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Plädoyer für ein übergeordnetes Konzept zur Gesundheitsförderung am Arbeitsplatz bei einer Diskussionsveranstaltung der Österreichischen Akademie für Arbeitsmedizin (AAm) in Klosterneuburg.
 
Gesundheitspolitik 5. Februar 2009

Gesunde Mitarbeiter in einem gesunden Unternehmen

Betriebliche Gesundheitsförderung ist eine grundlegende Säule des Wirtschaftserfolgs.

Firmen können viel für die Gesundheit ihrer Mitarbeiter tun und profitieren auch selbst davon. Über Aspekte der Gesundheitsförderung in Betrieben wurde im Rahmen einer Podiumsdiskussion an der Österreichischen Akademie für Arbeitsmedizin (AAm) in Klosterneuburg bei Wien im Dezember des Vorjahres diskutiert. Wirtschaftstreibende und Arbeitnehmer tauschten ihre Meinungen mit Repräsentanten aus Gesundheits- und Wirtschaftspolitik sowie Vertretern der wichtigsten österreichischen Ausbildungseinrichtung für Arbeitsmedizin aus.

 

„Die betriebliche Gesundheitsförderung ist eine der wesentlichsten Säulen der Gesunderhaltung“, stellte die frühere Gesundheitsministerin Dr. Andrea Kdolsky eingehend fest. Neben dem klassischen Arbeitnehmerschutz, der sich mit der Verhütung von Arbeitsunfällen und Berufskrankheiten befasst, und der primären Verhaltensprävention – Bewegung, Ernährung etc. – ist vor allem eine dritte Säule der Prävention für die Gesundheit im Betrieb entscheidend. Es bedarf einer Managementphilosophie, die sich der Übereinstimmung von Anforderung und Ressourcen bewusst wird. Menschen sollten dort eingesetzt werden, wo es für das Unternehmen und den Betroffenen passt. Dann entsteht die gewünschte Win-win-Situation für alle Beteiligten. „Es gibt keine schlechten Mitarbeiter, sondern sie sind oft nur am falschen Ort eingesetzt. Die Frage ist: Wie kann ich die Mitarbeiter fördern?“, so Kdolsky.

Dr. Stefan Bayer, Präsident der Österreichischen Akademie für Arbeitsmedizin (AAm) und erfahrener Konzernbetriebsarzt der RHI AG, bekräftigte, dass durch den größtenteils gut funktionierenden Arbeitnehmerschutz die Belastungen am Arbeitsplatz kaum mehr reduziert, sehr wohl aber die Ressourcen der Mitarbeiter gesteigert werden können. „In jedem Betrieb gibt es per Gesetz einen Arbeitsmediziner – warum nutzen viele Unternehmen dieses vorhandene Wissen nicht, um die Ressourcen der Mitarbeiter zu stärken? Viele Unternehmer wissen gar nicht, was ihr Arbeitsmediziner kann. In vielen Geschäftsberichten steht, wie hoch das Anlagevermögen ist, aber nicht, was die Mitarbeiter, das Humanvermögen, wert ist“, so Bayer.

Die AAm bildet Arbeitsmediziner aus, die im Betrieb mehr tun können, als im Gesetz gefordert wird, um dieses Humanvermögen zu fördern. Es herrscht Einigkeit darüber, dass Mitarbeiter den entscheidenden Wettbewerbsfaktor im Wirtschaftsleben darstellen. Mag. Brigitte John-Reiter, Geschäftsführerin der AAm und der Österreichischen Akademie für Präventivmedizin und Gesundheitskommunikation (ÖAPG), berichtete von Ergebnissen eines Bewertungsmodells für Humanvermögen, dass selbst im Produktionsbereich der monetär bewertete Wert der Mitarbeiter am Unternehmenserfolg mehr als 60 Prozent ausmacht.

Psycho-mentale Gesundheit

Heutzutage sind es also nicht mehr so sehr die Risiken durch gefährliche Arbeitsstoffe oder durch schwere körperliche Arbeit, die den Menschen am Arbeitsplatz zu schaffen machen. Es sind vielmehr psycho-mentale Belastungen, zunehmender Zeit- und Erfolgsdruck durch unerreichbare Vorgaben, die Berufstätige belasten. Es ist bezeichnend, dass in dem Wort „belasten“ das Wort „Last“ steckt. Was früher das Gewicht war, das es zu bewältigen galt, so ist es heute die Psyche, die gefordert wird. Das Beispiel einer großen Bank, bei der zehn Prozent der Vertriebsmitarbeiter aufgrund unerreichbarer Zielvorgaben in einem Burnout landeten, spiegelt diesen negativen Trend deutlich wider.

Sonja Zwazl, Bundesrätin und Präsidentin der Wirtschaftskammer Niederösterreich, ist sich bewusst, dass gesundes Verhalten der Unternehmensleitung ein Schlüsselfaktor für die Mitarbeiter-Motivation und damit für den Unternehmenserfolg ist. „Wichtig für die Gesundheit der Mitarbeiter ist auch die Vorbildwirkung. Nur wenn es mir selbst gut geht, kann ich auch ein guter Chef sein.“

Es mangelt gar nicht an Initiativen zur Gesundheitsförderung. Viele wollen das Beste, aber jeder geht in eine andere Richtung. Die Menschen sind durch vielfältige und oftmals widersprüchliche Angebote verunsichert. „Was fehlt, ist ein übergeordnetes Konzept, ein Grundkonsens über die Ziele und Eckpunkte der Gesundheitsförderung“, forderte Kdolsky. Vielfach passiert Aktionismus ohne Nachhaltigkeit – gut gemeint, aber ohne bleibenden Effekt.

John-Reiter stimmte dem zu: „Eine übergeordnete Koordinationsstelle wäre tatsächlich wünschenswert. Die Konsumation von Präventivangeboten ist wie eine Speisekarte – ich weiß zwar, was mir schmeckt, aber nicht, was mir wirklich gut tut.“ Die ÖAPG wurde mit diesem Ziel – Koordination von Präventivangeboten – gegründet.

Soziale Gesundheit

Neben der psycho-mentalen Gesundheit spielt auch die soziale Gesundheit eine Rolle. Eine große Baufirma gönnt beispielsweise ihren Angestellten jährlich ein Skiwochenende. Das hat zwar keinen Gesundheitseffekt, trägt aber zum Zusammenhalt, zu einem positiven Arbeitsklima und damit zur Motivation bei.

Die Bedeutung dieses Aspekts wird deutlich, wenn man sich vor Augen hält, dass 75 Prozent der Kurzkrankenstände motivationsbedingt sind. „Wertschätzung der Mitarbeiter durch das Unternehmen ist Bedingung für psychisches Wohlbefinden“, weiß John-Reiter. Und dazu gehört auch die Unternehmensethik.

Bayer: „In der RHI AG gibt es einen Nachhaltigkeitsbericht, in dessen Erstellung auch das Health & Safety-Management (H&S) eingebunden ist. Unternehmensethik wird gelebt, vom Lehrling bis zum Facharbeiter, vom Management bis zur ungelernten Hilfskraft.“

Frühe Prävention, lange Gesundheit

Dass den Unternehmen allerdings nicht die ganze Verantwortung für die Gesunderhaltung aufgebürdet werden kann, zeigt die Tatsache, dass heutzutage viele junge Menschen mit schlechten gesundheitlichen Voraussetzungen in das Arbeitsleben eintreten.

Nach den Ergebnissen der Stellungsuntersuchungen hat sich die Zahl der übergewichtigen männlichen Jugendlichen in den vergangenen 20 Jahren verdoppelt, die Zahl der Hörschäden stieg sogar um das Dreifache, und auch die Schäden am Stütz- und Bewegungsapparat haben um 50 Prozent zugenommen.

Damit wird evident, dass Prävention bereits ab dem Kindesalter unbedingt erforderlich ist. Das Schularztwesen bedürfe einer dringenden Überarbeitung und Koordination, auch hier seien klare Strukturen nötig, so Kdolsky. Und John-Reiter bemerkte abschließend: „Investitionen in die Gesundheit unserer Jüngsten sollten uns ein Anliegen sein und rechnen sich um ein Vielfaches, wenn diese jungen Leute später viele Jahrzehnte lang gesund und leistungsfähig ihrer Arbeit nachgehen können.“

 

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Plädoyer für ein übergeordnetes Konzept zur Gesundheitsförderung am Arbeitsplatz bei einer Diskussionsveranstaltung der Österreichischen Akademie für Arbeitsmedizin (AAm) in Klosterneuburg.

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