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In Nicaragua herrscht derzeit große Armut. Das war nicht immer so und soll sich nach den Plänen der neuen Regierung auch wieder ändern.
 
Gesundheitspolitik 13. Februar 2009

Nicaragua macht sich auf den Weg aus der Armut

Das Land hat Höhen und Tiefen erlebt. Nach der Revolution in den 80er Jahren gab es soziale Reformen, die später wieder zurückgenommen wurden, berichtet ein Chirurg.

Nicaragua gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Parteipolitische Seilschaften und schwerfällige Bürokratie verhindern, dass das Land den Teufelskreis aus Armut, Korruption und Veruntreuung überwindet. Seit 28 Jahren arbeitet der Chirurg Dr. Peter Rupilius in Managua und findet das Land und die Menschen trotz allem liebenswert.

Mit abgeschlossenem Facharztstudium (Chirurgie), perfektem Spanisch und klaren Vorstellungen von dem, was ihn erwartet, reiste Dr. Peter Rupilius 1980 nach Nicaragua. Lateinamerika war ihm nicht fremd. Rupilius wurde 1951 in Argentinien geboren, wohin seine Eltern nach dem Krieg von Österreich aus emigriert waren. Studiert hat der Arzt, der nach wie vor österreichischer Staatsbürger ist, in Deutschland, in Freiburg im Breisgau, die Facharztausbildung absolvierte er in Lörrach und Rheinfelden.

Die Heimat seiner Eltern hat ihn nie losgelassen: Rupilius ist mit einer Österreicherin verheiratet, die beiden haben eine inzwischen 25-jährige Tochter, und seit 1993 arbeitet er für den Österreichischen Entwicklungsdienst (ÖED) bzw. dessen Nachfolgeorganisation Horizont 3000.

Gekommen ist der Arzt bereits 1980 nach Nicaragua. Damals war das Somoza-Regime gerade durch eine Revolution gestürzt worden, die siegreichen Sandinisten wollten einen Staat ganz neuer Prägung aufbauen – ein Sozialismus auf christlicher Basis schwebte ihnen vor. Wie viele, die damals nach Nicaragua gegangen sind, wollte auch Rupilius helfen, den Traum von einer besseren und friedlicheren Welt zu verwirklichen.

Gerade in Europa gab es große Sympathien für die Entwicklung in Nicaragua. Das Land galt als Symbol für den Widerstand gegen die USA, und diesen Widerstand gab es auch in Europa, denn hier ging die Angst vor einem drohenden Atomkrieg um. Die Friedensbewegung erlebte einen gigantischen Zulauf. Die Revolution in Nicaragua und der Sieg der „linken“ Sandinisten beunruhigte die USA. Die Weltmacht befürchtete, die Sowjetunion könnte Nicaragua als Stützpunkt benutzen und es drohe eine neuerliche Kubakrise, was sie mit einer Wirtschaftsblockade gegen Nicaragua zu verhindern suchte. Für die Friedensbewegten in Westeuropa war das Grund genug, sich mit Nicaragua zu solidarisieren und gegen die USA zu protestieren.

Soziale Reformen in den 80ern

„Zwischen 1980 und 1990 veränderte sich viel in Nicaragua“, erinnert sich Peter Rupilius. Das Bildungssystem wurde reformiert, alle Kinder aus allen Bevölkerungsgruppen erhielten die Möglichkeit zum Schulbesuch. Medizinische Grundversorgung für alle wurde eingeführt, 400 Krankenhäuser im ganzen Land gebaut. Die Regierung errichtete ein flächendeckendes System von Gesundheitszentren, Ärzte- und Gesundheitsposten wurden geschaffen, die eine kostenlose ambulante Versorgung sowie Aufklärung in Hygienefragen und Impfungen anboten. „Im ganzen Land herrschte Aufbruchstimmung, es veränderte sich vieles zum Besseren“, denkt der Arzt etwas wehmütig zurück an seine ersten Jahre in Nicaragua und bedauert, dass diese Entwicklung nur ein paar Jahre angehalten hat.

Rückschritte in den 90ern

Nach dem Machtwechsel 1990 haben die nachfolgenden konservativ-liberalen Regierungen das bestehende Gesundheitssystem zwar weitgehend beibehalten, aber mit immer weniger finanziellen Mitteln ausgestattet. „Zahlreiche Gesundheitsposten mussten geschlossen werden, die Bezahlung der angestellten Ärzte wurde so schlecht, dass viele eine Privatpraxis eröffneten oder in Nachbarländer abwanderten“, berichtet Rupilius. Die Beschaffung der Medikamente wurde privatisiert, was eine massive Verteuerung zu Folge hatte. Spezielle, sehr teure Medikamente habe es zum Teil überhaupt nicht mehr gegeben.

Privatisierungswelle und Rückzug des Staates aus seiner sozialen Verantwortung brachten dem Land keinen Fortschritt. Die Staatsverschuldung stieg, nicht zuletzt auch infolge von Naturkatastrophen. Theoretisch gab es zwar immer noch eine Krankenversicherung für alle. Aber nur wer Arbeit hatte und Lohn erhielt, war auch krankenversichert. Das ging gut, solange die Menschen Arbeit hatten und ihren Lebensunterhalt bestreiten konnten. In den vergangenen Jahren ist die Arbeitslosigkeit massiv angestiegen und damit auch die Armut. „70 Prozent der Bevölkerung haben keine Arbeit und sind folglich nicht versichert.“ Für die gesundheitliche Situation hat das fatale Auswirkungen. „Wer zahlen kann, bekommt eine gute Behandlung westlichen Standards, wer nicht, der erhält bestenfalls eine Diagnose, kann sich eine Therapie oder die erforderlichen Medikamente aber nicht leisten“, sagt Rupilius.

Die Folge: Der allgemeine Gesundheitszustand der Bevölkerung hat sich dramatisch verschlechtert. Die Müttersterblichkeit ist eine der höchsten Lateinamerikas: 230 von 100.000 Müttern sterben bei der Geburt. Auch der Gesundheitszustand der Kinder ist beklagenswert: 15 Prozent leiden an Unterernährung. Vier von 100 Kindern sterben, bevor sie das fünfte Lebensjahr erreichen, geht aus einem Bericht der WHO hervor.

„In den vergangenen Jahren haben Entwicklungshilfeorganisationen aus aller Welt sehr viel geholfen“, betont der Arzt. Vor allem Horizont 3000 – eine Dachorganisation verschiedener Institutionen, die sich in der Entwicklungshilfe engagieren – habe großartige Unterstützung geleistet, lobt Rupilius.

So habe Österreich unter anderem durch Finanzierung und Lieferung von Medikamenten sehr viel dazu beigetragen, dass Ärzte auch in den ärmsten Regionen den Menschen helfen konnten. Rupilius selbst arbeitete zuerst als Unfallchirurg für die Organisation. Später kümmerte er sich um den Aufbau und die Organisation von Gesundheitsprojekten. Seit einigen Jahren steht die Entwicklung und Umsetzung von Gesundheitsprogrammen im Mittelpunkt seiner Tätigkeit.

Neuaufbau seit 2006

„Dabei geht es um HIV beziehungsweise Aids, sexuelle Erkrankungen, Hygiene, sauberes Wasser und dezentrale Gesundheitsverwaltung“, schildert der Arzt die Schwerpunkte seiner Arbeit. Seit den Wahlen 2006 und dem erneuten Sieg der Linken gebe es wieder eine sozial orientierte Gesundheitspolitik. Korruption, parteipolitische Prioritäten, umständliche Bürokratie und Seilschaften gebe es aber immer noch. „Das lässt sich nicht von heute auf morgen abschaffen“, meint Rupilius und freut sich über jeden winzigen Schritt in Richtung eines sozialen Systems. Er sei schon froh, wenn es gelänge, die Ausweitung der Armut zu stoppen.

Trotz aller Probleme und Einschränkungen liebt der Arzt Nicaragua und hat nicht vor, wegzugehen: „Es ist nicht alles furchtbar hier, das Leben hier kann auch sehr schön sein, das Land ist schön und die Menschen sind sehr liebenswert.“

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In Belgien wird der Patient sofort zur Kassa gebeten

Was Österreich vom Ausland noch lernen kann

Tabelle:
Das Gesundheitssystem in nüchternen Zahlen betrachtet
Ein armes Land auf dem Weg zu einer sozialen Gesundheitsversorgung
KennwerteNicaraguaOECD-SchnittÖsterreich
Gesundheitsausgaben in US$ pro Einwohner 646 2.450 3.161
Gesundheitsausgaben in Prozent vom BIP 6,6 8,9 10,1
BIP in US$ pro Einwohner 12.090 31.061 35.695
Öffentliche Gesundheitsausgaben in Prozent* 44,2 73,0 76,2
Lebenserwartung bei Geburt in Jahren 75,7 78,9 79,9
Krankenhausbetten pro 1.000 Einwohner 1,7 5,5 7,6
Computertomografen pro Million Einwohner 3,6 19,2 29,8
Magnetresonanztomografen pro Million Einwohner 1,4 10,2 16,8
Praktizierende Ärzte pro 1.000 Einwohner 1,9 3,1 3,4
Ausgaben Arzneimittel in US$ pro Einwohner 148 384 393
Quelle: OECD Gesundheitsdaten 2008, Stand Juni; Recherche und Aufbereitung der Daten: IHS, Maria Hofmarcher und Heidemarie Straka *an den gesamten Gesundheitsausgaben.
Kasten:
Wie andere Gesundheitssysteme arbeiten
In den USA werden nur wohlhabende Menschen medizinisch versorgt, in England müssen sie lange warten und in Schweden ist das Paradies. In gesundheitspolitischen Diskussionen werden in Österreich oft Mythen aus anderen Ländern als Positiv- oder Negativbeispiele strapaziert. Doch wie sieht die Realität aus? Die Ärzte Woche traf aus Österreich stammende Ärzte, die in den USA, England, Schweden und anderen Ländern arbeiten. Sie erzählen, wie die Systeme wirklich funktionieren und was wir davon lernen können.
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In Nicaragua herrscht derzeit große Armut. Das war nicht immer so und soll sich nach den Plänen der neuen Regierung auch wieder ändern.

Foto: Privat

Dr. Peter Rupilius , Chirurg und Entwicklungshelfer in Managua

Von Birgit Köhlmeier, Ärzte Woche 7/2009

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