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Foto: Gesundheit Institut
Foto: Einherz

Dr. Patch Adams im Gespräch mit Wiens Gesundheitsstadträtin Mag. Sonja Wehsely: Die Kommunikation Arzt-Patient muss auf Augenhöhe passieren.

Foto: Einherz

Zurück zum Ursprung der Medizin: kranke Menschen heilen und sie beim Gesundwerden unterstützen.

 
Gesundheitspolitik 27. Oktober 2010

„Die Niere aus Zimmer 16“

Kult-Vorbilder wie Dr. House haben bald ausgedient und müssen einer Medizin mit mehr Menschlichkeit Platz machen. Seit drei Jahren zeigt die Initiative "Einherz" wie das im medizinischen Alltag funktionieren soll.

Während sich auf der einen Seite Studierende, Ärzte und Wissenschaftler im Hörsaalzentrum des AKH Wien versammeln, um gegen die angedrohten Budgetkürzungen für die MedUnis zu protestieren, demonstrieren nur wenige Hörsäle entfernt eine Reihe junger heimischer Mediziner ihre Ideen von einer menschlichen Medizin für alle, fernab jeglicher ökonomischer Zwänge, dafür mit viel Herz, Liebe und einem Lachen.

"Stell dir vor, dass dich die Arbeit mit den Patienten nicht ausbrennt, vielmehr Nahrung ist für deine Flamme der Begeisterung. Stell dir vor, du kannst Patienten liebevoll umarmen, sie halten und du spürst das Gefühl der Verbundenheit. Stell dir vor, an deinem Lebensabend zu sagen: Ich war Arzt, denn ich habe die Menschen aus vollem Herzen geliebt." – Mit dieser Vision haben heimische Jungmediziner vor rund drei Jahren die Initiative "EINHERZ – Gemeinschaft für Medizin mit Liebe" gegründet. Sie verteilen Gratis-Umarmungen in Krankenhäusern, bringen kranke Menschen zum Lachen und sammeln Ideen für Gesundheits- statt Krankenhäuser. "Unser Ziel ist es, in Zusammenarbeit mit Vertretern des Gesundheitswesens das Konzept einer ganzheitlichen Klinik zu entwerfen. Einer Klinik, die langfristig als ökologisch, ökonomisch und sozial nachhaltiges Vorzeigemodell für das Gesundheitssystem dienen soll", erklärt Mag. Dr. Alexander Radinger, EINHERZ-Gründungsmitglied. Allein ist er mit der visionären Idee längst nicht mehr und hat nicht nur Unterstützung in den eigenen Reihen und in der Gesundheitspolitik gefunden, sondern auch einen durchaus prominenten Berater: Dr. Patch Adams, den revolutionären "Loving Clown and Caring Family Doctor" aus den USA.

Nicht Krankheiten, sondern Menschen behandeln

Patch Adams besuchte auf Einladung von EINHERZ zwei Tage lang österreichische Medizinunis und Krankenhäuser, um seine Gedanken zu einer freud- und liebevollen Medizin auch in Österreich zu verbreiten. Der Zugang klingt denkbar einfach: Er stellt die Begegnung von Mensch zu Mensch in den Mittelpunkt, fragt vor allem nach dem "Wie" in der Medizin und sprengt damit durchaus auch gern Konventionen und tradierte Rollenbilder. Mit seiner Einladung zu Kreativität und Lachen im Medizinstudium und Klinikalltag plädiert er dafür, dass "Ärzte den Menschen und nicht der Krankheit begegnen" sollen. Auch den EINHERZ-Medizinern geht es um die Gesundheit – und zwar die von Patient und Arzt gleichermaßen. Eine Forderung, die angesichts steigender Burn-out-Risiken gerade in der Gesundheitswirtschaft deutlich an Gewicht zunimmt.

"Mit unseren Projekten von Clowning und Umarmungsaktionen in oder um Krankenhäuser, in Pflegeheimen oder auf der Straße bis hin zur Veranstaltung von Symposien wollen wir Brücken bauen. Brücken zwischen Körper und Geist, zwischen Schul- und Komplementärmedizin, zwischen Natur- und Geisteswissenschaften – und vor allem die wichtigste Brücke, die von Mensch zu Mensch", fasst Radinger zusammen. Dabei geht es dem Mediziner vorrangig nicht darum, Leistungen kostenlos für alle anzubieten, sondern "es geht um die Geisteshaltung einer mitfühlenden Medizin und wie auf einen Patienten zugegangen wird." Er will vorleben, was er und seine EINHERZ-Kollegen träumen, und ist überzeugt, dass auch die Gesundheitspolitik mitziehen wird: "Ich glaube, dass sich auch Politiker im Innersten nach einer Welt sehnen, die menschliche Begegnungen möglich macht. Wir müssen selbst die Veränderung sein, die wir sehen wollen."

Das Krankenhaus der Zukunft oder Gesundheit für alle?

So wie dem geistigen Vater der weltweiten Klinik-Clowning-Bewegung geht es den Jungemedizinern also um weit mehr als nur um einen fröhlichen Klinikalltag. Für den Gesundheits- und Sozialaktivisten Patch Adams, der sein Leben seit über 40 Jahren in den Dienst am Menschen stellt, hört das Clown-Sein nicht bei der Krankenhaustüre auf, ist die Gesundheit des Einzelnen nicht von der der Gesellschaft zu trennen. Im US-Bundesstaat West Virginia arbeitet Patch Adams mit seiner "Gesundheit!-Organisation", die über Jahrzehnte mehr als 15.000 Patienten kostenlos behandelte, an der Umsetzung einer "Free Funny Clinic". "Behandlungen sind gratis, wir haben viel Zeit für Patienten und wir leben mit ihnen zusammen. Gemeinsam erfahren sie hier die Heilkunst als Lebensform mit Spaß, Humor, Liebe, Leidenschaft, Hoffnung, Neugier, Staunen und Kreativität," erklärt Patch Adams.

Dass die dringend anstehenden Finanzierungs- und Verteilungsfragen der heimischen Gesundheitspolitik nur mit Mitgefühl allein nicht lösbar sein werden, weiß auch Gesundheitsstadträtin Mag. Sonja Wehsely. "Wir wissen, dass Armut krank macht. Umso wichtiger ist es, dass die Versorgung für alle gesichert ist."

Neu ist die Idee nicht, dass glückliche Menschen auch gesunde Menschen sind – jedoch ist nach wie vor die Schere vom Denken zum Handeln groß. Eine Medizin der Menschlichkeit kann nicht über Dienstpläne oder Qualitätsrichtlinien vorgeschrieben werden. Veränderungen werden wohl nur dann in Gang kommen, wenn jeder bei sich selbst beginnt.

Von Mag. Renate Haiden, Ärzte Woche 43 /2010

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