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Finnland hat fünf Universitätskliniken bei 5,3 Millionen Einwohnern, regionale Gesundheitszentren und gibt weniger für Gesundheit aus als Österreich.
 
Gesundheitspolitik 13. Februar 2009

Rekordverdächtiges Tempo bei Reformen in Finnland

Im hohen Norden punkten die Finnen mit Prävention und einem staatlich finanzierten Gesundheitssystem, schildert ein gebürtiger Niederösterreicher.

Finnland ist auf der Überholspur. Nicht nur im Bildungsbereich, auch im Gesundheitswesen wird mit rasanter Geschwindigkeit reformiert. „Während in Österreich noch über ein Projekt diskutiert wird, ist es in Finnland längst umgesetzt und schon mindestens zweimal reformiert worden“, sagt Dr. Christoph Gumpinger, der seit sechs Jahren in Finnland lebt und in einem Krankenhaus in Vantaa bei Helsinki arbeitet.

Finnland wurde jahrelang vom restlichen Europa misstrauisch beäugt, das politische und ökonomische System wegen der Fokussierung auf die frühere Sowjetunion geringschätzig als „Finnlandisierung“ bezeichnet. Seit dem Ende des 2. Weltkriegs hatte das Land eine freundschaftliche Distanz zum mächtigen Ostnachbarn praktiziert, nicht zuletzt um unabhängig zu bleiben.

Das ist dem 5,3-Millionen-Einwohner-Staat zwar gelungen, doch der Zusammenbruch der Sowjetunion stürzte Finnland, dessen Wirtschaft sich großteils auf den Osthandel gestützt hatte, in eine Wirtschaftskrise. Gleichzeitig erlangte das Land aber größeren außenpolitischen Spielraum. Finnland nutzte diese Chance, bewältigte die Krise, reformierte Bildungssystem und Gesundheitswesen, trat 1995 der EU bei und mauserte sich mit atemberaubender Geschwindigkeit von einem der ärmsten Länder Europas zu einem prosperierenden Wohlfahrtsstaat.

Das waren aber keine Beweggründe für Dr. Christoph Gumpinger, sich in Finnland niederzulassen. Nach dem Medizinstudium in Wien zog es den aus Waidhofen an der Ybbs stammenden Niederösterreicher für zwei Jahre als Turnusarzt nach Schottland und Wales. Davor hatte er bei einem Kroatienurlaub eine junge Finnin kennen gelernt, mit der er heute auch verheiratet ist und eine dreieinhalbjährige Tochter und einen eineinhalbjährigen Sohn hat.

Nach einem kurzen Zwischenspiel in Wien übersiedelte der junge Arzt deshalb 2002 endgültig in den hohen Norden. „Ich wurde in Finnland sehr freundlich aufgenommen, als Österreicher genießt man hier so etwas wie einen Sisi-Bonus“, erinnert er sich. Er bekam eine Stelle als bezahlter Famulant, lernte in nur vier Monaten in einem Intensivkurs die Sprache, was er schmunzelnd mit „das war gar nicht so schwer“ kommentiert.

Die Arbeitsbedingungen für einen Arzt sind nach Ansicht von Gumpinger in Finnland wesentlich günstiger als in Österreich. „Im Spital habe ich eine 38-Stunden-Woche und höchstens sechs Nacht- und Spätdienste pro Monat, obwohl weniger Ärzte in der Klinik sind als in Österreich.“ Patientendokumentationssysteme sind seit zehn Jahren in elektronischer Form verfügbar und vernetzt. Als Jungarzt bekomme man rasch große Verantwortung übertragen.

Der 37-Jährige absolviert derzeit die Facharztausbildung für Orthopädie und Traumatologie im Krankenhausverband Helsinki. „Es wird streng auf die Erreichung der Ausbildungsziele geachtet, die letzten zwei- bis zweieinhalb Jahre der Ausbildung finden unabhängig vom Fach an einer der fünf Universitätskliniken statt.“

In Finnland gibt es – ebenso wie im Nachbarland Norwegen – nur eine staatliche Krankenversicherung, keine Rezeptgebühr, und bei den ersten drei Arztbesuchen im Jahr müssen jeweils elf Euro Selbstbehalt bezahlt werden. „In jeder Gemeinde gibt es je nach Größe eine bestimmte Anzahl von Gesundheitszentren, in denen Allgemeinmediziner und, je nach regionalem Bedarf, auch Fachärzte die Patienten behandeln und, wenn notwendig, ins Spital überweisen“, erklärt Gumpinger. Jeder Bürger müsse das für seinen Wohnort zuständige Gesundheitszentrum aufsuchen, wo er sich aber den Arzt seiner Wahl aussuchen könne. Die Ärzte sind in diesen Gesundheitszentren angestellt, finanziert von den Gemeinden.

Neben diesem öffentlichen System beginnen sich seit einigen Jahren private Ärztestationen und Spitäler zu etablieren. Sie verlangen höhere Gebühren, die nur zu einem Bruchteil von der öffentlichen Versicherung ersetzt werden. Deshalb werden private Zusatzversicherungen angeboten. Um die gesetzlich maximal erlaubte Wartezeit von sechs Monaten nicht zu überschreiten, sehe sich der öffentliche Gesundheitssektor auch teilweise gezwungen, Operationszeiten vom privaten Sektor zu kaufen.

Dass in Finnland ein geringerer Anteil des Brutto-Inlands-Produkts (BIP) für Gesundheit ausgegeben wird als in Österreich, liegt seiner Meinung nach auch daran, dass wegen des Ärztemangels kleinere und nicht unbedingt lebensnotwendige Operationen nicht durchgeführt werden. Ähnlich wie in Norwegen vertrauen auch die Finnen stark auf die Selbstheilungskräfte des Körpers. Zudem wird verstärkt auf Prophylaxe gesetzt.

Stark bei Prävention

„Eines der besten Dinge in Finnland sind die standardisierten Vorsorgeuntersuchungen, die es für Schwangere, für Säuglinge und für Kinder bis hin zu Reihenuntersuchungen an Schulen gibt.“ Ziel sei ein nationales Datennetz als Basis für künftige Maßnahmen in der Gesundheitspolitik. Auch die Arbeitnehmer kommen in den Genuss der Prävention. Im Rahmen der gesetzlich vorgeschriebenen gesundheitlichen Versorgung am Arbeitsplatz müssen Arbeitgeber Vorsorgeuntersuchungen finanzieren.

Von der Reform-Verliebtheit der Finnen könne Österreich viel lernen, meint Gumpinger: „Hauptproblem in Österreich ist die Angst vor der Veränderung.“ Seinen Berufskollegen in der Heimat rät der Arzt deshalb, sich besser über die Gesundheitssysteme in anderen Ländern zu informieren.

Lesen Sie weitere Teile der Ärzte-Woche-Serie "Auslandsmediziner schildern ihren Alltag":

Kanada: Ein Land, in dem Ärzte die Freiheit schätzen

Italien: Gesundheitssystem in öffentlicher Kritik

Frankreich: Liberales System mit zahlreichen Tücken

Peru: Unterversorgung und Boom bei Schönheits-OPs

Schweden: Es ist nicht alles Gold, was glänzt

Großbritannien holt im Gesundheitswesen auf

Niederlande: Ambivalente Meinungen über Reform

Deutschland: Von Innsbruck nach Berlin: Den Rechenstift im Kopf

Norwegen hat ein gesundes Luxusproblem

Nicaragua macht sich auf den Weg aus der Armut

Spanien, Land der langen Patienten-Wartelisten

Wie der König Thailands das Rauchen stoppt

Indien: Gute Ausbildung, aber fehlende Infrastruktur

Hohe Kindersterblichkeit im goldreichen Ghana

Israel: Bei medizinischer Versorgung beispielhaft

In Belgien wird der Patient sofort zur Kassa gebeten

Was Österreich vom Ausland noch lernen kann

Tabelle:
Das Gesundheitssystem in nüchternen Zahlen betrachtet
Weniger niedergelassene Ärzte und geringere Gesundheitsausgaben
KennwerteFinnlandOECD-SchnittÖsterreich
Gesundheitsausgaben in US$ pro Einwohner 2.446 2.450 3.161
Gesundheitsausgaben in Prozent vom BIP 8,2 8,9 10,1
BIP in US$ pro Einwohner 32.728 31.061 35.695
Öffentliche Gesundheitsausgaben in Prozent* 76,0 73,0 76,2
Lebenserwartung bei Geburt in Jahren 79,5 78,9 79,9
Krankenhausbetten pro 1.000 Einwohner 6,9 5,5 7,6
Computertomografen pro Million Einwohner 14,8 19,2 29,8
Magnetresonanztomografen pro Million Einwohner 15,2 10,2 16,8
Praktizierende Ärzte pro 1.000 Einwohner 2,7 3,1 3,4
Ausgaben Arzneimittel in US$ pro Einwohner 357 384 393
Quelle: OECD Gesundheitsdaten 2008, Stand Juni; Recherche und Aufbereitung der Daten: IHS, Maria Hofmarcher und Heidemarie Straka *an den gesamten Gesundheitsausgaben.
Kasten:
Wie andere Gesundheitssysteme arbeiten
In den USA werden nur wohlhabende Menschen medizinisch versorgt, in England müssen sie lange warten und in Schweden ist das Paradies. In gesundheitspolitischen Diskussionen werden in Österreich oft Mythen aus anderen Ländern als Positiv- oder Negativbeispiele strapaziert. Doch wie sieht die Realität aus? Die Ärzte Woche traf aus Österreich stammende Ärzte, die in den USA, England, Schweden und anderen Ländern arbeiten. Sie erzählen, wie die Systeme wirklich funktionieren und was wir davon lernen können.
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Finnland hat fünf Universitätskliniken bei 5,3 Millionen Einwohnern, regionale Gesundheitszentren und gibt weniger für Gesundheit aus als Österreich.

Foto: Privat

Dr. Christoph Gumpinger (mit Sohn Leo), Orthopäde in Vantaa bei Helsinki

Von Birgit Köhlmeier, Ärzte Woche 6/2009

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