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Foto: ©iStockphoto.com/Lakhesis
Für Kinder unter einem Jahr besteht ein sechsfach höheres Risiko, infolge von Gewalt zu Tode zu kommen, als für Kinder in anderen Altersgruppen.
 
Gesundheitspolitik 15. Februar 2011

Wegschauen gilt nicht

 Zur Zeit wird der dritte Entwurf zum neuen Jugendwohlfahrtsgesetz verhandelt. Anlass zum Gesetzesentwurf war vor vier Jahren der Tod des misshandelten Kleinkindes Luca. Kinder, die Gewalt erfahren, zu schützen, ist eine komplexe Aufgabe, die für Menschen in Gesundheitsberufen im medizinischen Alltag schwer zu bewältigen ist.

Gewalt in der Familie und vor allem gegen Kinder passiert tagtäglich, nebenan, vor unseren Augen und dennoch nach wie vor versteckt.

Der Grund dafür ist meist Angst, weil die Gewalt häufig von jenen Menschen ausgeht, die den Kindern Schutz bieten sollen – Eltern, Familienmitglieder oder nahe Bekannte. Nicht alle Kinder sind gleich gefährdet, Opfer von Gewalt zu werden. Die Einflussfaktoren sind vielfältig – Alter, Fähigkeiten, ethnische Herkunft oder sozialen Status eröffnen ganz unterschiedliche Formen von Gewalt. Daher kann es auch keine allgemeingültigen Handlungsanleitungen für Ärzte, Pflegepersonal oder den sozialen Nahraum von gefährdeten Kindern geben.

Experten schlagen Alarm: Mangelversorgung offensichtlich

Tödliche Misshandlungsfälle wie „Luca“ oder „Cain“ sorgten in Österreich erst kürzlich für Schlagzeilen. Nach einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus dem Jahr 2009 wird Todeshäufigkeit durch Gewaltfolgen bei Kindern mit 0,1 – 3,7 pro 100.000 angegeben. Sind die Kinder jünger als ein Jahr, so besteht sogar ein sechsfaches Risiko, infolge von Gewalt zu Tode zu kommen, zwischen einem und vier Jahren ist es doppelt so hoch wie zu einem späteren Zeitpunkt. Der größte Risikofaktor ist das Ausmaß der Gewalt in der betroffenen Familie. Diese nüchternen Zahlen lösen aber oft erst wirkliche Betroffenheit und politische Diskussionen aus, wenn etwas passiert ist – andernfalls müssten Medien voll von Berichten über misshandelte Kinder sein.

Öffentlich wird die Problematik meist erst, wenn es zu spät ist und ein Kind zu Tode gekommen ist. Auch der aktuelle Bericht zur Lage der Kinder- und Jugendgesundheit in Österreich 2011 von der Österreichischen Liga für Kinder- und Jugendgesundheit weist darauf hin, dass viele Fälle zu verhindern wären. „In Sachen Kinder- und Jugendgesundheit gibt es eine Mangelverwaltung statt Prävention“, hieß es bei der Vorstellung des zweiten Jahresberichts der Organisation. „Nicht nur die ‚gesunde Ohrfeige‘ macht krank. Es sind noch viele andere Dinge, die krank machen“, ist Prof. Mag. Dr. Christian Vielhaber, Obmann des Österreichischen Kinderschutzbundes, überzeugt. Nach Ansicht des Experten geschehen derartige spektakuläre Misshandlungsfälle nicht plötzlich, sondern haben eine Vorgeschichte, die Zeit zum Handeln bieten würde. „Problemfamilien, Problemorte und Problempersonen müssen aufgesucht werden“, fordert Vielhaber.

Schwerste Vorwürfe gibt es zum Zustand der kinder- und jugendpsychiatrischen Versorgung in Österreich, allen voran in der Großstadt Wien. „Die Situation ist ernst, denn es fehlt an der Basisversorgung in Kinder- und Jugendpsychiatrie. Die vorhandenen Einrichtungen, Ambulanzen und Krankenabteilungen sind massiv überlastet. So haben wir in Wien rund 60 stationäre Betten, vergleichbare Städte wie Hamburg oder Zürich haben dreimal so viele kinderpsychiatrische stationäre Betten“, erklärt Dr. Christian Kienbacher, von der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Wiener AKH und Sekretär der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendneuropsychiatrie. Mehr als 100 Betten würden nach Ansicht des Experten dringend benötigt werden, um die Lage zumindest kurzfristig zu entschärfen. Weitere 160 Sozialpädagogen fehlten allein in Wien. Darüber hinaus gebe es einen eklatanten Mangel an Plätzen in Wohngemeinschaften für Kinder und Jugendliche. In diesem Bereich sind derzeit 40 Kinder auf der Warteliste für einen Platz.

Kinderschutzgruppen per Gesetz verpflichtend

Die Arbeit im Bereich Gewalt gegen Kinder ist nicht mit der Behandlung der Verletzungen getan, sondern reicht von der genauen Analyse der Ursachen der Verletzung bis zum Schutz des Opfers. Dazu ist interdisziplinäre Zusammenarbeit und multiprofessioneller Zugang wichtig. Auf Initiative der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde, der Österreichischen Gesellschaft für Kinderchirurgie und des Familienministeriums wurden daher seit Mitte der 90er-Jahre an Krankenanstalten in ganz Österreich Kinderschutzgruppen (KSG) eingerichtet. Im Jahr 2004 wurden sie für alle Kinderkliniken und Krankenhäuser mit Kinderabteilungen gesetzlich vorgeschrieben. Eine Kinderschutzgruppe setzt sich im Idealfall aus unterschiedlichen Berufsgruppen zusammen: Fachärzte für Pädiatrie oder Kinderchirurgie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Unfallchirurgie, Gynäkologie, Dermatologie, Radiologie, Ophthalmologie, Gerichtsmedizin sowie Vertretern von Pflegepersonal, Psychologen, Psychotherapeuten und Sozialarbeitern.

Die wesentlichen Aufgaben einer KGS ist das standardisierte Vorgehen bei Verdachtsfällen, rasche Entscheidung bezüglich Meldung an den Jugendwohlfahrtsträger oder bei Gefährdung von Geschwistern polizeiliche Anzeigen. Ebenso sind hier die standardisierte Spurensicherung bei Verdacht auf sexuellen Missbrauch sowie ein standardisiertes Vorgehen bei Konfrontationsgesprächen mit Eltern angesiedelt. Neben der raschen und professionellen Reaktion zum Wohl des Kindes hat die KSG auch das Ziel, stationsführende Ärzte zu entlasten und Ängste abzubauen, das Thema überhaupt anzusprechen.

Gesetzesnovelle seit drei Jahren ausständig

Auf Fortschritte ließ die Novellierung des Jugendwohlfahrtsgesetzes hoffen, aber das steckt heute in einer Sackgasse. Vor über drei Jahren startete anlässlich des Todes von Luca eine breite Diskussion, es folgten mehrere Arbeitsgruppen und der erste Entwurf für ein neues Gesetz. Heute liegt nun die dritte Fassung vor und kann als deutlicher Rückschritt bezeichnet werden. Ursprüngliche Qualitätsverbesserungen wurden aus Kostengründen wieder gestrichen. So ist etwa das Vieraugenprinzip bei Hausbesuchen, wo es um die Abklärung der Gefährdungssituation geht, gefallen.

Eine Gesetzesnovelle allein wird die komplexe Problematik wohl nicht lösen. Wie vielfältig die notwendigen Maßnahmen sind, geht einmal mehr aus dem aktuellen Bericht zur Lage der Kinder- und Jugendgesundheit in Österreich 2011 von der Österreichischen Liga für Kinder- und Jugendgesundheit hervor.

Als „holy seven“ wurden bereits im letzten Bericht sieben Handlungsfelder beschrieben, die wesentliche und dringliche Veränderungen erfordern – bis dato aber nicht oder nur sehr langsam in die Gänge gekommen sind: aussagekräftige Kinder- und Jugendgesundheitsdaten, die interdisziplinäre Netzwerkarbeit, verstärkte Aktivitäten in Gesundheitsförderung und Prävention, ein ausreichendes, kostenfreies diagnostisch-therapeutisches Angebot, die Qualitätssicherung in der Arbeit mit Kindern, die Stärkung der Kompetenz der Eltern sowie eine ressortübergreifende Gesundheitspolitik.

„Children of War – Broken Childhood“
In den letzten zehn Jahren sind mehr als zwei Millionen Kinder durch bewaffnete Konflikte ums Leben gekommen. Rund eine halbe Million Kinder wurden Waisen, fast 20 Millionen Kinder wurden vertrieben oder sind auf der Flucht. Aktuellen Schätzungen zufolge gibt es zurzeit weltweit ca. 250.000 Kindersoldaten – Mädchen und Buben unter 18 Jahren, die von Armeen oder bewaffneten Gruppen als Kuriere, Spione, Fahrer oder in anderer Weise eingesetzt werden. Dabei sind insbesondere Mädchen oft auch systematischen Vergewaltigungen sowie sexueller Misshandlung und Nötigung ausgeliefert.
Vom 24. Jänner bis 27. März 2011 widmet sich das Heeresgeschichtliche Museum in einer Fotosonderausstellung der UNO dem Thema „Kindersoldaten“.
 www.hgm.or.at

Von Mag. Renate Haiden, Ärzte Woche 7 /2011

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