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Foto: UNICEF/NYHQ2010-2149/Marco Dormino
Fotos (3): MSF

Hygieneschulungen greifen langsam.

Hilfsmaßnahmen stoßen an ihre Grenzen.

Die Cholera hat Port-au-Prince erreicht.

 
Gesundheitspolitik 1. Dezember 2010

Die Katastrophe nach der Katastrophe

Die Hilfsorganisationen stecken mitten in einem schier endlos scheinenden Kampf gegen Armut und Zeit.

Am 12. Jänner 2010 erschütterte ein verheerendes Erdbeben der Stärke 7,0 den Karibikstaat Haiti. Mehr als 220.000 Menschen verloren ihr Leben, 1,3 Millionen ihr Dach über dem Kopf. Auch die Hauptstadt Port-au-Prince wurde in weiten Teilen zerstört, wichtige Institutionen und Personen, die für einen Wiederaufbau notwendig sind, gibt es nicht mehr. Mitten in den rasch angelaufenen Hilfsmaßnahmen kam es zu großflächigen Überschwemmungen durch Hurrikan Tomas, die die weitere Ausbreitung der Folgekatastrophe vorantrieben: Cholera.

 

Begünstigt wurde die Verbreitung der Seuche durch „einen Mangel an Sanitäranlagen und sauberem Trinkwasser“ sowie die Tatsache, „dass es seit hundert Jahren keinen Cholera-Ausbruch mehr in Haiti gab und die Bevölkerung die Krankheit nicht kennt“, wie Aitor Zabalgogeazkoa von „Ärzte ohne Grenzen“ erläutert. „Auch menschliche Ressourcen sind zum Teil nicht mehr vorhanden“, ergänzt Heike Welz, verantwortlich für den Wiederaufbau durch das Österreichische Rote Kreuz. „Letztlich geht es hier um nachhaltige Hilfe mit einfachen Mitteln.“

US-Meldungen zufolge stammt der Choleraerreger aus einer einzigen Quelle. Die US-Seuchenbehörde CDC geht anhand von Laborbefunden davon aus, dass der Erreger früher in Südostasien nachgewiesen wurde. Mit dieser Erkenntnis heizt die CDC die Unruhen in der Bevölkerung an, deren Zorn sich gegen UN-Blauhelme aus Nepal richtet – die vermeintlichen Auslöser der Folgekatastrophe. Die CDC rechtfertigt die Untersuchungen mit der Suche nach Resistenzen, um eine möglichst effektive und zielsichere Therapie festzulegen. Dennoch stellt sich die Frage, ob die Bekanntgabe des Auslösers der ohnehin aufgeheizten Stimmung im Land nicht zusätzlich Nahrung gibt. Bei Protesten kamen immerhin bereits zwei Menschen ums Leben. „Wir wissen, dass es die ersten Cholera-Fälle am 19. Oktober gab, wenige Tage nach dem letzten tropischen Sturm. Das Cholerabakterium hat eine Inkubationszeit von etwa drei Tagen“, erklärt Zabalgogeazkoa von „Ärzte ohne Grenzen“. Keine der befragten Hilfsorganisationen hält eine weitere Quellensuche für hilfreich. Zielführender wäre zweifelsohne Aufklärungsarbeit in der frustrierten und verängstigten Bevölkerung.

Waren denn Versäumnisse der Helfer die Ursache für den Ausbruch? „Die großen Versäumnisse liegen meiner Meinung nach in der Vergangenheit, als die internationale Staatengemeinschaft die Menschen in einem der ärmsten Länder sich selbst überlassen hat“, sagt Caritas-Auslandshilfechef Christoph Petrik-Schweifer. „Seien wir uns ehrlich: Die Welt hat erst nach dem Erdbeben auf Haiti geschaut. Not und Elend gab es schon viel früher.“

Bestens organisierte Strukturen

„Die Koordinierung der Cholerabekämpfung wird unter der Federführung des Ministeriums für Gesundheit durchgeführt und gemeinsam vom Head Cluster und dem Water, Sanitation and Hygiene Cluster organisiert“, betont Sylvia Trsek von UNICEF. An ihre Grenzen stoßen die Helfer weniger durch das Ausmaß der Zerstörung als vielmehr durch die von vorneherein fehlende Infrastruktur. Unterstützung und Genehmigungen der örtlichen Regierung gestalten sich als äußerst schwierig, da in weiten Bereichen entsprechende Stellen nicht mehr existieren.

Heike Welz vom Österreichischen Roten Kreuz kann sich auf die durchorganisierte Struktur der weltweiten Rotkreuz-Bewegung und die Koordination durch den UN-Cluster verlassen. „Die UN als Lead Agency stellt sicher, dass der Wiederaufbau klar strukturiert und koordiniert abläuft“, erklärt Welz. „Auf bewaffneten Schutz verzichtet das Rote Kreuz grundsätzlich, um niemals auf eine Konfliktseite gezogen zu werden.“

Das ÖRK arbeitet unter der Federführung der internationalen Föderation und des internationalen Roten Kreuzes zusammen mit lokalen Behörden. Innerhalb von Hilfsclustern wird nach strengen Prüfungskriterien evaluiert – nichts passiert unkontrolliert oder unkoordiniert.

Fragile Zukunft

Das Zusammentreffen zweier schwieriger Situationen verschärft laut Petrik-Schweifer von der Caritas die Lage: der Ausbruch der Cholera und die bevorstehenden Wahlen. Von Erdbeben und Hurrikans wird Haiti wohl immer bedroht bleiben. „Vorsorgemaßnahmen wie etwa Frühwarnsysteme, bessere Häuser und Zugang zu sauberem Trinkwasser und Gesundheitseinrichtungen können die negativen Folgen deutlich reduzieren“, schätzt Petrik-Schweifer die Zukunft ein. „Der beste Schutz gegen Seuchen und Krankheiten sind die Armutsbekämpfung und die Investitionen in die Infrastruktur sowie Maßnahmen, die zur politischen Stabilität beitragen. Davon wird auch die Zukunft des Landes abhängen.“

Spendenaufrufe
Ärzte ohne Grenzen, www.aerzte-ohne-grenzen.at: PSK Nr. 930.40.950, BLZ 60.000, KW „Notfallfonds Haiti“
Dringend EINSATZMITARBEITER für HAITI gesucht! – Ärztinnen/Ärzte und Krankenschwestern/-pfleger mit Französischkenntnissen ab sofort für 2-3 Monate, Bewerbungen an , Betreff: „Cholera-Haiti“
Caritas Österreich, www.caritas.at: PSK Nr. 7.700.004, BLZ 60000, KW „Erdbeben Haiti“
Rotes Kreuz, www.roteskreuz.at: PSK Nr. 2.345.000, BLZ 60.000, KW „Erdbeben Haiti“
UNICEF Österreich, www.unicef.at: PSK Nr. 15 16 500, BLZ 60.000; „Kinder Haiti“

Von Mag. Birgit Weilguni , Ärzte Woche 48 /2010

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