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Foto: Eckert / Heddergott, TU München
Blick in das Reaktorbecken an der Forschungs-Neutronenquelle Heinz Maier-Leibnitz (FRM II) der Technischen Universität München.
Foto: Eckert / Heddergott, TU München

Prof. Dr. Winfried Petry Wissenschaftlicher Direktor an der Forschungs-Neutronenquelle Heinz Maier-Leibnitz (FRM II) der Technischen Universität München

 
Gesundheitspolitik 3. November 2010

Rettung in letzter Minute

Die Versorgungsknappheit mit Radioisotopen ist eines der dringlichsten Probleme der Gesundheitspolitik. Jetzt wird zwar umgerüstet, doch das Dilemma der Unwirtschaftlichkeit bleibt.

Täglich finden 70.000 nuklearmedizinische Untersuchungen statt, bei Chemotherapien ebenso wie vor und nach Transplantationen oder zur Vorbereitung von Herzoperationen. Szintigramme sind für tausende Menschen lebensrettend. Die dafür nötigen Radioisotope sind immer wieder Mangelware. Umso erstaunlicher, dass Appelle an die Politik weltweit bisher kaum zu Änderungen führten.

Vor mittlerweile drei Jahren kam es zu den ersten Problemen in Nordamerika, als der kanadische Reaktor Chalk River für längere Zeit abgeschaltet werden musste. Patienten hatten auf ihre Untersuchungen zu warten. Ein Jahr später war es dann auch in Europa so weit: Im Sommer 2008 standen zeitgleich alle drei europäischen Reaktoren, die für die Molybdän-99-Produktion zur Verfügung standen, still. Spätestens damals hatte man mit politischen Lösungen für den Ersatz der über 40 Jahre alten Reaktoren gerechnet. Doch so einfach ist das nicht. Denn es geht nicht nur um die Produktion, sondern auch auch um Wirtschaftlichkeit. Deshalb laufen noch heute rund 90 Prozent der weltweiten Radioisotopen-Produktion über fünf altersschwache Reaktoren.

Im Interview Prof. Dr. Winfried Petry, Wissenschaftlicher Direktor der Technischen Universität München, der für den aktuellen Umbau des Forschungsreaktors zur Molybdän-99-Produktion in Gaching zuständig ist.

Wann kann in München mit der Molybdän-99-Produktion begonnen werden?

Petry: Mit den Arbeiten zur Aufrüstung an der TU München ist bereits 2009 begonnen worden. Konkret wird jetzt ab dem 22. Oktober ein Rohr zur Bestrahlung ausgetauscht. Fertig gestellt wird die Anlage 2013 und sie wird 2014 betriebsbereit sein.

Soll der neue Reaktor die drei altersschwachen europäischen Produktionsstätten ersetzen bzw. welche Kapazität wird der Reaktor haben?

Petry: Eine Machbarkeitsstudie aus dem Jahr 2009 hat ergeben, dass die Neutronenquelle in Garching rund 50 Prozent des europäischen Bedarfs an Molybdän-99 produzieren kann. Da jeder Reaktor aber systembedingt Wartungspausen hat, muss die weltweite Kapazität für die Molybdän-99-Produktion bei weit mehr als 100 Prozent liegen, sogar 200 Prozent. Alte Produktionsstätten werden ab Mitte des Jahrzehnts außer Betrieb gehen. Neue Produktionsstätten, wie die Forschungsreaktoren in Polen und Tschechien, sind dieses Jahr in Betrieb genommen worden, jedoch mit eingeschränkter Produktionskapazität. Im Jahr 2016 soll der im Bau befindliche Forschungsreaktor Jules-Horowitz in Frankreich ähnliche Kapazitäten wie der FRM II in Garching zur Verfügung stellen.

Wie finanziert sich das Projekt?

Petry: Die Machbarkeitsstudie errechnete für die Aufrüstung an der Neutronenquelle der TU München eine Summe von 5,4 Millionen Euro. Davon hat bereits das Land Bayern 1,2 Millionen Euro zur Verfügung gestellt, aus dem Bundeshaushalt werden ebenfalls Mittel fließen und schließlich übernimmt die Industrie einen Teil.

Müssten Ihrer Meinung nach auch Anreize für Privatanbieter geschaffen werden, zur Zeit lohnt sich das Geschäft mit den Radioisotopen nicht?

Petry: Die Produktion von Radioisotopen für die Nuklearmedizin geschieht in vier Schritten: Erzeugt wird das Isotop durch Bestrahlung in Forschungsreaktoren, die prinzipiell in staatlicher Hand sind. Chemische Abtrennung (Schritt 2) und Aufbereitung (3) der Isotope in klinikfähige Kits erfolgt dann durch die radiopharmazeutische Industrie. Letztendlich bezahlt wird im vierten Schritt die Behandlung mit dem Isotop durch die jeweiligen Sozialsysteme.

Fakt ist, dass die Forschungsreaktoren nur ca. zwei Prozent des Endpreises des radiopharmazeutischen Produkts erhalten. Dieser Preis liegt größtenteils unter den reinen Kosten der Bestrahlung und berücksichtigt nicht die Amortisation des Investments oder die Vorhaltung von Reservekapazitäten. Diese ökonomische Schieflage ist die Ursache der momentanen Versorgungskrise bei Molybdän-99.

Was müsste Ihrer Meinung nach von Seiten der Politik unternommen werden, um die Versorgungsengpässe weltweit und dauerhaft in den Griff zu bekommen?

Petry: Es ist die dringende Aufgabe der Politik, hier Rahmenbedingungen zu schaffen, die eine nachhaltige Versorgung mit Molybdän-99 garantieren. Das heißt auch, die Bestrahlungsleistung muss kostengerecht bezahlt werden und die absolut notwendigen Reservekapazitäten müssen finanziert werden.

Gibt es ähnliche Umrüstungen auch in anderen Staaten oder ist München so etwas wie ein erstes Vorzeigemodell?

Petry: Auch Tschechien und Polen haben die Not erkannt und bereits existierende Reaktoren aufgerüstet. München ist deshalb einmalig, weil wir fast die Hälfte des europäischen Bedarfs zur Verfügung stellen können, jedoch keinen neuen Reaktor bauen müssen. In Frankreich wird gerade der Jules-Horowitz-Reaktor gebaut, der eine ähnlich hohe Kapazität wie hier in Garching haben wird.

Siehe auch
News aus Brüssel

 

Andrea Niemann, Ärzte Woche 44 /2010

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