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Viele Ärzte, geringe Arzneimittelausgaben: Norwegen achtet sehr genau auf den Mitteleinsatz im Gesundheitswesen und bremst Pharmasponsoring rigoros.
 
Gesundheitspolitik 29. Jänner 2009

Norwegen hat ein gesundes Luxusproblem

Dank des Ölreichtums hat das Land kein Finanzierungsproblem im Gesundheitswesen. Dennoch wird mit den Leistungen recht sparsam umgegangen.

Im hohen Norden werden gesellschaftspolitische und soziale Themen mit kühlem Kopf angegangen: Es gibt nur eine Krankenkasse, keine Zusatzversicherung, kaum Privatpatienten und keine Finanznot im Gesundheitswesen. „Ärzte verdienen dennoch gut“, sagt Dr. Carlo David Schebesta, Landarzt aus Wien.

Das schwarze Gold aus den eisigen Meerestiefen hat dem kargen Land der Wikinger zu großem Wohlstand verholfen. Die Erträge aus dem Handel mit Erdöl und Erdgas werden seit Jahren in einem Fonds angelegt, um die Pensionen langfristig zu sichern. Vor einigen Monaten wurde der Pensionsfonds in Wohlfahrtsfonds umbenannt, um auch Sozialleistungen daraus finanzieren zu können. Rund 244 Milliarden Euro waren 2007 in diesem Fonds und haben Norwegen den ersten Rang im Human Development Index (HDI) eingebracht. Von 2001 bis 2006 war Norwegen sogar das Land mit dem höchsten Lebensstandard weltweit.

„Die Diskussion ist nicht, woher man das Geld für Sozialleistungen nehmen soll, sondern wie man das viele Geld am wirksamsten verteilt“, sagt Dr. Carlo David Schebesta. Norwegen habe ein Luxusproblem, fasst der aus Wien stammende Arzt die wirtschaftliche Situation in seiner Wahlheimat zusammen.

Aus Abenteuerlust in den Norden

Abenteuerlust, finanzielle Gründe und die berufliche Perspektive waren ausschlaggebend dafür, dass sich Schebesta vor zehn Jahren nach Norwegen begeben hat. Aus Liebe ist er geblieben. „Nach dem Medizinstudium und Turnus in Wien hab ich keinen Arbeitsplatz gefunden“, erzählt der Arzt. Zu dieser Zeit habe die norwegische Regierung an österreichischen Universitäten um Mediziner geworben. Gesucht wurden Ärzte, die bereit waren, in den nördlichen Regionen Norwegens zu arbeiten. „Das hat mich interessiert, und da man mir einen Norwegisch-Sprachkurs bezahlt hat, habe ich zugesagt“, erinnert sich Schebesta.

Ein Jahr lang arbeitete er als Landarzt im hohen Norden, wo er bis zu 300 Kilometer zu Patienten in entlegene Dörfer zurücklegen musste und die lange Dunkelheit im Winterhalbjahr nur schwer ertrug. Deshalb zog er in die Nähe von Oslo, ließ sich in Svarstad als Landarzt nieder, wo er auch die Bewohner des örtlichen Pflegeheims mitbetreut und Nachtdienste in der Notaufnahme im nahe gelegenen Krankenhaus übernimmt. Zusätzlich ist er bei der Emergency Response Unit (ERU) des Roten Kreuzes aktiv und war in Banda Aceh nach dem Tsunami und in Yojakarta im Einsatz.

Schebesta ist mit einer Norwegerin verheiratet und Vater eines eineinhalbjährigen Sohnes und einer drei Wochen alten Tochter. Die kleine Agnes ist im Krankenhaus zur Welt gekommen. „Nach zwei Tagen verlassen die Frauen hier das Spital und werden zu Hause vom Hausarzt und mobilen Pflegediensten betreut“, erklärt der frischgebackene Vater. Im Gegensatz zu Deutschland und Österreich, wo die Zahl der Kaiserschnitte sprunghaft ansteigt, werden in Norwegen diese Operationen ausschließlich aus medizinischer Indikation, jedoch nicht auf Verlangen durchgeführt, betont der Arzt.

Für österreichische Verhältnisse spartanisch mutet auch die Situation in anderen medizinischen Bereichen an. „Es gibt weniger Fachärzte als in Österreich“, erzählt Schebesta. Dennoch ist die Lebenserwartung höher als im Alpenland, die Säuglingssterblichkeit geringer und die Geburtenrate liegt mit 1,9 Kindern pro Frau ebenfalls über dem österreichischen Wert. In Norwegen herrsche die Meinung vor, man müsse nicht sofort operieren oder mit teuren Therapien behandeln, man könne auch auf die Selbstheilungskraft des Körpers vertrauen. Leistenbrüche würden nur in Extremfällen chirurgisch behandelt, auch bei Schulteroperationen sei man eher zurückhaltend.

Sparsamkeit ist auch bei der Medikation ein Thema. „Die Ärzte sind verpflichtet, Generika zu verschreiben, ansonsten muss der Apotheker das Rezept ändern. Ärzte, die auffallend oft gegen die Generikapflicht verstoßen, werden ermahnt“, so Schebesta. Rigoros überwacht der Gesetzgeber auch die Beziehung zwischen Ärzteschaft und Pharmaindustrie. Sponsoring ist verboten, von Pharmaunternehmen gesponserte Vorträge oder Seminare werden nicht als Fortbildung anerkannt, nennt Schebesta nur ein Beispiel.

In Norwegen gibt es lediglich eine einzige Sozialversicherung, die Wohlfahrtsversicherung heißt und in der Kranken- und Pensionsversicherung sowie eine Art Pflegeversicherung vereint sind. Alle Bürger sind versichert, für Bedürftige zahlt die Sozialhilfe den Versicherungsbeitrag. Jeder Bürger hat in seiner e-Card einen Hausarzt angegeben. Bei jedem Arztbesuch bezahlt man 130 Kronen (das sind etwa 13 Euro) Selbstbehalt. „Ich finde das in Ordnung, so weiß jeder, dass ein Arztbesuch etwas kostet“, sagt Schebesta. Die Leute würden deswegen nicht seltener zum Arzt gehen, ist der Mediziner überzeugt: „Sie überlegen sich den Arztbesuch aber sehr bewusst.“

Österreich könne vom norwegischen Gesundheitssystem durchaus einiges lernen, glaubt Schebesta und nennt drei Beispiele: „Eine Krankenkasse, die Allgemeinmedizin stärken und einen kleinen Selbstbehalt für den Arztbesuch einführen – das wirke sich keineswegs negativ auf das allgemeine Gesundheitsbewusstsein aus.“

Trotz der verhältnismäßig komfortablen finanziellen Situation hat Norwegen zu wenig Fachärzte, meint Schebesta. Das liege seiner Meinung nach unter anderem am strengen Numerus clausus, der dazu führe, dass viele Medizinstudenten im Ausland studieren und nach Abschluss nicht mehr zurückkehren.

Nicht ganz nachvollziehbar ist für den Arzt aus Österreich die Zurückhaltung bei Forschung und Entwicklung. Medizinische Wissenschaft gebe es in Norwegen so gut wie gar nicht. Neue medizinische Erkenntnisse aus dem Ausland werden erst am Patienten angewendet, wenn sie in anderen Ländern erfolgreich erprobt worden sind.

Der Ehrgeiz der Regierung, das Medizinstudium für junge Leute attraktiver zu machen, ist nach Meinung des Landarztes durchaus ausbaufähig. Das Ergebnis dieser Politik: Es gibt ungefähr 3.000 Ärzte aus Dänemark in Norwegen. Schebesta: „Aber in Zukunft wird Dänemark seine Ärzte selber brauchen.“

Arbeitsteilung in Gruppenpraxis

Der Arzt für Allgemeinmedizin ist in Norwegen für alles zuständig. „Ich mache in meiner Ordination Schwangeren-Untersuchungen ebenso wie orthopädische Diagnosen oder kleine ambulante Eingriffe“, sagt Schebesta. Die vielen Aufgaben könne er ohne Stress bewältigen, beteuert der Arzt, denn er sei nicht allein: Der Auswanderer unterhält zusammen mit einem Kollegen eine Gemeinschaftspraxis. Für den 44-Jährigen ist diese Arbeitsteilung ideal. „Ich habe meistens um 15 Uhr Dienstschluss“, versichert der aus Wien stammende Arzt und freut sich, dass er genügend Zeit für die Familie erübrigen kann. Im Moment kümmert er sich vor allem um seinen kleinen Sohn Franz Magnus, damit der mit Papas Hilfe die ungewohnte Situation mit einer neuen Schwester leichter verkraften kann.

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Indien: Gute Ausbildung, aber fehlende Infrastruktur

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Israel: Bei medizinischer Versorgung beispielhaft

In Belgien wird der Patient sofort zur Kassa gebeten

Was Österreich vom Ausland noch lernen kann

Tabelle:
Das Gesundheitssystem in nüchternen Zahlen betrachtet
Norwegen hat mehr Ärzte, aber geringere Arzneimittelausgaben.
KennwerteNorwegenOECD-SchnittÖsterreich
Gesundheitsausgaben in US$ pro Einwohner 3.442 2.450 3.161
Gesundheitsausgaben in Prozent vom BIP 8,7 8,9 10,1
BIP in US$ pro Einwohner 51.947 31.061 35.695
Öffentliche Gesundheitsausgaben in Prozent* 84,0 73,0 76,2
Lebenserwartung bei Geburt in Jahren 80,6 78,9 79,9
Krankenhausbetten pro 1.000 Einwohner 3,6 5,5 7,6
Computertomografen pro Million Einwohner keine Angaben 19,2 29,8
Magnetresonanztomografen pro Million Einwohner keine Angaben 10,2 16,8
Praktizierende Ärzte pro 1.000 Einwohner 3,7 3,1 3,4
Ausgaben Arzneimittel in US$ pro Einwohner 292 384 393
Quelle: OECD Gesundheitsdaten 2008, Stand Juni; Recherche und Aufbereitung der Daten: IHS, Maria Hofmarcher und Heidemarie Straka *an den gesamten Gesundheitsausgaben.
Kasten:
Wie andere Gesundheitssysteme arbeiten
In den USA werden nur wohlhabende Menschen medizinisch versorgt, in England müssen sie lange warten und in Schweden ist das Paradies. In gesundheitspolitischen Diskussionen werden in Österreich oft Mythen aus anderen Ländern als Positiv- oder Negativbeispiele strapaziert. Doch wie sieht die Realität aus? Die Ärzte Woche traf aus Österreich stammende Ärzte, die in den USA, England, Schweden und anderen Ländern arbeiten. Sie erzählen, wie die Systeme wirklich funktionieren und was wir davon lernen können.
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Viele Ärzte, geringe Arzneimittelausgaben: Norwegen achtet sehr genau auf den Mitteleinsatz im Gesundheitswesen und bremst Pharmasponsoring rigoros.

Foto: Privat

Dr. Carlo David Schebesta, Mediziner aus Wien, nun Landarzt in Norwegen

Von Birgit Köhlmeier und Martin Rümmele, Ärzte Woche 5/2009

  • Herr Dr. Gernot Ernst d.e.a.a., 22.07.2011 um 07:52:

    „Ihren Artikel zu Norwegen habe ich mit Vergnügen gelesen. Dennoch ein später Kommentar zu einigen Details, die ich nur ungerne so im Netz sehen möchte... Norwegen soll keine nennenswerte medizinische Forschung haben? Da hat der Kollege vielleicht zu wenig Kontakt oder Lesezeit. Norwegens medizinische Forschung hat in vielen Gebieten durchaus internationales Format und es gibt viele PhDs mit Publikationen mit hohen impact-Faktoren... Das Vertrauen auf die Natur bei Krankheiten fand ich auch etwas erheiternd. In Wirklichkeit wird hier genauso behandelt und operiert wie im deutschsprachigen Raum, das einzige, was vielleicht die Operationsfrequenz mindert ist, wie richtig bemerkt wird, eine geringere Anzahl privater Fachärzte so dass so manche OP-Indikation die auch zur besseren Auslastung der privaten Operationspraxis dient, hier nicht gestellt wird. Aber so ist es wenn wir unsere subjektive Sicht von Ländern schildern - es kann verschiedene Meinungen dazu geben.“

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