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Foto: Postgraduelle Aus- & Weiterbildung, Paracelsus Medizinische  Privatuniversität
Prof. Dr. Dietrich Grönemeyer, Universität Witten-Herdecke, Grönemeyer Institut für MikroTherapie
 
Gesundheitspolitik 27. Februar 2009

Leben mit der Informationsflut

Ärztin/Arzt sein im 21. Jahrhundert: Erwartung – Selbstbild – Realität.

Wenn die Erwartungen der Gesellschaft und das Selbstbild des Arztes nicht mehr übereinstimmen, wenn Ressourcen knapp werden und medizinisches Wissen immer komplexer wird, ist es hoch an der Zeit, sich mit diesen Herausforderungen intensiv auseinanderzusetzen. Das geschah Ende Jänner im Rahmen des FORUM MEDIZIN 21, einem Kongress der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg.

 

Jeden Monat werden rund 60.000 neue medizinisch-wissenschaftliche Publikationen in der Onlinedatenbank „pubmed“ gelistet. Nach einer englischen Studie müsste ein Arzt täglich etwa 20 Fachartikel lesen, um einigermaßen auf dem Laufenden zu bleiben. Der Informationsethiker Rafael Capurro von der Hochschule der Medien in Stuttgart forderte etwa in seinem Vortrag beim Forum Medizin 21 „Informationsökologie“, um echte Informationen von überflüssigen „messages“ zu unterscheiden.

Einen möglichen Ausweg präsentierte Prof. Dr. Iikka Kunnamo von der finnischen Ärztekammer: In Finnland haben alle im öffentlichen Gesundheitswesen tätigen Ärzte einen kostenlosen Online-Zugriff auf evidenzbasierte Guidelines. Diese Leitlinien werden von einer unabhängigen Ärztekommission entwickelt und ständig aktualisiert. Zudem arbeitet die finnische Ärztekammer unter der Leitung von Kunnamo an einem „decision support system“, das Patientendaten aus der Praxissoftware direkt mit den Guidelines verlinkt und so den Arzt auf Abweichungen von einer leitliniengerechten Behandlung aufmerksam macht. Die Antwort auf die kritische Nachfrage aus dem interessierten Fachpublikum, ob da der Arzt nicht durch den Computer ersetzt würde: Ganz im Gegenteil – der Computer sei das geeignete Werkzeug, das dem Arzt Entscheidungshilfen gibt, die dann im Gespräch zwischen Arzt und Patient zu einer individuell optimalen Behandlungsentscheidung beitragen, ohne diese konkret vorzuschreiben. Hier wird also evidenzbasierte Medizin ganz im Sinne des EbM-Begründers Prof. Dr. David Sackett verwirklicht: die Integration von aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen, den Wertvorstellungen des Patienten und der klinischen Expertise des behandelnden Arztes.

Die finnischen EbM-Guidelines stehen auch in Österreich als Buch und Online-Version zur Verfügung. Allerdings ist die Nutzung im Internet für den Arzt kostenpflichtig, und die Verbreitung ist – bezogen auf die Gesamtzahl der Ärzte – immer noch relativ gering.

Die Medizin und das ökonomische Argument

Auch im Hinblick auf die Gesundheitsökonomie ist eine Orientierung der Therapie am nachgewiesenen Patientennutzen zu fordern. Der Onkologe und Vorsitzende der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, Prof. Dr. Wolf-Dieter Ludwig, Chefarzt der Klinik für Hämatologie, Onkologie und Tumorimmunologie, Robert-Rössle-Klinik, HELIOS Klinikum Berlin-Buch, wies bei der Veranstaltung darauf hin, dass gerade in der Onkologie, aber nicht nur dort, häufig teure Therapien durchgeführt werden, deren Nutzen für den Patienten unzureichend belegt ist. Hier berührten sich gesundheitsökonomische und ethische Aspekte: das Machbare sei nicht immer das Beste für den Patienten. Der Ethiker und Arzt Dr. Christian Menzel forderte daher die Sinnhaftigkeit ärztlichen Handelns als Maxime für die optimale Versorgung der Patienten.

Aber Gesundheitsökonomie ist natürlich mehr als nur die Entscheidung über den Einsatz teurer Therapieverfahren: Gerade im stationären Bereich ist ein kompetentes Management erforderlich, das nur durch eine engere Kooperation von Ärzten und Wirtschaftsexperten verwirklicht werden kann. Hier gilt es vor allem, die Kommunikationskultur weiter zu entwickeln und zu verbessern.

Der Gesundheitsökonom Prof. Dr. Marc Suhrcke von der University of East Anglia, Norwich, UK, stellte eindrücklich dar, dass die Wertschöpfung des Gesundheitswesens insgesamt zu wenig beachtet wird.

In der oft einseitigen Diskussion über die Kosten des Gesundheitssystems werde nicht berücksichtigt, dass die Erhaltung oder Verbesserung des Gesundheitszustands unmittelbar auf die Leistungsfähigkeit und somit auf die Produktivität in der Arbeitswelt wirkt, also sowohl positive „mikroökonomische“ Auswirkungen auf das Individuum als auch positive „makroökonomische“ Effekte auf die Gesellschaft und die Volkswirtschaft hat. In diesem Sinne sei die öffentliche Hand aufgefordert, mehr Geld in die nachhaltige Entwicklung des Gesundheitssystems zu investieren. Die öffentliche Unterstützung der Erarbeitung und Implementierung von Leitlinien sowie unabhängiger Forschung werde langfristig zu Einsparungen durch effektiveren Einsatz der verfügbaren Mittel und durch gesündere Bürger führen.

Das ärztliche Gespräch steht im Zentrum

Die Forderung nach der Unterstützung von unabhängiger Forschung unterstrich auch Dr. Dietrich Grönemeyer, Radiologe und Spezialist in der sogenannten „Mikrotherapie“ (Vermeidung größerer Operationen durch minimal invasive Eingriffe mit Hilfe moderner Bildgebungsverfahren). Es gelte zum einen, die hochtechnisierte Medizin und Spezialisierung voranzutreiben, zum anderen aber, den Patienten als Ganzes im Auge zu behalten. Hier spielen, so Grönemeyer, die integrierte Versorgung und das ärztliche Gespräch eine zentrale Rolle.

Insgesamt können die Erkenntnisse des ersten „Forum Medizin 21“ in den folgenden Thesen zusammengefasst werden:

  • Unabhängige Leitlinien und Decision Support helfen aus dem Info-Dschungel. Solche Systeme müssen für Österreich entwickelt und allen Ärzten zugänglich gemacht werden.
  • Das Machbare ist weder menschlich noch ökonomisch.
  • Computer und hochtechnisierte Medizin sind Werkzeuge und nicht Ersatz für das ärztliche Gespräch.

Im Mittelpunkt muss immer der Patient stehen.

 

Link: www.forummedizin21.at

Foto: Postgraduelle Aus- & Weiterbildung, Paracelsus Medizinische  Privatuniversität

Prof. Dr. Dietrich Grönemeyer Universität Witten-Herdecke, Grönemeyer Institut für MikroTherapie

Forum Medizin 21 / IS , Ärzte Woche

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