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Gesundheitspolitik 29. Jänner 2009

Der Substitutionstherapie laufen die Ärzte davon

Der niederschwellige Zugang zu Ersatzdrogen ist in immer mehr Regionen gefährdet.

Etwa 10.000 Patienten sind derzeit in einer Substitutionsbehandlung, die Tendenz ist leicht steigend. Die Rahmenbedingungen sind in den meisten Bundesländern für Ärzte schlecht, viele überlegen den Ausstieg.

 

Gesetzlich festgelegte Mittel der ersten Wahl in der Substitutionstherapie sind seit 2007 Methadon und Buprenorphin. Noch detaillierter und rigider geregelt sind Form und Inhalt der ärztlichen Verschreibungen sowie die Art und Weise, wie diese Medikamente in welchen Zeiträumen von Apotheken abzugeben sind. Ärzte, die in der Substitutionstherapie tätig sein wollen, müssen sich in eine Liste eintragen. Voraussetzung ist die Absolvierung einer „Basisausbildung“ von 40 Stunden und einer regelmäßigen Weiterbildung von sechs Stunden im Jahr.

In Wien und Oberösterreich gibt es für Ärzte, die in der Substitutionstherapie tätig sind, eigene Abrechnungsposten. In allen anderen Bundesländern fehlen diese bislang. „Hausärzte haben jahrzehntelang Patienten in der Substitutionstherapie betreut und dabei in Kauf genommen, dass diese Tätigkeit bei weitem nicht adäquat bezahlt wird“, kritisiert Dr. Kurt Roitner, Arzt für Allgemeinmedizin in Braunau.

Aus Roitners Sicht müsste sichergestellt werden, dass Ersteinstellungen von speziellen Zentren und Beratungsstellen umgesetzt werden sowie betreuende Ärzte bei komplexen Fällen jederzeit nachfragen und an die Zentren überweisen können. Diese Zentren müssten freilich über ausreichende finanzielle Mittel verfügen. In Roitners Region wurde nun mit Spendenmitteln an einem Ordensspital ein Zentrum eingerichtet. Das sei jedoch der falsche Weg, meint Roitner, es brauche eine langfristige Finanzierung. Und: „Oft betreut ein Hausarzt nur drei bis fünf Substitutionspatienten – das ist ein wichtiger Beitrag zur wohnortnahen und niederschwelligen Versorgung, und dazu sind sicher keine stundenlangen Fortbildungen nötig“, so Roitner.

Nach Einführung der neuen Rahmenbedingungen hatte sich etwa über ein Drittel der bislang in der Substitutionstherapie tätigen Tiroler Ärzte zum Ausstieg entschlossen.

„In Graz ist fast jeder Zweite ausgestiegen, und es gibt nun einige Bezirke in der Steiermark ohne einen Arzt oder eine Ärztin für die Begleitung in der Substitutionstherapie“, sagt Klaus Peter Ederer, Suchtkoordinator des Landes Steiermark. Die Zahl der Behandlungen steigt aber leicht an, ebenso der Druck auf die einzelnen Ärzte. „Viele Ärzte in ganz Österreich überlegen einen Ausstieg nach dem demnächst anstehenden Auslaufen der Übergangsbestimmungen zur Absolvierung der Weiterbildung.“ Ederer verweist auf zu wenige Stellen für Sozialarbeiter in der psychosozialen Begleitbetreuung in Drogenersatzprogrammen und darauf, dass Betroffene teilweise mehrere Wochen auf stationäre Entgiftungen warten müssten.

Gemeinsam mit anderen niedergelassenen Ärzten aus Oberösterreich wandte sich Roitner in einem Brief an das Gesundheitsministerium, im dem er die Probleme beschrieb. Es sei durchaus angebracht, „die Frage der Schaffung allfällig einschlägiger Honorarpositionen für substituierende Ärzte zu diskutieren“, heißt es etwas kryptisch in der Antwort.

In den Tagesmedien wird einmal mehr die Diskussion um Substitutionsmittel geführt, die dem Heroin am Schwarzmarkt den Rang abgelaufen haben.

Überdenken nötig

„Was in Österreich fehlt, ist eine ernsthafte wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Applikationsformen und den Auswirkungen von legalen und illegalen Substanzen“, unterstreicht Ederer. Es gäbe unter den Patientengruppen große Unterschiede, und es müsste auch untersucht werden, warum in manchen Fällen die intravenöse Art der Applizierung bevorzugt wird. Gleichzeitig sollte noch einmal die Novelle zur Substitutionstherapie überdacht werden – nötig ist dort immer eine individuelle Vorgehensweise, um Menschen tatsächlich zunächst zu Ersatzprodukten und in der Folge zur Entwöhnung zu führen.

Von Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche

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