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Foto: photos.com / Ärzte-Woche-Montage
Fehler sollen an Ort und Stelle gesammelt und Verbesserungspotenziale gleich umgesetzt werden.
 
Gesundheitspolitik 16. November 2010

Was fehlt, ist eine Fehlerkultur

Die gängige Praxis des Risiko- und Fehlermanagements ist kaum geeignet, künftige Behandlungsfehler von Ärzten zu verhindern. Patientenanwalt Dr. Gerald Bachinger plädiert für Reformen.

Ärzte sind Fehler-Melde-Systemen (CIRS, Critical Incident Reporting-Systems) gegenüber misstrauisch. Das ist nicht nur in Österreich so. Auch in einer kürzlich veröffentlichten Studie zum Thema „Qualitätsmanagement und Patientensicherheit in der ärztlichen Praxis 2010“ der Stiftung Gesundheit erhält kein potenzieller CIRS-Träger gute Noten. Am größten ist das Vertrauen noch gegenüber Universitäten oder Non-Governmental Organizations, am stärksten das Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen und kommerziellen Einrichtungen zur Verwaltung eingehender Fehlermeldungen.

 

Schauplatz Klagenfurt: Am Allerseelentag wird einem 59-jährigen Patienten statt der tumorbefallenen linken Niere die völlig gesunde rechte entfernt. Der behandelnde Oberarzt wird angezeigt. Ihm drohen wegen schwerer fahrlässiger Körperverletzung unter besonders gefährlichen Voraussetzungen bis zu zwei Jahre Haft. Der betroffene Patient wird nochmals operiert. Die Ärzte versuchen, den bösartigen Tumor von der kranken Niere zu entfernen. Gelingt das nicht, muss auch die zweite Niere entfernt werden. Der Mann muss dann dreimal pro Woche zur Dialyse.

Schauplatz St. Johann in Tirol: Einer 91-jährigen Patientin wird im Juni dieses Jahres aus Versehen das falsche Bein amputiert. Der verantwortliche Chirurg wird vom Dienst suspendiert. Ein weiterer Mitarbeiter wird unter Chefaufsicht gestellt. Die Patientin muss seither ohne Beine ihr Dasein fristen. Der Innsbrucker Staatsanwaltschaft zufolge müssen sich die beiden Mediziner noch in diesem Monat dem Gerichtsprozess stellen. Die Vertreter der Republik plädieren wie in Klagenfurt auf schwere fahrlässige Körperverletzung unter besonders gefährlichen Voraussetzungen. In beiden Fällen liegt der Grund für die Fehler in menschlichem Versagen.

Fehler an der Tagesordnung

Das sind die Kurzfassungen der zwei bekanntesten Fälle ärztlicher Behandlungsfehler, die in diesem Jahr die heimische Öffentlichkeit erreichten. „Österreichweit passieren solche Seitenverwechslungen zwei- bis viermal im Jahr“, heißt es dazu von der Patientenanwaltschaft. Der Gesundheitsökonom Christian Köck spricht sogar davon, dass internationalen Studien zufolge 3,6 Prozent aller Patienten Opfer ärztlicher Behandlungsfehler werden. 10 Prozent der Betroffenen überlebten diese nicht.

Es verwundert daher nicht, dass die Patientenanwälte immer wieder zeitgemäßes Risiko- und Fehlermanagement einfordern. Dass es dazu international bewährte Möglichkeiten gibt, betonte der niederösterreichische Patientenanwalt Dr. Gerald Bachinger anlässlich des jüngsten Falls in Klagenfurt.

Eines der Mosaiksteinchen, die mithelfen sollen, ärztliche Behandlungsfehler zu vermeiden, ist das Fehlermeldesystem CIRS (Critical Incident Reporting Systems). Hier können Ärzte kritische Ereignisse und Beinahe-Schäden in eine für medizinisches Personal öffentliche Onlinedatenbank eintragen. Zweck und Ziel dieser Einrichtung ist, dass andere Mediziner von diesen Erfahrungen lernen, keineswegs hingegen, Fehler anzuprangern oder disziplinäre Konsequenzen auszulösen, zumal es sich bei „Fehlern“ nicht automatisch immer um derart schwerwiegende Fälle wie die eingangs erwähnten handeln muss.

Lernen statt anprangern

Von verschärften strafrechtlichen Sanktionen auf ärztliche Behandlungsfehler hält Bachinger wenig: „Das Strafrecht bedroht Ärzte viel zu oft. Es ist viel zu rigide und unterwandert den Willen zur Fehlermeldung. Das Resultat ist, dass Fehler unter den Teppich gekehrt werden und gemauert wird.“ Der Patientenanwalt vertritt sogar die Ansicht, Ärzte, die Behandlungsfehler melden, nicht mit Sanktionen zu bestrafen, sondern sie sogar zu belohnen – im Sinne einer offenen Fehlerkultur. „Bei medizinischen Fehlern geht es doch nicht um Rache. Die derzeitige Shame-and-Blame-Praxis, wo ein Schuldiger gesucht, gefunden und anschließend, salopp gesagt, geköpft wird, verhindert keine weiteren Fehler. Wir müssen offen über Behandlungsfehler reden können und den Hergang analysieren. Das derzeitige System muss geändert werden.“

Die österreichische Ärztekammer beitreibt seit etwa eineinhalb Jahren CIRS. „In Zusammenarbeit mit Experten aus heimischen Gesundheitseinrichtungen, der Schweiz und Deutschland haben wir uns mit Fehlerberichts- und Lernsystemen auseinandergesetzt“, erklärt Ärztekammer-Präsident Walter Dorner, das Ziel sei, das Gesundheitssystem sicherer zu machen. Eine Anonymisierung – wobei auch die Unterdrückung der IP-Adresse teilnehmender Ärzte garantiert wird – soll ein vertrauensvolles Klima schaffen, damit Zwischenfälle nicht tabuisiert werden und keine Schuldkultur unter den Medizinern gefördert wird. Dennoch: Fehlbarkeit offen anzusprechen, ist in der ärztlichen Arbeit immer noch stark angstbesetzt. Autoritäts- und Abhängigkeitsverhältnisse steigern die Furcht vor Sanktionen. Das kann vielleicht auch ein Grund sein, warum Gesundheitsdienstleister mit Qualitätssicherungs- und Fehlermanagement derzeit noch wenig anfangen können. „Von einem einheitlichen System, das sowohl niedergelassene Ärzte als auch Krankenhäuser einbezieht, ist man meilenweit entfernt“, kritisiert Bachinger. Er begrüßt grundsätzlich die Einführung von CIRS, betont aber, dass dieses Fehlermeldesystem alleine in der Hand der Ärztekammer sei. „Da kann man durchaus von einem zentralistischen Modell sprechen, das wie Big Brother im Gesundheitssystem Fehlermeldungen sammelt und auswertet“, so Bachinger. Die Ärztekammer und ein offener, evidenzbasierter Umgang mit Fehlern im Gesundheitswesen sind nach seiner Ansicht ganz und gar kein harmonisches Zwillingspärchen. Sein Vorschlag daher: Ein dezentrales und bundesweit vernetztes System, das nach dem Bottom-up-Prinzip funktioniert. Fehler sollen an Ort und Stelle gesammelt und Verbesserungspotenziale gleich umgesetzt werden. Ein bundesweit vernetztes System soll sicherstellen, dass Fehlermeldungen über den lokalen Bezug hinausgehen. Als Vorbild sieht Bachinger das in der Schweiz etablierte CIRRNET. Auch das CIRPS-System, das von der AUVA (Allgemeine Unfallversicherung) und dem Unfallkrankenhaus Graz entwickelt wurde, wird von Bachinger als positives Beispiel genannt. Zusätzlich kommen hier OP-Checklisten, wie sie etwa im Flugzeug-Cockpit verwendet werden, zum Einsatz, um die Sicherheit von Patienten weiter zu erhöhen. Dennoch fehlt nach wie vor der Aufbau einer proaktiven Fehlermeldekultur. Bleibt zu hoffen, dass diese durch Schulungen und den aktiven Erfahrungsaustausch weiter gefördert werden kann.

Von Christian Hartl, Ärzte Woche 46 /2010

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