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Gesundheitspolitik 12. Februar 2009

Aufmerksamkeit heischen bei potenziellen Patienten

Awareness-Kampagnen für Krankheiten und ihre Therapie, hinter denen inhaltlich und finanziell die pharmazeutische Industrie steht, geraten zunehmend in den Mittelpunkt der Kritik.

Wie weit darf Pharmawerbung gehen? Diese Frage wird derzeit nicht nur von der EU-Kommission diskutiert, sondern auch von Marketingexperten und Journalisten. Im Mittelpunkt steht das Thema Awareness-Kampagnen.

 

300 Millionen Euro – so viel gibt der US-Pharmakonzern Wyeth derzeit allein in Österreich aus, um Werbung für eine Krankheit zu machen, für rheumatoide Arthritis. Diese Summe gab zumindest Wyeth-Chef Christoph Sauermann bei einer Diskussion in Wien öffentlich zu. Da in der österreichischen Gesundheitspolitik ein starkes Finanztopfdenken vorherrsche, das weder dem Patienten noch einem zukünftig funktionierenden Gesundheitswesen gerecht werde, sei eines der Ziele der Awareness-Kampagne, die Entscheidungsträger im Gesundheitswesen anzusprechen und sie dazu anzuregen, über die derzeitige Versorgungssituation von Rheumapatienten in Österreich nachzudenken, so rechtfertigte Sauermann die auch in Pharmakreisen umstrittene Kampagne.

Mit Inseraten in heimischen Zeitungen hatte der Pharmakonzern Gesundheitspolitiker gefragt, warum neue Medikamente nicht auf den Markt kommen würden. Als Absender schien allerdings in der ersten Werbewelle nicht der Pharmakonzern auf, sondern eine Selbsthilfegruppe und ein nicht ganz transparenter Verein mit dem Namen „Der österreichische Patient“. Auffallend dabei: Verein und Werbeagentur der Kampagne residieren an der gleichen Adresse in Wien, was nicht zuletzt auch in heimischen Zeitungen in den vergangen Tagen für kritische Berichte gesorgt hat.

Diskrete Unterstützung

Dazu kommt, dass der Fall Wyeth nicht der erste in einer zunehmend länger werdenden Kette derartiger Kampagnen ist. Im Februar vergangenen Jahres erregte etwa das Nachrichtenmagazin profil Aufsehen mit einem Bericht, wonach sich die vorgeblich unabhängige Österreichische Initiative gegen Gebärmutterhalskrebs diskret vom Pharmakonzern Sanofi Pasteur MSD finanzieren ließ. Ziel der Initiative war die Einführung einer HPV-Gratisimpfung auf Kosten der Krankenkassen.

„Nicht nur die Initiative selbst wird unterstützt; auch Ärzte, die im vorgeblich unabhängigen medizinischen Beirat sitzen, haben bereits von Sanofi Geld kassiert – sei es für Forschung, Patentlizenzen oder Vorträge“, schrieb das Magazin. Diese finanziellen Zusammenhänge würden weder auf den Werbemitteln noch auf der Homepage der Initiative (www.gebaermutterhalskrebs.at) offengelegt – ein klarer Verstoß gegen die Transparenzregeln, die sich die Pharmaindustrie selbst auferlegt hat. Der Bericht hatte Konsequenzen: Nach der Enthüllung über die heimliche Finanzierung der Österreichischen Initiative gegen Gebärmutterhalskrebs durch den Pharmakonzern Sanofi Pasteur MSD hat das prominente Zugpferd der Kampagne, die Schauspielerin Katharina Stemberger, rasch reagiert. Die Finanzierung durch Sanofi Pasteur MSD werde auf der Website deutlich angeführt, auch auf allen Nachdrucken der Folder werde die jeweilige Art der Finanzierung in Zukunft deutlich genannt, teilte die Initiative schriftlich mit.

Für den Meinungsforscher Rudolf Bretschneider (Fessel-GfK Institut) sind Awareness-Kampagnen kein wirkliches Problem, vielmehr ein Trend der Zeit. Gesundheitsthemen würden in den Medien zu einem immer beliebteren inhaltlichen Schwerpunkt für Herausgeber, Redakteure und Medienbetreiber. „Nicht nur kranke Menschen interessieren sich für Gesundheit, sondern auch jene, die sich gesund fühlen.“ Die Informationskanäle, über welche die Gesundheitsberichterstattung erfolge, könnten dabei vielfältig sein. Sie reichen von Ärztekammern und Gesundheitsministerien bis hin zur Pharmaindustrie. Bretschneider: „Awareness-Kampagnen sind Träger dieser Informationen. Patienten haben das Recht, informiert zu werden, welche Produkte es am Markt gibt. Man sollte bezüglich der Informationswege ein bisschen großzügiger sein und auch so etwas wie offizielle Werbung zulassen.“ Denn etwa chronisch kranke Menschen seien auf der Suche nach Information zur Heilung ihrer Krankheit. Aus welchen Kanälen – Medien oder Kampagnen – die gewünschte Information kommt, sei aus soziologischer Sicht belanglos, philosophierte Bretschneider bei der Diskussion, die übrigens von jener Firma organisiert worden war, die auch für die Wyeth-Kampagne beauftragt war.

Öffentlichkeitsarbeit

Verteidigt werden Awareness- und Vorsorgekampagnen auch von der Ärztekammer. Für deren Wiener Pressesprecher Dr. Hans-Peter Petutschnig sind sie eine wichtige Methode der Öffentlichkeitsarbeit, die in den vergangenen Jahren sehr erfolgreich war. „Die von uns durchgeführten Vorsorgekampagnen haben in Wien zu einer Steigerung der Gesundenuntersuchungen um 11,2 Prozent im Jahr 2007 geführt.“

Auch für Daniela Loisl, Präsidentin der Österreichischen Rheuma Liga, geht es bei den Awareness-Kampagnen um die gesellschaftliche Bewusstseinsbildung darüber, was die rheumatoide Arthritis ist und welche Symptome diese schwerwiegende chronische Erkrankung haben kann. „Es ist besonders wichtig, die Betroffenen über die Auswirkungen der rheumatoiden Arthritis auf ihr Alltagsleben und ihre Lebensqualität zu informieren.“ Und: „Wir sind darauf angewiesen, unsere Arbeit durch Sponsoren zu finanzieren. Dazu gehört auch die Pharmaindustrie.“ Awareness-Kampagnen seien keine Angstmacherei, sondern die Möglichkeit, Informationen in die Gesellschaft fließen zu lassen, um den von dieser chronischen Krankheit Betroffenen durch die Wahl der wirksamsten und besten Medikamente zu helfen. Ins gleiche Horn stieß, wenig überraschend, Wyeth-Chef Sauermann. „Es liegt nicht im Ziel der Awareness-Kampagne von Wyeth, Werbung für ein rezeptpflichtiges Medikament zu machen.“ Es gehe darum, den betroffenen Patienten balancierte Informationen über die Krankheit zu geben. Sauermann: „Die Pharmaindustrie erfindet keine Medikamente, sondern investiert viel Geld für die Entwicklung von neuen Therapiemöglichkeiten. Dabei muss Information aus erster Hand an die Betroffenen weitergegeben werden. Und das geschieht im Zuge der Awareness-Kampagne.“

Werbeverbot lockern?

Eine Absage gegen derartige Entwicklungen kam von Prof. Dr. Theo Dingermann bei einer Konferenz des Österreichischen Apothekerverbands. Dingermann ist Chefredakteur der Zeitschrift Die Pharmazie und Mitglied der deutschen Arzneibuchkommission. Für ihn werden in der Diskussion bewusst die Begriffe Werbung und Information gleichgesetzt. Er verwies auf ein ablehnendes Statement der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft (DPhG) gegen die Initiative der EU-Kommission, das Werbeverbot für verschreibungspflichtige Medikamente zu lockern. Da die Grenze zwischen sachlicher Information und Werbung fließend sei und die Hersteller von Medikamenten als Wirtschaftsunternehmen primär an ihre Umsätze denken müssten, lehnt die DPhG die Initiative der Kommission ab. Die Patienten sollten Informationen zu verschreibungspflichtigen Medikamenten nur von Fachkreisen erhalten dürfen. Bislang sei es der Pharmaindustrie untersagt, für rezeptfreie Medikamente zu werben. Nach Artikel 86 Abs. 1 der europäischen Richtlinie 2001/83/EG zu Arzneimittel-Patienteninformationen gelten als „Werbung für Arzneimittel“ alle Maßnahmen zur Information, zur Marktuntersuchung und zur Schaffung von Anreizen mit dem Ziel, die Verschreibung, die Abgabe, den Verkauf oder den Verbrauch von Arzneimitteln zu fördern. Produktaussagen zu verschreibungspflichtigen Medikamenten werden in diesem Kontext als Werbeaussagen eingestuft und sind nach §10 Abs. 1 des Heilmittelwerbegesetzes außerhalb der Fachkreise verboten. „Patienten sollen das Recht haben, sich über verschreibungspflichtige Medikamente kompetent informieren zu können. Sie sollten aber auf keinen Fall Informationen zu verschreibungspflichtigen Medikamenten direkt von der pharmazeutischen Industrie erhalten können“, schreibt die DPhG.

Von Martin Rümmele, Ärzte Woche

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