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Gesundheitspolitik 7. Dezember 2010

77 Prozent wünschen eine umfassende Gesundheitsreform

Zwei Drittel der Österreicher (68 Prozent) fordern eine Finanzierung aus einem Topf und knapp die Hälfte (49 Prozent) ist für Reformen im Spitalswesen. Das geht aus einer aktuellen Umfrage der GfK hervor, mit Download.

SpringerMedizin.at hat nachgefragt: Einheitliche Steuerung oder föderalistische Zersplitterung – welcher Weg ist der erfolgreichere?

Die Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Organisationsprinzipien für das heimische Gesundheitswesen diskutierten Dr. Arno Melitopulos (Gesundheit Österreich GmbH), Mag. Dr. Hans-Jörg Schelling (Hauptverband der Österreichischen Sozialversicherungsträger), Mag. Sonja Wehsely (Stadträtin für Gesundheit und Soziales) sowie Dr. Michael Heinisch von der Vinzenz Gruppe vor wenigen Tagen in der Wirtschaftskammer Österreich.

 

Verschiedene Rankings reihen Österreichs Gesundheitswesen an die EU-Spitze. 2007 zeichnete der Euro Health Consumer Index (EHCI) das österreichische Gesundheitswesen mit dem ersten Rang unter 29 teilnehmenden Staaten aus. Auch in einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird dem österreichischen Gesundheitswesen ein sehr gutes Zeugnis ausgestellt.

Wie gut ist „gut“?

Doch was bedeutet diese Bewertung in der Praxis tatsächlich und was ist so „gut“ an einem System, das scheinbar oder tatsächlich vor dem finanziellen Kollaps steht und dessen Kompetenzzersplitterung selten zum Vorteil der betroffenen Patienten wirkt? Dem Rat der Europäischen Union zufolge wird die Leistungsfähigkeit auch durch einen möglichst niederschwelligen Zugang der Bevölkerung zum Gesundheitssystem und durch seine langfristige Finanzierbarkeit beschrieben. Hier haben wir offensichtlich einiges zu bieten, denn der Gesundheitszustand der Bevölkerung ist im Schnitt gut und die Patientenzufriedenheit hoch. Das lässt sich die öffentliche Hand auch etwas kosten und das wirft langsam die Frage auf, ob die föderale Gesamtstruktur für eine nachhaltige Finanzierung tatsächlich optimal ist. Die Machtverteilung zwischen Bund, Ländern und Sozialversicherungen bringt Reformvorschläge immer wieder rasch an die Grenzen des Machbaren und gute Ideen verlaufen ebenso rasch im Sand, wie sie geboren wurden. „Österreich ist das Land der Wissensweltmeister und der Umsetzungszwerge“, bringt es Hauptverbandspräsident Schelling auf den Punkt.

Bringt der Masterplan den Paradigmenwechsel?

Es ist nicht viel Theoriewissen aus der Konfliktforschung notwendig, um festzustellen, dass es nicht unbedingt einer Reform der österreichischen Staatsverfassung bedarf, um im Gesundheitswesen den vielen Worten auch sichtbare Taten folgen zu lassen. Von zehn wissenschaftlich erforschten Gründen für unlösbare Konflikte treffen neun auf das Gesundheitswesen zu: gegenseitige Abhängigkeit, ungerechte Behandlung, Misstrauen, unvereinbare Persönlichkeiten und Einstellungen, Kämpfe um Macht und Einfluss, Groll, Ärger, Empfindlichkeit, Auseinandersetzungen über die Zuständigkeiten und der Wettbewerb um knappe Ressourcen.

„Wir wollen das Thema Gesundheit jetzt aus einer völlig anderen Richtung angehen“, verspricht Schelling mit seinem neuen Masterplan. „Selbst wenn wir in die Geschichte zurückblicken, so wird deutlich, dass wir das Thema Gesundheit oder Krankheit letztendlich immer nur auf Finanzentscheidungen reduziert haben, die zu einer entscheidenden Frage hochstilisiert wurden.“ Kein Wunder, bewegt der Markt doch rund 28 Milliarden Euro jährlich in Österreich, allein 21 Milliarden davon stammen aus der öffentlichen Hand und damit letztendlich vom Bürger.

Studien belegen, dass nur 20 Prozent der gesamten Gesundheitskosten auch tatsächlich den Faktor „Gesundheit“ direkt steuern. Die restlichen 80 Prozent werden von anderen Faktoren, wie etwa Bildung, Familie, Wohnort oder Beruf, wesentlich beeinflusst. Das führt zur Forderung „Health in All Policies“ – also Gesundheit in allen Politikfeldern – und das erfordert erst recht einen völlig neuen Ansatz, um gesundheitsspezifische Folgen geplanter politischer Vorhaben abzuschätzen.

„Wir wollen daher vom Verwalter zum Gestalter werden, stellen zuerst die Frage, was der Mensch braucht, und lassen dieser Strategie erst die Struktur folgen“, betont Schelling und stellt daher in seinem Masterplan die Sicht des Betroffenen in den Vordergrund. Er fordert allen voran auch klare Ziele, denn immerhin zählt Österreich zu den wenigen Ländern, die kein nationales Gesundheitsziel besitzen. Weiters fordert Schelling mehr Eigenverantwortung der Betroffenen: „Wir wollen einen solidarischen Schutz im Falle von Krankheit, was aber nicht heißt, dass jeder selbst für Vorsorge und Prävention in die Pflicht genommen werden kann.“ In diesem Sinne ist der Masterplan eine „Einladung zum Dialog“, bei dem die vielen bereits vorhandenen Konzepte auf den Tisch gelegt werden sollen, um dann die jeweils besten Vorschläge herauszunehmen und in ein zukunftsorientiertes Gesundheitssystem einfließen zu lassen.

Messbare Ergebnisse fehlen nach wie vor

Für einen neuen Denkansatz plädiert auch Gesundheitsstadträtin Wehsely: „Was immer schon so war, muss nicht automatisch gut sein. Das heißt aber nicht, dass es automatisch schlecht ist, aber es muss möglich sein, vorhandene Strukturen zu hinterfragen.“ Auch auf ihrer To-do-Liste stehen Spitalsreform und Präventionsförderung an oberster Stelle, und sie fordert nachdrücklich: „Geredet wurde genug, jetzt brauchen wir Taten und Fakten.“

Dr. Arno Melitopulos von Gesundheit Österreich GmbH schlägt in die gleiche Kerbe: „Wir verfügen momentan zu fast allen Gesundheitsthemen, die im Masterplan behandelt werden, über Arbeitsgruppen oder umfangreiche Papiere. Es wurden praktisch alle heißen Themen gleichzeitig aufgebrochen, aber auf keinem Gebiet können wir brauchbare Ergebnisse vorweisen.“ Dass sich der Markt bewegt und wir keine wirkungsvolle Strategie zur Lenkung haben, machen weitere Zahlen deutlich: Seit 1997 gibt es um 13 Prozent mehr Betten, die Krankenhaushäufigkeit ist um 23 Prozent gestiegen und ein Zuwachs an Ärzten um 43 Prozent wurde verzeichnet. Von allen Maßnahmen, die 2005 zur Gesundheitsreform geplant waren, wurde laut Rechnungshofbericht wenig bis gar nichts umgesetzt. „Wir glauben im Gesundheitswesen nach wie vor, dass wir durch Planung die steigenden Kosten in den Griff bekommen. Auch innerhalb der Vinzenz Gruppe wurden Standorte, Bettenzahlen und Auslastungskapazitäten geplant. Schlussendlich mussten wir aber feststellen, dass wir durch diese Pläne nie kostengünstiger ausgestiegen sind“, resümiert Dr. Michael Heinisch von der Vinzenz Gruppe. Sein Fazit: Planung in Form von Rahmenbedingungen ist wichtig, denn Gesundheit ist kein marktfähiges Produkt. Aber Planung als Mittel zur Kostenreduktion ist nur bedingt wirkungsvoll. Vielmehr spricht sich Heinisch dafür aus, den Patienten als Verbündeten gegen Kostensteigerungen und für Qualitätsbewusstsein mit einzubeziehen. „Der Patient braucht eine bessere Information, was Leistung kostet. Das geht im niedergelassenen Bereich ansatzweise, im Spital derzeit gar nicht. Erst wenn der Betroffene selbst erkennt, wo er hochwertige Leistung zu vernünftigen Kosten erhält, wird auch der Entscheider gezwungen, dort zu investieren, wo top gearbeitet wird“, ist Heinisch überzeugt. Aus Sicht Schellings ist der Grund, warum Planung bislang nicht funktioniert hat, die fehlende Sanktion: „Es gibt eine Reihe von Vorschriften wie etwa zur Arbeitszeit oder zur Qualitätssicherung. Doch wenn der Verstoß dagegen meist keine Konsequenzen hat, wird sich auch niemand daran halten.“

Einig waren sich alle Experten, dass die Zeit im Gesundheitswesen reif ist, endlich den Schritt vom Denken zum Handeln zu machen und unter Umständen auch Mut zur Lücke zu beweisen, indem Modelle und Projekte in Gang kommen, die vielleicht noch nicht zu 100 Prozent ausgereift sind, aber einen ersten Schritt in die richtige Richtung bedeuten. Werden aber die gesundheitspolitischen Sachfragen zu Machtfragen, werden wir weiterhin in der Diskussion stecken bleiben, ob Föderalismus oder Zentralismus die passende Organisationsform ist.

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Zum Downloaden bitte klicken! : gfk-umfrage.pdf (44 KB)

Von Mag. Renate Haiden, Ärzte Woche 49 /2010

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