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An den Hörnern gepackt werden müssten die Probleme des Gesundheitssystems in Spanien. Allen voran überlange Wartezeiten auf Behandlung.
 
Gesundheitspolitik 27. Februar 2009

Spanien, Land der langen Patienten-Wartelisten

Das spanische Gesundheitssystem sei kostenineffizient, die Spitäler seien maßlos überfüllt und die Ärzte heillos überlastet, kritisiert Dr. Marco Franzreb Corbelletti.

Das spanische Gesundheitssystem wird sehr ambivalent betrachtet. Die einen meinen, es sei ineffizient, die anderen behaupten, es funktioniere hervorragend. Laut jüngster Befragung des spanischen Gesundheitsbarometers sind mehr als zwei Drittel der Spanier mit ihrem Gesundheitssystem rundum zufrieden. Die im europäischen Vergleich überdurchschnittliche Lebenserwartung scheint diese Einschätzung zu bestätigen. Auch die Kindersterblichkeit ist in dem Mittelmeerland sehr gering.

„Seit der Demokratisierung hat sich hier sehr viel getan“, bestätigt der Orthopäde Dr. Marco Franzreb Corbelletti: „Auch der EU-Beitritt hat dem Land gut getan. Aber im Gesundheitswesen merkt man nur zum Teil etwas von den Fortschritten.“ Das spanische System sei extrem kostenineffizient, und was die Zufriedenheit der Patienten anbelangt, meint der Mediziner, „dass alle Spanier im nationalen Gesundheitssystem zwangsversichert sind und damit auch keine Wahl- oder Vergleichsmöglichkeit haben.“

Corbelletti wurde zwar 1964 in München geboren, seine Wurzeln reichen aber nach Tirol und Südtirol. Nicht umsonst hat er einen großen Teil seines Studiums und seiner Fachausbildung an der Innsbrucker Universität absolviert, weitere Teile auch in Wiener Neustadt, in Deutschland, Belgien und natürlich in Spanien, wo er seit nunmehr zehn Jahren arbeitet. Als niedergelassener Facharzt für orthopädische Chirurgie und als Homöopath mit eigener Praxis für Privatpatienten.

Recht auf Gesundheitsschutz

Das spanische Gesundheitssystem erklärt Corbelletti so: Für die Spanier sollte der Weg zum Facharzt oder in die Klinik über eines der mehr als 2.700 Gesundheitszentren führen. Das Recht aller Bürger auf Gesundheitsschutz ist in der Verfassung verankert. Damit ist nach spanischem Verständnis die Bürgerversicherung mit Verfassungsrang ausgestattet. Alle Bürger genießen, auch wenn sie der staatlichen Versicherung nicht als Arbeitnehmer oder Selbstständige angehören, das Recht auf kostenfreie Behandlung, sofern sie auch bedürftig sind. Diese Voraussetzung erfüllt, wer weniger als rund 5.750 Euro jährlich verdient.

Das Leistungsangebot des staatlichen Gesundheitsdienstes sei laut Corbelletti zwar umfassend ausgelegt, aber für österreichische Begriffe lückenhaft: „Ein großer Kostenfaktor, die Zahnbehandlung, ist nicht abgedeckt.“ Nur die Extraktion von Zähnen werde übernommen. Allerdings habe das Gesundheitsministerium angekündigt, bis 2012 stufenweise die kostenlose Zahnbehandlung landesweit für Kinder von acht bis 15 Jahren einzuführen. Der Plan soll von der Regierung und den 17 autonomen Regionen kofinanziert werden.

Die Spanier sind es seit jeher gewöhnt, 40 Prozent der Kosten für Arzneimittel selbst zu tragen. Dafür sind aber vor allem teure Medikamente für einen Bruchteil des österreichischen Preises in den Apotheken zu haben. Chronisch Kranke müssen nur zehn Prozent zuzahlen, Rentner gar nichts. „Verschreibungspflicht von Medikamenten ist übrigens in der Praxis weitgehend unbekannt“, erklärt Corbelletti, „abgesehen von Opiaten und ganz speziellen Medikamenten.“

Am meisten kritisiert Corbelletti, „dass das nationale Gesundheitssystem völlig überlastet ist“. Kernproblem des Gesundheitsdienstes seien lange Wartelisten für Operationen in den rund 800 Krankenhäusern des Landes, die Wartezeiten betragen oft 80 Tage, in jedem zehnten Fall sogar sechs Monate. „Letzthin habe ich mit einem Österreicher hier zu tun gehabt, der sich beim Sport die Achillessehne gerissen hatte“, erinnert sich der Mediziner, „nach zwei Monaten war er immer noch unversorgt. Das ist natürlich ein Wahnsinn.“

Fast 400.000 Menschen stehen auf den Wartelisten. Nicht selten stehen Doppelreihen mit belegten Betten in den Fluren, und die Patienten müssen tagelang auf ein freies Zimmer warten, vom benötigten Eingriff gar nicht zu sprechen. Und im niedergelassenen Bereich sehe es auch nicht besser aus, schildert der Orthopäde: „Allgemeinmediziner, die im nationalen Gesundheitssystem sind, haben nur noch eine Minute Zeit für einen Patienten. Alles ist maßlos überfordert.“ Und der Verdienst der Ärzte sei auch nicht befriedigend.

Viele Ärzte mit Nebenjobs

Aus diesem Grund würden viele Mediziner, sofern sie nicht ohnedies ins Ausland gingen, mehrere Jobs annehmen: Im nationalen System und mit speziellen Verträgen für Privatversicherer. Denn wer es sich leisten könne, der ließe sich in Spanien zusatzversichern. „Die ist hier recht günstig und bekommt man schon um rund 600 Euro im Jahr.“

Wartelisten, Zuzahlungen und der insbesondere in entlegenen Landesteilen manchmal schlechte Zustand der medizinischen Einrichtungen führten dazu, dass immer mehr Spanier über eine private Zusatzversicherung verfügen. Die Versicherung übernehme Zuzahlungen und verfüge in der Regel über eine Reihe privater Vertragsärzte und -kliniken, die auf ihre Rechnung Behandlungen übernehmen. Dennoch werden in Spanien etwa drei Viertel der Gesundheitsausgaben noch vom staatlichen Gesundheitsdienst erbracht.

Die spanische Krankenversicherung wird aus Steuermitteln finanziert. Damit ist das Gesundheitswesen das wichtigste Umverteilungsinstrument im Land, denn Steuern werden nach der Leistungsfähigkeit gezahlt. Die für die Umsetzung der allgemeinen staatlichen Gesundheitsgesetze zuständigen 17 autonomen Regionen übernehmen die Kosten aus ihrem Haushalt sowie aus Zuweisungen des Staates und der staatlichen Sozialversicherung. Den Löwenanteil der Kosten tragen aber mit über 90 Prozent die Regionen.

In der unterschiedlichen Leistungsfähigkeit der Regionen, aber auch im unterschiedlichen politischen Handlungswillen liegen daher die Hauptursachen für starke regionale Schwankungen in der Qualität der Versorgung und den Leistungen des Gesundheitsdienstes. Aber auch das Leistungsspektrum kann sich von Region zu Region ganz erheblich unterscheiden. „Dabei ist die Qualität der Mediziner hier in Spanien ausgezeichnet. Leider gehen sehr viele ins Ausland, weil die Arbeitsbedingungen schlecht sind“, erklärt der Madrider Orthopäde Corbelletti.

Ein Haufen Geld

Er selbst, sagte der Mediziner, habe sich aber recht gut in Spanien eingelebt und beabsichtige nicht, nach Österreich zurückzukehren oder in ein anderes Land zu übersiedeln. Und die derzeit in Österreich diskutierten Probleme des Gesundheitssystems lassen ihn ziemlich kalt: „Das wird auf alle Staaten zukommen. Demografie und medizinischer Fortschritt kosten eben einen Haufen Geld. Da bleibt dann die Frage zu klären, was ist die Gesellschaft bereit, dafür auszugeben.“ Ob er seinen Kollegen in Österreich rät, ins Ausland zu gehen? „Nur dann, wenn sie ihr Zielland und die dortigen Arbeitsbedingungen auch wirklich kennen.“

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Kasten:
Wie andere Gesundheitssysteme arbeiten

In den USA werden nur wohlhabende Menschen medizinisch versorgt, in England müssen sie lange warten und in Schweden ist das Paradies. In gesundheitspolitischen Diskussionen werden in Österreich oft Mythen aus anderen Ländern als Positiv- oder Negativbeispiele strapaziert. Doch wie sieht die Realität aus? Die Ärzte Woche traf aus Österreich stammende Ärzte, die in den USA, England, Schweden und anderen Ländern arbeiten. Sie erzählen, wie die Systeme wirklich funktionieren und was wir davon lernen können.

Tabelle:
Das Gesundheitssystem in nüchternen Zahlen betrachtet Geringe Gesundheitsausgaben und wenig Spitalsbetten kennzeichnen das spanische System.

KennwerteSpanienOECD-SchnittÖsterreich
Gesundheitsausgaben in US$ pro Einwohner 1985 2.450 3.161
Gesundheitsausgaben in Prozent vom BIP 8,4 8,9 10,1
BIP in US$ pro Einwohner 29.383 31.061 35.695
Öffentliche Gesundheitsausgaben in Prozent* 71,2 73,0 76,2
Lebenserwartung bei Geburt in Jahren 81,1 78,9 79,9
Krankenhausbetten pro 1.000 Einwohner 3,4 5,5 7,6
Computertomografen pro Million Einwohner 13,9 19,2 29,8
Magnetresonanztomografen pro Million Einwohner 8,8 10,2 16,8
Praktizierende Ärzte pro 1.000 Einwohner 3,6 3,1 3,4
Ausgaben Arzneimittel in US$ pro Einwohner 430 384 393
Quelle: OECD Gesundheitsdaten 2008, Stand Juni; Recherche und Aufbereitung der Daten: IHS, Maria Hofmarcher und Heidemarie Straka *an den gesamten Gesundheitsausgaben
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An den Hörnern gepackt werden müssten die Probleme des Gesundheitssystems in Spanien. Allen voran überlange Wartezeiten auf Behandlung.

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Dr. Marco Franzreb Corbelletti, Orthopäde in Madrid

Von Andreas Feiertag, Ärzte Woche 8/2009

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