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Foto: docfilm/W-film
Der Psychiater Robert Jay Lifton erforscht die dunkelsten Seiten der Ärzteschaft.
 
Gesundheitspolitik 2. November 2010

DVD-Tipp: Wenn Ärzte töten

Ein stiller Film versucht zu ergründen, wie „ganz normale“ Ärzte zum Töten sozialisiert werden konnten. Die Filmemacher Hannes Karnick und Wolfgang Richter setzen in ihrem beklemmenden Werk ausschließlich auf die Kraft des Wortes. Sie dokumentieren in statischen Bildern Gespräche mit dem amerikanischen Psychiater Robert Jay Lifton über dessen bahnbrechende Forschungsarbeiten zur Verstrickung der Medizin in den Holocaust.

Robert Jay Lifton ist der Wegbereiter von „Psychohistory“, die innere menschliche Beweg- und Abgründe in ihrem historischen Kontext untersucht. Sein Interesse gilt seit jeher menschlichem Verhalten in Extremsituationen, den psychologischen Hintergründen und Auswirkungen von Krieg, Genozid und politischer Gewalt. Liftons Bücher und wissenschaftliche Arbeiten zu den Themen Hiroshima, Holocaust, Vietnam oder Terrorismus haben zahlreiche Wissenschaftler angeregt und beeinflusst. Die von Lifton mitbegründete Organisation „Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges“ erhielt im Jahr 1985 den begehrten Friedensnobelpreis.

40 Ärzte interviewt

Angeregt durch Dokumente des Frankfurter Auschwitz-Prozesses, begann Lifton in den 1970er-Jahren mit seinen Forschungen über die Verstrickung der Medizin in den Holocaust. Er suchte eine Antwort auf die Frage, wie Ärzte von Heilern zu Mördern werden konnten. In ausführlichen Gesprächen mit 80 Opfern – Überlebenden des KZ Auschwitz – und 40 Tätern – Ärzten in nationalsozialistischen Konzentrationslagern – entstanden Bilder voller psychologischer Abgründe.

Heranführen ans Töten

Lifton fand heraus, dass die Heranführung junger Ärzte an das Töten im Nationalsozialismus in der Regel als stufenweiser Sozialisationsprozess ablief: Am Anfang der „Karriere“ standen Maßnahmen zur Zwangssterilisation. Diese war keine Erfindung der Nationalsozialisten, vielmehr in der Psychiatrie der westlichen Welt weit verbreitet. Als nächste Stufe folgte die Euthanasie, wobei der ursprüngliche medizinische Begriff – „Hilfe für Sterbende zu sterben“ – missbraucht und neu definiert wurde. In Nazi-Deutschland stand Euthanasie für „das Vernichten lebensunwerten Lebens“. Damit war der Schritt hin zum direkten medizinischen Töten vollzogen. Der Übergang zwischen diesen beiden Stufen stellte für Lifton psychologisch gesehen den entscheidenden Schritt in der Sozialisation der „Nazi-Doktoren“ dar: „In der Entwicklung des medizinischen Tötens, also der Umkehr vom Heilen zum Töten, war der kritische Schritt von der Sterilisation zur Euthanasie. Sterilisation, also die Unterdrückung schädlicher Erbfaktoren, war die eine Sache, aber etwas ganz anderes war der aktive Akt des Tötens von Menschen.“ Als letzte Sozialisationsstufe folgte das Heranführen zur Selektion im KZ und damit zum Massenmord. „Jeder Arzt wusste“, sagt Lifton, „dass die Selektion im KZ gleichbedeutend mit dem Töten derer war, die ausselektiert wurden. Und das war Aufgabe der Ärzte. Die Ärzte hatten eine zentrale Rolle im KZ, sie waren das Herz in diesem bösen, mystischen Krankenhaus.“

Alle hatten Angst

Menschen, die zum Heilen ausgebildet wurden, vollzogen auf einmal den Akt des Tötens. „Alle neuen Ärzte in Auschwitz hatten Angst vor dem, was sie taten oder zu tun hatten. Sie konnten diese Angst aber mithilfe ihrer etablierten Kollegen überwinden“, fand der Wissenschaftler im Zuge seiner Interviews heraus. Sie wurden bei den ersten Selektionen von erfahrenen Ärzten unterstützt, angeleitet und geführt. So lange, bis die Tätigkeit zur selbstverständlichen „Routine“ wurde, bis sie sich an das Töten „gewöhnt“ hatten. „Das Bedrückende ist die Erkenntnis“, sagt Lifton, „dass ganz normale Ärzte, Menschen, die weder hasserfüllt noch moralisch besonders standfest waren, alle vorhandenen Zweifel beiseiteschieben und zu Massenmördern werden konnten.“

Aus dem Inneren heraus

Lifton widerspricht damit Theorien, wonach das Geschehene im besonderen historischen Kontext erklärbar und damit nicht wiederholbar wäre: „Die Anpassung zum Töten kam aus dem Inneren heraus, was es viel gefährlicher macht. Das ist viel subtiler und daher auch gefährlicher, weil es eben nicht nur um ideologische Extremisten geht. Wenn ganz normale Ärzte, die keineswegs glühende Anhänger der Nazi-Ideologie sein mussten, zum Töten sozialisiert werden können, ist das viel schwerer zu bekämpfen.“

„Auschwitz-Selbst“

Die Fähigkeit der inneren Anpassung erklärt Lifton mit einem psychologischen Vorgang, den er „Doppelung“ nennt. Der Begriff steht für die Fähigkeit des menschlichen Selbst, sich zu spalten oder zu teilen, sodass der Mensch am Ende aus nahezu zwei unterschiedlichen Selbst bestehen kann. Lifton sieht darin „eine Art faustschen Pakt“. Demnach gibt es die eine Seite des Selbst, die sich allzu leicht an das Böse anpassen lässt – das „Auschwitz-Selbst“, weil es gleichzeitig eben noch die andere Seite gibt, die sich als human begreift. Erst dieses menschliche Selbst ermöglicht in gewisser Hinsicht das „Auschwitz-Selbst“.

„Man muss zur Kenntnis nehmen“, so die Schlussfolgerung von Robert Jay Lifton, „dass es keine Trennung zwischen Gut und Böse gibt. Menschen, die glauben, Gutes zu tun, können – ohne Absicht – für das Böse eintreten. Das heißt, jeder von uns kann unter bestimmten Bedingungen in die Nähe oder eben auch in das Zentrum des Bösen geraten.“

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Lifton
Quelle: docfilm/W-film

Quelle: Wenn Ärzte töten. Der Psychiater Robert Jay Lifton erforscht die dunkelsten Seiten der Ärzteschaft. Ein Film von Hannes Karnick und Wolfgang Richter. DVD, 2010, von: absolut MEDIEN GmbH, Berlin; www.wenn-aerzte-toeten.de

 

Von Mag. Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 44 /2010

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