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Gesundheitspolitik 27. Februar 2009

Wenn die Seele aufs Herz drückt

Der Psychokardiologie fehlt es am entsprechenden Stellenwert.

Im Medizinstudium kommt der psychosomatische Ansatz generell zu kurz. Zudem wären beispielsweise Strukturen erforderlich, die die Auseinandersetzung mit Zusammenhängen zwischen psychischen Problemen und Herzerkrankungen gezielt fördern.

 

Schon Mitte der 90er Jahre wurde in Langzeitstudien beobachtet, dass Menschen mit Depressionen etwa doppelt so oft eine ischämische Herzerkrankung entwickeln (Barefoot & Schroll 1996, Frazure-Smith et al 1995). Dazu ergänzt OA Dr. Georg Titscher: „Bis zu zwei Drittel der Patienten zeigen im ersten Jahr nach einem Herzinfarkt depressive Symptome. Es kommt oft zu einem massiven Einbruch des Selbstwertgefühls, bis hin zur Entwicklung einer behandlungswürdigen Depression.“ Titscher ist Psychotherapeut und Leiter der einzigen österreichischen psychokardiologischen Ambulanz und Beratungsstelle, die es seit 20 Jahren am Wiener Hanuschkrankenhaus gibt. „Aktuelle Studien zeigen gegenseitige Zusammenhänge zwischen Psyche und allen Formen von Herzkrankheiten“, betont er.

Die Erfahrungen der letzten 20 Jahre in Wien weisen, so der Arzt, deutlich auf die vielfachen positiven Effekte eines psychokardiologischen Ansatzes hin: Die Lebensqualität der Betroffenen erhöht sich nachhaltig, der Umgang mit der Krankheit fällt wieder leichter. Auch Veränderungen im Lebensstil werden rascher und deutlich nachhaltiger umgesetzt. Der gesamte Heilungsprozess wird gefördert und wenn es um eine chronische Erkrankung geht, gelingt ebenso der Umgang mit dieser leichter. Damit ergeben sich ebenso ökonomische Effekte: Medikamente wirken besser und können gezielter eingesetzt werden, Spitalsaufenthalte verkürzen sich und es sind weniger häufige Besuche in Spitalsambulanzen nötig.

Viel Erfahrung gesammelt

„Die Wirkungsweise des psychokardiologischen Ansatzes lässt sich schwer mit den Methoden eines mechanistisch geprägten Medizinverständnisses erfassen oder erforschen“, so Titscher, aber die langjährigen positiven Erfahrungswerte in Wien würden eine deutliche Sprache sprechen. Der Zulauf zur Ambulanz und zur Beratungsstelle hätte in den letzten Jahren jedenfalls deutlich zugenommen.

Herz und Psyche – eine Einheit

„Es ist sehr wichtig, Patienten auf den Zusammenhang und die Wechselwirkungen zwischen Herzkrankheiten und psychischen Schwierigkeiten anzusprechen.“ Meist, so Titscher, fühlen sich die Patienten dann besser verstanden und haben auch den Mut, sich mit diesem Aspekt der Krankheit auseinanderzusetzen. Gefördert wird der Zugang zu Selbsthilfegruppen, der Austausch mit Menschen in ähnlichen Lebenssituationen. Auch das verbessert den Umgang mit der Erkrankung.

Titscher ist Vorsitzender der „Arbeitsgruppe Psychokardiologie“ in der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft. Diese hat zum Thema ein Curriculum für eine einjährige Fortbildung entwickelt, die inzwischen zum dritten Mal für Ärzte, Pflegepersonal, Psychologen und Psychotherapeuten angeboten wird. „Ein wichtiges Ziel wäre, dass es an jeder kardiologischen Abteilung Personen aus den verschiedenen Berufsgruppen gibt, die diese Fortbildung absolviert haben.“

Gleichzeitig wäre es grundlegend, dass auch niedergelassene Kardiologen sich mit diesem Themenfeld stärker auseinandersetzen und die Kooperation mit Psychologen und Psychotherapeuten gezielt suchen. Denn gerade in der Nachbetreuung oder bei chronischen Krankheiten gewinne der psychische Aspekt eine noch größere Bedeutung.

Titscher fordert, „endlich die Umsetzung der Pläne für einen Auf- und massiven Ausbau psychosomatischer Betten in Österreich in Angriff zu nehmen.“ Psychosomatik würde auch in der Ausbildung nach wie vor viel zu kurz kommen. Ein positives Gegenbeispiel ist für ihn Deutschland: Dort ist Psychosomatik im Medizinstudium Pflichtfach, damit gibt es eigene Ordinariate an den Universitäten und viele Abteilungen an deutschen Spitälern. Denn, so Titscher: „Der psychokardiologische Ansatz ist auch für den behandelnden Arzt befriedigend und dient letztlich der Burn-out-Prophylaxe.“

Von Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher , Ärzte Woche

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