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Fotos (2): Pharmaceutical Security Institute (PSI)
Produktion, Lagerung und Transport entsprechen nicht annähernd den geltenden gesundheitlichen Standards.

Gefährliche Mischung: Fein gemahlener Ziegelstaub, gelbe Straßenbodenmarkierungsfarbe und ein Überzug aus Möbelpolitur wurden als „Medikament“ gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen vermarktet!

 
Gesundheitspolitik 23. November 2010

Zu über 90 Prozent "echt falsch"

Eine aktuelle Kampagne informiert über die Sicherheit beim Medikamentenkauf im Internet.

Schauplatz Flughafen Wien-Schwechat: Eine Maschine landet aus Bangkok, Passagiere verlassen die Ankunftshalle, Zöllner stoppen einen Österreicher. Ein Blick in sein Gepäck legt nicht etwa typische Urlaubssouvenirs offen, sondern knapp 23.000 Stück Potenzpillen, geschätzter Schwarzmarktwert: 100.000 Euro; geschätzte Wirkung: keine.

 

„95 Prozent der von den Behörden aufgegriffenen Medikamente, die über das Internet gekauft oder illegal aus dem Ausland importiert werden, sind gefälscht. Das Spektrum reicht von falschen bis gar keinen Wirkstoffen bis hin zu gefährlichen Verunreinigungen mit Staub, Kot oder Gift“, warnten Mag. Heinrich Burggasser, Präsident der Österreichischen Apothekerkammer, und Dr. Reinhold Lopatka, Staatssekretär im Bundesministerium für Finanzen, zum Auftakt einer Kampagne gegen den Internethandel mit gefälschten Arzneimitteln Anfang Oktober.

Der Handel mit gefälschten Medikamenten über das Internet boomt. Laut WHO liegt der mit gefälschten Arzneimitteln weltweit erzielte jährliche Umsatz bei 75 Milliarden US-Dollar. Auch hier zu Lande sind die Aufgriffszahlen des Zolls in den vergangenen Jahren explodiert.

Nummer eins sind Potenzmittel

In Österreich wurden im vergangenen Jahr von den Behörden 593 Sendungen mit 27.095 Stück Medikamenten beschlagnahmt – im Jahr 2005 war nur eine einzige Sendung mit 55 Stück sichergestellt worden. An der Spitze der Hitliste der beschlagnahmten Medikamente stehen Potenzmittel, gefolgt von Haarwuchs- und Diätpräparaten.

Web-Vorteil: Einfach und anonym

Die Gründe, warum Konsumenten dennoch Arzneimittel im Internet bestellen, sind vielfältig. „Gerade am Land ist es manchen Menschen peinlich, bestimmte Produkte in der Apotheke zu kaufen. Der Weg über das Web ist rasch, einfach und scheinbar kostengünstiger und die Gefahr der unerwünschten Wirkung wird einfach völlig unterschätzt“, sagt Burggasser.

Was die wenigsten wissen: Medikamente via Internet zu kaufen ist illegal, denn in Österreich ist der Versandhandel mit Medikamenten verboten. Den Bestellern drohen Verwaltungsstrafen von bis zu 7.260 Euro. Mit dem Arzneiwareneinfuhrgesetz 2010, das erst im August in Kraft getreten ist, werden die Vorschriften in Sachen Medikamentenschmuggel noch verschärft und auch das Bestellen von Medikamenten im Fernabsatz – über Internet oder mittels Telefon, Teleshopping oder E-Mail – durch Privatpersonen verboten.

Ausnahme: Rezeptfreie Medikamente

Ausgenommen von diesem Verbot sind in Österreich zugelassene rezeptfreie Medikamente, die in einer dem üblichen persönlichen Bedarf entsprechenden Menge aus einer Vertragspartei des EWR, von einer dort zum Versand befugten Apotheke bezogen werden. Voraussetzung für die Anwendung dieser Ausnahmeregelung ist, dass die Medikamente in der gleichen Aufmachung vorliegen, wie sie in österreichischen Apotheken abgegeben werden, also insbesondere in einer in deutscher Sprache beschrifteten Verpackung, auf der die österreichische Zulassungsnummer aufscheint, und mit einer Gebrauchsinformation in deutscher Sprache.

Fälschungen sind auch für Experten oft nicht erkennbar

Die Bedrohung durch Medikamentenfälschungen aus dem Internet wird dramatisch unterschätzt. Gemäß einer Studie machen sich 77  Prozent der Bevölkerung keine Sorgen über die Echtheit von online erworbenen Produkten (Cracking Counterfeit Europe, 2009). Verbraucher können das gesundheitliche Risiko und die Gefahren nicht erkennen, denn echte und gefälschte Medikamente sind optisch selbst für Experten nicht unterscheidbar. Nur in speziellen Labors kann durch aufwendige Verfahren herausgefunden werden, ob ein Medikament tatsächlich echt ist und welche Inhaltsstoffe es umfasst.

Wirkung: Von ungefährlich bis letal

Im besten Fall führt die Einnahme von gefälschten Medikamenten zu einem Ausbleiben des therapeutischen Nutzens, im schlimmsten Fall aber zum Tod. Daher will die aktuelle Informationsoffensive auf die vielfältigen Gefahren aufmerksam machen und die Bevölkerung über Arzneimittelfälschungen aus dem Internet aufklären. Im Mittelpunkt steht die Internetseite auf-der-sicheren-seite.at, Online-Aktivitäten auf Facebook und Youtube, Radio- und Kinospots, und Give-aways für Apothekenkunden runden die Aktion ab.

Von Mag. Renate Haiden, Ärzte Woche 47 /2010

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