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Foto: ©iStockphoto.com/profeta
 
Gesundheitspolitik 5. Jänner 2011

Rohstoff Mensch

Österreich gehört beim Umgang mit Organspenden mit seiner sogenannten Widerspruchsregelung weltweit zu den Vorzeigeländern. Doch in anderen Ländern blüht das illegale Geschäft mit Organen nach wie vor.

Ob Ägypten oder der Kosovo, Israel oder Nigeria, die Schweiz oder Indonesien – alle diese Staaten haben eines gemeinsam: Sie wurden im vergangenen Jahr mit dem illegalen Organhandel in Zusammenhang gebracht. Quer über alle Kontinente und Kulturen spannt sich mittlerweile das Netz.

 

In der Mitte Europas sorgte vor einem Monat EU-Sonderberichterstatter Dick Marty für öffentliche Aufregung: Ausgerechnet der Kosovo-Premier Hashim Thaci soll, so der 23 Seiten starke Bericht des Schweizers für den Europarat, als UCK-Kommandant am Handel mit Organen serbischer Kriegsgefangener beteiligt gewesen sein. Laut der Belgrader Tageszeitung Politika wären die Organe in mehrere Länder geliefert worden: Deutschland, USA, Israel, Großbritannien und Skandinavien. In den Organhandel wären, so die Zeitung weiter, zudem Ärzte aus Israel, Brasilien, der Türkei und von den Philippinen verwickelt gewesen. Dass die Beschuldigungen nicht neu sind, aber genau zur Wahl wieder aufgegriffen wurden, gab der Sache noch einen weiteren Touch verdeckter Machenschaften.

Der Markt ist groß

Eine einmalig grausame Geschichte, möchte man meinen, die von einer Welt korrupter Politiker, gekaufter Mediziner und Menschenleben, die keinen Wert haben, handelt. Doch das ist leider weit gefehlt, denn der Markt ist groß und wird mit den medizinischen Erfolgen in der Transplantationsmedizin immer größer. „Tausche Niere gegen Auto“ konnte man zum Beispiel auf der indonesischen Website iklanote.com lesen, wie Welt online Anfang des Jahres berichtete. Der Hintergrund: Ein 16-jähriger Junge bot seine Niere in einer Anzeige für 350 Millionen Rupien (26.000,– Euro) an oder „im Tausch gegen einen Toyota Camry“. Ein Angebot wie dieses ist im Internet längst kein Einzelfall. Ob eine Niere, ein Teil der Leber oder die Augenhornhaut: In armen Entwicklungsländern werden die eigenen Organe als „letzter Ausweg“ für Autos, Schulgebühren oder zum Schuldenabbau verkauft. Offiziell ist zwar in Indonesien, wie in den meisten anderen Staaten auch, der private Handel mit Organen verboten, trotzdem aber aus „humanitären Gründen“ möglich, wobei „humanitär“ nicht näher definiert sei, wie Anas Jusuf von Interpol Indonesien gegenüber Welt online kritisiert. Im indischen Madras, so berichtete Der Spiegel, werde ein ganzes Slum im Norden der Stadt bereits „Kidneyvakkam”, „Nieren-Dorf“, genannt, weil auch hier der Verkauf der eigenen Organe als letzte Rettung aus der Armut gilt.

Schauplatz Moldawien

Doch auch in Europa blüht der illegale Organhandel. Die Politikerin R. G. Vermot-Mangold recherchierte schon 2002 für den Europarat in Moldawien. Eindrucksvoll schildert sie in ihrem Bericht, der beim Bundesverband der Organtransplantierten1 nachzulesen ist, wie sie mit 14 jungen, meist männlichen Spendern in Moldawien in Kontakt kam: „Die Spender wurden in die Türkei in angemietete Krankenhaus-Räumlichkeiten gebracht. Sie wurden gebeten, Einverständniserklärungen zu unterschreiben, ohne jegliche vorherige Information. Manchmal trafen sie die Empfänger vor der Operation, aber solche Fälle waren selten. Die medizinischen Untersuchungen fanden nachts statt. Die postoperative Zeit und das medizinische Follow-up dauerten meist nicht mehr als fünf Tage, bevor die Männer wieder in ihr Ursprungsland zurückgebracht wurden.“ Die Liste der Beispiele ließe sich noch lange weiterführen. Der Hintergrund ist immer ähnlich: Armut und Verzweiflung bringen Menschen dazu, Teile ihres Körpers zu verkaufen, ohne die gesundheitlichen Folgen zu bedenken.

Transplantationstourismus

Auf der anderen Seite des Organhandels stehen die reichen Industriestaaten. „Transplantationstourismus“ heißt hier das Schlagwort für das Geschäft mit der Verzweiflung wohlhabender Schwerstkranker. Rund 40.000 bräuchten in Westeuropa dringend eine Nierentransplantation. 15 bis 30 Prozent von ihnen sterben, während sie auf der Warteliste stehen, schätzt der Europarat-Bericht von 2004. Oder anders gesagt: Täglich sterben im Durchschnitt in Deutschland drei Patienten, die auf einer Warteliste stehen. Kein Wunder also, wenn es auch hier dialysepflichtige Patienten gibt, die plötzlich mit frischer Operationsnarbe und der Bitte um eine immunsuppressive Therapie von einer Auslandsreise zurückkehren. Darüber berichtete erstmals vor einem Jahr die Ärzte Zeitung. „Das ist kein Beleg, aber ein indirekter Hinweis, dass es auch bei uns illegale Praktiken geben könnte“, sagte Dr. Axel Rahmel, medizinischer Direktor der Eurotransplant (ET) in Deutschland im Interview zu den geschilderten Erlebnissen deutscher Ärzte. Trotzdem ist bis heute nicht viel geschehen. Die große Frage heißt: Warum? Weil die Gesetze von Land zu Land zu unterschiedlich sind, weil deren Auslegung Ansichtssache ist, weil das Thema zu komplex und obendrein interdisziplinär zu lösen wäre oder weil kaum jemand das heiße Thema wirklich anfassen will? Deshalb wird seit Jahren diskutiert.

Problem der Kommerzialisierung

Die „Kommerzialisierung des menschlichen Körpers“ war auch 2007 Tagungsthema. Prof. Dr. Jochen Taupitz, Direktor des Instituts für Deutsches, Europäisches und Internationales Medizinrecht der Universität Heidelberg, brachte die Problematik in der Tagungspublikation2 in einem Satz treffend auf den Punkt: „Der Rohstoff Mensch spielt aufgrund der medizinisch-wissenschaftlichen Entwicklung eine immer größer werdende Rolle, aber gleichzeitig drücken zahlreiche Gesetze und Empfehlungen immer stärker ein Kommerzialisierungsverbot aus.“ Das kann auf Dauer nicht gut gehen. Der Nephrologe Michael M. Friedländer berichtete in Lancet3 aus dem Krankenhausalltag in Israel, wo arabische Israeli sich gekaufte Nieren im Irak transplantieren ließen. Da jüdischen Israeli eine Reise in den Irak aber unmöglich ist, wurden alternative Spenderländer wie Estland, Bulgarien oder Rumänien gefunden, und im nächsten Schritt begleiteten israelische Chirurgen ihre Patienten in diese Länder und führen seither dort die Transplantationen durch. Trotz des offiziellen Handelsverbots übernehmen israelische Krankenversicherungen mittlerweile bis zu 40.000 US Dollar bei einer im Ausland durchgeführten Transplantation. Das Resultat dieser Entwicklung: Inzwischen haben 25 Prozent der in der Universitätsklinik von Jerusalem behandelten Transplantierten eine Niere im Ausland gekauft, erklärt Friedländer. Als konsequenten letzten Schritt fordert der Mediziner deshalb die Schaffung eines regulierten Organmarktes.

Was spricht eigentlich gegen eine Kommerzialisierung? Sehr viel, meint die Juristin Dr. Eva Zech in ihrer Analyse zur Kommerzialisierung der Transplantationsmedizin2. Denn im Organhandel würde das Recht auf Menschenwürde verletzt, zudem hätten nur noch Reiche die Möglichkeit, sich ein Organ und damit Gesundheit zu kaufen. Das Hauptargument gegen eine Kommerzialisierung der Lebendspende sei allerdings die Gefahr der Ausbeutung: Stammt der Spender aus einem Dritte-Welt-Land, so lebt er meist in schlechten wirtschaftlichen Verhältnissen. Durch die Spende verbessert der Spender seine soziale Not aber kaum. Ganz im Gegenteil: Die gesundheitlichen Folgen werden nicht berücksichtigt und mehr als 90 Prozent der gezahlten Summe wird unter dem Organhändler, den Mittelsmännern und dem Operateur aufgeteilt. Auch die Idee, Spendern legal finanzielle Anreize zu bieten, stößt auf Widerspruch: Damit gäbe es keine Argumentation mehr gegen das Verbot zum aggressiven Organhandel.

Wege aus dem illegalen organisierten Organhandel

Gegen den organisierten illegalen Organhandel werden vor allem zwei Wege ins Auge gefasst: Zum einen, wie die starke Zunahme an Lebendorganspenden rechtlich abgesichert werden kann, und zum anderen, wie mehr postmortale Spender gefunden werden können.

Weltweit werden vor allem drei Verfahren diskutiert, um die Zahl der Lebendorganspenden zu erhöhen und die Wartezeit auf ein postmortal gespendetes Organ zu verkürzen: Die Schaffung eines kontrollierten Organmarktes mit gekauften Spenderorganen, die anonyme Lebendorganspende in einem Organpool zusammenzuführen und die Forcierung der Cross-Over-Spende, das heißt der Organspende zwischen zwei Paaren, wenn wegen der Blutgruppenunverträglichkeit der eigene Partner sich nicht für die Spende eignet, aber jeweils der Partner des anderen in Frage kommt.

Bei den postmortalen Spendern wird häufig das Krankenhaus als zentraler Lösungsansatz angeführt: Würde das seiner Meldepflicht nachkommen, könnten weitaus mehr potenzielle Spender zur Verfügung stehen. In diesem Zusammenhang wird daher auch diskutiert, ob es nicht besser wäre, in möglichst vielen Staaten, so wie in Österreich, die Widerspruchslösung einzuführen, um so die Spenderzahl zu erhöhen. Denn mit dieser Regelung wird jeder, der nicht widerspricht, automatisch zum Organspender.

Die World Health Organisation geht heute davon aus, dass von den jährlich weltweit rund 97.000 Transplantationen zehn Prozent illegal sind. Die Dunkelziffer dürfte aber weitaus höher liegen. Denn abgesehen von den illegalen, aber doch freiwilligen und öffentlichen Organangeboten, gibt es noch die vielen brutalen Verbrechen an „rechtlosen“ Unbekannten: Kriegsgefangene und Hingerichtete zum Beispiel oder Straßenkinder. Wie jene in Mosambik, deren Verschwinden nur vom örtlichen Kloster beobachtet wurde: „In einem Jahr sind mehr als 120 Kinder verschwunden“, erzählt Pater Claudio Avallone gegenüber der internationalen Kirchenzeitung 30 Tage: „Zum jährlichen Weihnachtsessen haben wir mit 95 Kindern gerechnet, tatsächlich kamen nur noch 15. Ein Mann zeigte uns die verstümmelten Leichen in einem Graben außerhalb der Stadt.“

 

1 Bundesverband der Organtransplantierten, Deutschland

2 Kommerzialisierung des menschlichen Körpers

DOI: 10.1007/978-3-540-69973-6_29

3 The right to sell or buy a kidney: are we failing our patients?

Michael M Friedlaender

Nephrology and Hypertension Services, Hadassah University Hospital, PO Box 12000, 91120, Jerusalem, Israel

Lancet 359:971-3

Von Andrea Niemann, Ärzte Woche 1 /2011

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