zur Navigation zum Inhalt
Foto: photos.com / Ärzte-Woche-Montage
 
Gesundheitspolitik 22. Februar 2011

Impfausschuss – Ungewisse Zukunft

Österreich verfügt derzeit über kein beratendes Impfexpertengremium. Welche Bedeutung die Veränderungen im Obersten Sanitätsrat haben, will das Ministerium zur Zeit noch nicht preisgeben.

Was wird aus dem Impfausschuss?

Eine Reihe federführender heimischer Impfexperten sind im neu bestellten Obersten Sanitätsrat nicht mehr vertreten – ein Umstand, der zu heftigen Spekulationen führt.

Der Impfausschuss, ein beratendes Gremium innerhalb des OSR, wird vom Gesundheitsminister für eine bestimmte Zeit bestellt. Die Periode ist mit 31. 12. 2010 ausgelaufen. Zum Jahreswechsel wurden erstmals die Mitglieder nicht – wie bisher – in einem Brief für die nächste Funktionsperiode eingeladen, ihre Expertise einzubringen.
Von einer „entmachteten Impflobby“ und „atmosphärischen Missstimmungen“ oder „Kontakten zur Impfindustrie“ ist in den Medien die Rede. Welche Auswirkungen diese Entwicklung hat, darüber kann nur spekuliert werden, denn wie so oft schweigt sich das Gesundheitsministerium aus. Die einzige offizielle Stellungnahme des Ministeriums gab es gegenüber der APA: „Die zukünftige Arbeitsform des Impfausschusses wird noch geklärt.“ Form und Agieren würden die neuen OSR-Mitglieder bestimmen, heißt es da wenig aussagekräftig.

Licht ins Dunkel kann vielleicht die Wiener Tropenmedizinerin Dr. Pamela Rendi-Wagner bringen, die mit März dieses Jahres die neue Leitung „Öffentlicher Gesundheitsdienst und medizinische Angelegenheiten“ übernehmen wird.

Herr Prof. Dr. Michael Kunze Herr Prof. Dr. Herwig Kollaritsch 

"Vielleicht können wir jetzt
die Themen noch direkter
ansprechen, als wir es im
Impfausschuss jemals
konnten"

Prof. Dr. Michael Kunze,
Vorstand des Institut für 
Sozialmedizin

 
 

"Jetzt schon medial ein enges Korsett vorzugeben, halte ich für strategisch unklug."


Prof. Dr. Herwig Kollaritsch,
Institut für spezifische Prophylaxe
& Tropenmedizin, MedUni Wien
 

Den Vorwurf der engen Kontakte zu Pharmafirmen kann ich nicht nachvollziehen

Grundsätzlich kann sich der Gesundheitsminister aussuchen, von wem er sich beraten lässt. Auf die Mitarbeit in einem beratenden Gremium hat niemand ein Anrecht, daher kann auch niemand böse sein, wenn er nicht mehr eingeladen wird, bei einem dieser Ausschüsse mitzumachen. Mit 1. März wird die Sektion III im Ministerium „Öffentlicher Gesundheitsdienst und medizinische Angelegenheiten“ von Dr. Pamela Rendi-Wagner neu übernommen und es gilt einmal abzuwarten, welche Pläne dann präsentiert werden.

Ob es nun den Impfausschuss gibt oder nicht, ändert nichts an der Tatsache, dass wir in Österreich im Hinblick auf das Impfen vor einer Reihe enormer Defizite stehen. Ein Beispiel ist die Pneumokokken-Impfung. WHO-Schätzungen gehen davon aus, dass Pneumokokken-Infektionen weltweit pro Jahr rund 1,6 Millionen Todesfälle verursachen, die Hälfte davon sind Kinder. Je jünger Kinder von Pneumokokken-Infektionen betroffen sind, umso komplizierter und damit gefährlicher verlaufen die Erkrankungen. Wir
sind das letzte Land der EU, in dem es keine allgemeine Pneumokokken-Impfung gibt. Ebenso ungelöst
sind die Finanzierungsfragen im Hinblick auf die HPV- oder die Influenza-Impfung.

Ich bin überzeugt, dass Impfexperten, die ihre Aufgabe
ernst nehmen, mit oder ohne Impfausschuss hier weiterhin Bewegung in die Sache bringen. Vielleicht sogar jetzt mehr denn je, weil wir nicht so gebunden sind und die Probleme viel deutlicher beim Namen nennen können.

Den Vorwurf der engen Kontakte zu Pharmafirmen – was ursächlich nichts mit dem Fortbestand eines Ausschusses zu tun hat – kann ich nicht nachvollziehen. Wir haben etliche Male unsere Verbindungen offengelegt und ich sehe daran nichts Verwerfliches, mit Unternehmen, die im Sinne der Gesundheit forschen, auch Kontakte zu pflegen.

In welcher Form auch immer, ich werde den Impfgedanken weiter fördern und mich im politischen Prozess weiterhin für die richtige Prioritätensetzung engagieren. Diese Prozesse kann jeder auslösen, gestalten und beeinflussen, dazu braucht niemand eine Mitgliedschaft in einem Ausschuss.

 

Die Stimme lediglich einer Expertin fällt im Obersten Sanitätsrat zu wenig ins Gewicht

Zuallererst möchte ich
klarstellen, dass sich der Impfausschuss nicht aufgelöst
hat, sondern nicht mehr wiederbestellt wurde. Aus
meiner Sicht ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Mit der
Neukonstituierung des Obersten Sanitätsrates ist nicht gesagt,
dass es für immer so bleiben
wird. Jetzt jedoch Entwicklungen vorwegzunehmen, wäre nicht
sinnvoll. Mit 1. März wird es eine
neue Sektionsleiterin geben,
und die hat hier ja auch mitzureden. Jetzt schon medial
ein enges Korsett vorzugeben, halte ich für strategisch unklug.

Das heißt aber nicht, dass
ich diese Entwicklung befürworte. Aus dem Obersten Sanitätsrat
alle Impfexperten – mit
Ausnahme einer echten Expertin, deren Stimme dann aber wenig
ins Gewicht fällt – zu verabschieden, ist angesichts der Bedeutung, die Impfungen für das Gesundheits-wesen haben, eine ungerechte Verteilung. Ob das so bleibt oder nicht, steht aber derzeit wirklich
in den Sternen. Natürlich würde
ich mir wünschen, dass es
wieder einen Impfausschuss
gibt, denn
das war eine Institution, die sich seit der Einführung des Kinderimpfkonzeptes zu Zeiten
von Lore Hostasch sehr bewährt hat. Ich kenne kaum ein Land, das nicht über ein derartiges Beratungsgremium verfügt. Es liegt auch in der Natur der Sache, dass sich beratende Gremien nicht immer einig sind und dort unterschiedliche Meinungen vorherrschen und diskutiert werden. Das ist doch gut so und soll demokratiepolitisch nicht heißen, dass es dann gleich aufgelöst werden muss. Im Gegenteil, es wäre vernünftig,
sich gerade dann mit den unterschiedlichen Positionen auseinanderzusetzen und einen sinnvollen Kompromiss zu finden. Denn immer alle Forderungen, Wünsche und Ideen zu
finanzieren, ist schlichtweg unmöglich.

Mit Formulierungen wie „Die Impflobby wurde entmachtet“
kann ich mich nicht anfreunden, denn eines muss man den Mitgliedern schon zugutehalten: Macht und Geld standen sicher nicht im Vordergrund, denn die Arbeit war ehrenamtlich und die
Verbindungen zu Pharma-unternehmen wurden in einer Declaration of Interest klar dargelegt. Unser Ziel war es immer, optimale Konzepte zu finden und nicht einzelne Firmen
zu promoten.  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 





 

 

 

 

Von Mag. Renate Haiden, Ärzte Woche 8 /2011

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben