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Das derzeitige System dehnt die Ausbildungszeit oft bis ins vierte Lebensjahrzehnt aus.
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Dr. Martin Andreas MBA, Abteilung für Herzchirurgie an der Universitätsklinik für Chirurgie und Referent für arbeitslose Ärzte und Jungmediziner in der Ärztekammer Wien

 
Gesundheitspolitik 18. Jänner 2011

Kein großer Wurf

Das „jus migrandi“ wertet Absolventen österreichischer Universitäten nur außerhalb der Landesgrenzen auf.

Mit der Veröffentlichung im EU-Amtsblatt ist das sogenannte „jus migrandi“, das die Approbation im Ausland regelt, Realität. Es definiert ab sofort das Medizinstudium als „ärztliche Grundausbildung“. Daraus ergeben sich für österreichische Studienabsolventen positive Auswirkungen im EU-Ausland. Innerhalb Österreichs wird sich dadurch aber – bis auf Weiteres – nichts ändern.

 

Am 14. Dezember 2010 wurde eine österreichische Änderungsmitteilung zu Anhang 5.1.1. der EU-Richtlinie 2005/36/EG über die Anerkennung von Berufsqualifikationen im Amtsblatt der EU publiziert. Bis zu diesem Zeitpunkt waren der Abschluss des Medizinstudiums und der Abschluss der Turnus- oder Facharztausbildung für die Berufsqualifikation bestimmend.

Mit der Veröffentlichung erkennt die Europäische Kommission die Änderungsmitteilung, die vom Gesundheitsministerium in enger Zusammenarbeit mit der Ärztekammer erarbeitet und formuliert wurde, offiziell an und stellt damit österreichische Absolventen eines Medizinstudiums in anderen EWR-Staaten automatisch den Absolventen der dort vorgesehenen ärztlichen Grundausbildung gleich. Diese erhalten direkt im Anschluss an ihr Studium ein entsprechendes EU-konformes Diplom, das in allen Mitgliedsstaaten Gültigkeit hat.

Das Diplom bedeutet aber nicht automatisch eine selbstständige Berufsberechtigung. Das Ausmaß der Berechtigung richtet sich vielmehr nach der jeweiligen gesetzlichen Regelung im entsprechenden EU-Land. In Deutschland zum Beispiel gelten österreichische Absolventen nun als selbstständig berufsberechtigt, in Frankreich ist damit aber nur die Berechtigung zur Weiterbildung unter Aufsicht verbunden, so auch in der Schweiz, wo auch weiterhin eine zusätzliche Weiterbildung zum Facharzt oder Allgemeinmediziner absolviert werden muss.

Unis und Ärztekammer

Das „jus migrandi“ wird von der Ärztekammer begrüßt und insgesamt äußerst positiv bewertet, sagt Dr. Martin Andreas, Referent für arbeitslose Ärzte und Jungmediziner in der Ärztekammer Wien: „Wir fordern seit Jahren das jus migrandi als eine wesentliche Verbesserung der postgradualen Ausbildungssituation außerhalb Österreichs. Wir freuen uns, dass wir durch unsere Aktionen einen wesentlichen Beitrag zu dieser Änderung leisten konnten.“

Andreas beeilt sich aber zu ergänzen, „dass die Gesamtsituation trotzdem unbefriedigend bleibt und wesentliche Verbesserungen weiterhin erforderlich sind.“ Denn innerhalb Österreichs hat die Neuerung keine unmittelbaren Auswirkungen. Mit dem Studienabschluss ist nach wie vor nur die Berufsberechtigung als Turnusarzt verbunden.

Die Wiener Ärztekammer und die Österreichische Hochschülerschaft der Medizinuniversität Wien setzen sich daher, erläutert Andreas weiter, für eine „Approbation direkt nach dem Studium“ ein, die allerdings mit einer erheblichen Änderung im Ärztegesetz insgesamt einhergehen müsse. Ziel sei es, entsprechende Schutzmechanismen zu entwickeln, um zu verhindern, dass approbierte Ärzte auch ohne Ausbildungsvertrag in einer Krankenanstalt anstellbar sind, was laut Andreas einem „Stationsarzt auf Lebenszeit ohne Niederlassungsmöglichkeit“ gleichkommen würde.

Die Forderung nach einer Approbation direkt nach dem Studium findet inzwischen breite Unterstützung, auch durch den Rektor der Medizinischen Universität Graz, Prof. Josef Smolle. Er sieht die qualitativen Voraussetzungen der universitären Ausbildung dafür längst als gegeben: „Unser Studium ist sicherlich gleichwertig mit jenem in den Ländern, die die Approbation mit Studienabschluss erteilen.“ Es sei daher hoch an der Zeit, betonte der Rektor in einem gemeinsamen Pressegespräch mit der Ärztekammer, die Approbationsregelung in Österreich zu überdenken: „Das derzeitige System dehnt die Ausbildungszeit über Gebühr bis ins vierte Lebensjahrzehnt aus. Dabei ist der Turnus aufgrund der Spezialisierung der Spitalsmedizin und der überbordenden Administration immer weniger geeignet, die relevanten Aspekte der Allgemeinmedizin zu vermitteln.“

Mittelbare Folgen in Österreich

Wenn in der Vergangenheit über Für und Wider des „jus migrandi“ diskutiert wurde, brachten Skeptiker vor allem zwei Argumente ins Spiel. Zum einen befürchten sie zukünftig noch mehr ausländische Konkurrenz um einen der begehrten Studienplätze in Österreich. Dem widerspricht allerdings die geltende Studienplatz-Kontingentierung. Demnach sind 75 Prozent der Studienplätze für österreichische Staatsbürger reserviert, 20 Prozent für EU-Ausländer und fünf Prozent für Nicht-EU-Ausländer. Argumentiert wird die Kontingentierung mit dem Schutz der Versorgungssicherheit, wobei ein gewisser rechtlicher Unsicherheitsfaktor für die mittelfristige Beibehaltung dieser Regelung durchaus berücksichtigt werden muss.

Billige Systemerhalter

Außerdem befürchten nicht wenige ein vermehrtes Abwandern österreichischer Absolventen zur postuniversitären Ausbildung ins Ausland, um sich dadurch den Turnus zu ersparen. Sie könnten dem Gesundheitssystem damit vorübergehend – oder auch für immer – verloren gehen und somit insgesamt die ohnehin schon angespannte Personalsituation in Österreichs Krankenhäusern noch zusätzlich verschärfen.

Diese Befürchtung trifft nur für ein System zu, entgegnen Kritiker, das Turnusärzte vorwiegend als „billige Systemerhalter“ begreift, die für den täglichen Krankenhausbetrieb benötigt werden. Das sei aber nicht die „eigentliche Aufgabe der Turnusärzte“, sagt Andreas. „Viele Jungärzte müssen heute einen Turnus machen, um in eine Facharztausbildung aufgenommen zu werden, das war ursprünglich nie so gedacht und macht auch keinen Sinn.“

Zudem gebe es keinen aktuellen Ärztemangel an sich, sondern vielmehr einen zunehmenden Engpass an fertig ausgebildeten Fachärzten. Daher sei es umso wichtiger, den Kliniken möglichst rasch gut ausgebildete Ärzte zur Verfügung zu stellen. Wo diese Ausbildung letztendlich erfolgt, sei dabei weniger ausschlaggebend.

Zeitspanne halbieren

In diesem Sinn könnte das „jus migrandi“ durchaus zum Zugpferd werden, um auch bei der angestrebten Verkürzung der Ausbildungszeit in Österreich politisch endlich weiterzukommen. Eine entsprechende Anpassung des Ausbildungssystems könnte der drohenden Emigration von Jungärzten aus Österreich etwa nach Deutschland entgegenwirken und gleichzeitig den Krankenanstalten schneller fertig ausgebildete Fachärzte anbieten.

Immerhin dauert eine Fachausbildung in Wien heute in der Praxis bis zu zwölf Jahre, rechnet man die durchschnittliche Wartezeit auf einen Turnusplatz von zweieinhalb bis drei Jahren ein. „Realistisches Ziel muss es sein“, sagt Andreas, „die Zeitspanne zwischen Studienende und Facharztabschluss auf etwa sechs Jahre zu halbieren.“

„Jus migrandi“ ist umgesetzt
Mag. Nathalie Holzer vom Internationalen Büro der Österreichischen Ärztekammer bestätigt, dass die zuständigen Behörden der Mitgliedstaaten von der Ärztekammer bereits über die Änderungsmitteilung informiert wurden und daher für Absolventen, die eine ärztliche Tätigkeit im EU-Raum anstreben, keine Probleme auftreten sollten. Möglicherweise verlangen die Behörden aber die Vorlage einer neuen EU-Konformitätsbescheinigung. Diese kann bei Bedarf im Internationalen Büro der Ärztekammer per E-Mail ( ) angefordert werden. Für die Ausstellung ist eine Gebühr in Höhe von
€ 35 zu entrichten.

Von Mag. Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 3 /2011

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