmen des 3. Österreichischen Gesundheitswirtschafskongresses, der kürzlich in Wien stattfand, wenig.

 

„Wir brauchen eine effektive, effiziente, für alle zugängliche, auf hohem Niveau stehende und finanzierbare Gesundheitsversorgung“, stellte Wiens Gesundheitsstadträtin Mag. Sonja Wehsely gleich früh morgens zur Eröffnung fest. Ähnlich konkret waren auch die nachfolgenden Vorträge und Diskussionen. „Eine gute Gesundheitsversorgung für alle Bürger – unabhängig von der individuellen Finanzkraft – sicherzustellen, ist ohne Zweifel ein herausragendes gesellschaftliches Ziel“, wünschte sich Veranstalter Prof. Heinz Lohmann. Dr. Wilhelm Marhold, Generaldirektor des Wiener Krankenanstaltenverbundes (KAV), lobte die enorme innovative Kraft der Gesundheitswirtschaft, und der Präsident der Bundeskonferenz der Krankenhausmanager Österreichs, Niklaus Koller, MAS MBA, freute sich über die fixen Wachstumsraten, mit denen die Branche auch in Zukunft rechnen könne. Eine gewisse hoffnungsfrohe Erwartungsstimmung war zu spüren, und doch scheint ein Ende der Debatte über Gesundheitsreformvorschläge nicht wirklich greifbar zu sein und auch mögliche Lösungsvorschläge bleiben mehr oder weniger unkonkret.

Messbare Ergebnisse gefordert

„Wir müssen uns sehr anstrengen, damit das öffentliche Gesundheitswesen nicht so wie das Pensionssystem in den 90er-Jahren in Verruf gerät und die Forderungen nach mehr privat anstelle von Staat laut werden. Deutschland macht das bereits vor. Hier hat sich in den letzten zehn Jahren die Zahl der Privatspitäler verdoppelt“, warnte Wehsely. Aus Sicht der Expertin hat der private Sektor seine Berechtigung, jedoch verwehrt sich die Politikerin dagegen, Verluste zu vergesellschaften und Gewinne zu privatisieren. Sie forderte: „Wir müssen wirtschaftlich denken, denn im Gesundheitswesen unwirtschaftlich zu agieren, ist zutiefst unethisch und stellt das System in Frage.“ Wie das ökonomische Denken in der Branche gelingen soll, erklärte sie zumindest in Ansätzen: die Ergebnisqualität sei ein wichtiger Parameter, und mit ihrer Messung stehe es in Österreich nicht zum Besten. „Wer Daten und Fakten über ein Handy, den Eiskasten oder ein Auto sucht, wird im Web sicher fündig. Wer allerdings wissen möchte, welcher Arzt oder welches Krankenhaus sich durch besondere Leistungen profiliert, hat es ungleich schwerer. Woher sollen selbst noch so mündige Patienten wissen, was, wo, zu welchen Kosten und mit welchem Ergebnis passiert, wenn es scheinbar nicht einmal die Krankenhausträger selbst wissen?“, so Wehsely.

In die gleiche Kerbe schlug auch Marhold und setzte noch eines drauf: „Der Erfolg misst sich nicht nur in einer steigenden Lebensqualität, sondern auch daran, dass die Menschen länger wirtschaftsfähig bleiben.“ Schon allein daraus resultiere, so der KAV-Generaldirektor, dass hier nicht nur Kosten produziert würden, sondern auch ein Beitrag zur Wertschöpfung geleistet werde. Auch Koller rechnete vor, dass in den letzten sechs Jahren immerhin jeder fünfte Arbeitsplatz mit Maturaniveau in der Gesundheitswirtschaft geschaffen wurde. Darüber hinaus entfielen 80 Prozent dieser neuen Jobs auf Frauen. Ob das erfreuliche Wachstum jedoch auf eine Zunahme der Unwirtschaftlichkeit oder einen Ausbau der qualitativen Angebote zurückgeht, blieb unbeantwortet. „Ich fürchte, dass bei den Einsparungen sehr undifferenziert vorgegangen wird, anstatt nachhaltig zu investieren“, sagte Koller. „Einerseits verhindern die vielen Trägerschaften eine überregionale Zusammenarbeit. Andererseits fehlen Vorkehrungen zur systematischen Qualitätsbewertung.“ Fazit: Eine Reform steht dringend an, kann aber nicht nur auf Spardiskussionen basieren. Ob mehr Planung, mehr Marktwirtschaft, weniger Föderalismus oder mehr Qualität die Antwort sind, bleibt weiterhin offen.

Welcher Value siegt?

Ob medizinischer Value oder Shareholder Value letztendlich das Rennen machen wird, war auch in der Podiumsdiskussion mit führenden Vertretern der Gesundheitswirtschaft nicht klar auszumachen. Offensichtlich braucht es beides, welches Verhältnis „gesund“ ist, wird noch zu bestimmen sein. „Wenn im Jahr 2030 in Österreich 30 Prozent der Menschen etwa 60 Prozent ihrer Wünsche im Bereich der Gesundheit haben, dann müssen wir uns die Frage stellen, ob das planwirtschaftlich lösbar ist“, meinte Eugen Münch, Vorsitzender des Aufsichtrates der Rhön Klinikum AG. Für Mag. Gottfried Koos ist Planung dann sinnvoll, wenn sie Spielraum für Innovationen lässt und nicht strukturkonservierend wirkt. Der Verbandsvorsitzende des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger, Mag. Dr. Hans Jörg Schelling, verwies auf den Masterplan, der eben diese Misere lösen soll – endlich hätten wir damit ein Gesundheitsziel und könnten strukturiert darauf zugehen.

Innovationen bringen die Lösung

Wie dennoch bei begrenzten Mitteln und steigender Nachfrage eine Lösung aussehen könnte, versuchte Ing. Mag. Dr. Peter Granig von der Fachhochschule Kärnten mit bewährten Konzepten des Innovationsmanagements zu beantworten. Er führte einmal mehr vor Augen, dass der Gesundheitsmarkt dynamisch und komplex ist, jedoch nicht hoffnungslos am Ende, denn: „Wirtschaftstheoretiker sehen in der Branche Anzeichen, dass sie den Turbo-Boost für den nächsten Kontradieffzyklus in sich trägt, der alle 30 bis 50 Jahre für einen weltweiten Wirtschaftsaufschwung sorgt. Warum gerade die Gesundheitsbranche die auserwählte ist? Möglicherweise, weil der Rest der Wirtschaft noch an den Nachwehen der Finanzkrise leidet und die Gesundheitsbranche trotz Imageschwäche noch am ehesten mit viel Idealismus und ethischer Grundhaltung ans Werk geht.“ Spannend ist aus Sicht von Granich auch der Umstand, dass erstmals keine neue Technologie – wie etwa das Internet das Informationszeitalter einleitete – zu einem Aufschwung führen würde, vielmehr fungiere das Bedürfnis der Menschen vom Wohlstand zum Wohlgefühl als Antriebsmotor.

„Professionelles Innovationsmanagement hat zum Ziel, in den strategisch wichtigsten Feldern die besten Ideen zum richtigen Zeitpunkt professionell umzusetzen“, erläuterte Granig. „Eine derartige Innovation kann nur dann erfolgreich sein, wenn die Summe der Einnahmen die Ausgaben für den Innovationsprozess übersteigt.“ In der Gesundheitswirtschaft könne Innovationsmanagement nun dazu führen, dass die Chancen am Markt erkannt, Risiken vermieden und Verbesserungspotenziale identifiziert werden.

Zum Glück erklärte Granig, dass Innovationen nicht nur von kreativen Menschen ausgehen und High-Tech-Produkte umfassen. Das heißt wohl, dass jeder von uns die Chance hat, das Ruder in die Hand zu nehmen und herumzureißen ... Oder wer bringt nun die alles verändernde Innovation zur Genesung der ohnehin prosperierenden Gesundheitswirtschaft? Oder noch konkreter: Wo ist er, der neue Alva Edison? – Bitte melden!

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