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Foto: wikipedia / Vicsoldier
 
Gesundheitspolitik 20. Oktober 2010

News aus Brüssel: Messerstechereien

Ein neuer Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bringt es zu Tage*: 15.000 Jugendliche und junge Erwachsene sterben pro Jahr aufgrund von Gewaltverbrechen in den 53 Ländern der Europäischen Region+, Die zwischenmenschliche Gewalt ist die dritthäufigste Todesursache und eine führende Ursache für Behinderung bei Jugendlichen zwischen zehn und 29 Jahren. Russland weist die höchste Mordrate von 16 pro 100.000 Jungen auf. Am niedrigsten ist die Mordrate in Deutschland, mit 0,5 pro 100.000. Österreich hat mit 0,55 pro 100.000 die zweitniedrigste Mordrate.

Häufige Messerstechereien

Die häufigste Waffe ist ein Messer, das bei 40 Prozent der Morde eingesetzt wurde. In Österreich liegt der Anteil sogar mit 54 Prozent darüber. Trotzdem wird das Problem nicht als solches erkannt: Auf die Frage, wie Messerstechereien hierzulande einzustufen seien, antwortete das Österreichische Bundesministerium für Gesundheit: „Es kommt zwar vor, ist aber kein Problem“

Hohe gesellschaftliche Folgekosten

Zusätzlich zur rein körperlichen Verletzung leiden die Opfer – zu 80 Prozent junge Männer – an einer Reihe von mentalen Problemen: vom Hochrisikoverhalten wie Rauchen, Alkohol- und Drogenmissbrauch bis hin zum posttraumatischen Stresssyndrom. Die Folgekosten für die Gesellschaft sind enorm, nicht nur aufgrund der direkten erforderlichen Leistungen durch das nationale Gesundheitssystem, Exekutive, Judikative oder Sozialdienste, sondern auch wegen der massiven indirekten Kosten, die aufgrund verlorener Produktivität entstehen, da viele Opfern nicht mehr ihren täglichen Beschäftigungen nachgehen können. Wie teuer das einem Staat tatsächlich kommt, wurde bislang nur in wenigen Ländern untersucht: Schätzungen zufolge führt Gewalt in Schottland zu Kosten von 3,4 Milliarden Euro pro Jahr. In England und Wales werden die Kosten von Gewalt mit Messern auf 1,4 Milliarden Euro geschätzt.

Bekannte Risikofaktoren

Wenig Neues wird hinsichtlich der Risikofaktoren berichtet: junge Männer generell, ebenso wie Kinder, die selbst von Missbrauch betroffen sind oder an andere Formen der Gewalt leiden. Zusätzlich zählt der Gebrauch beziehungsweise Missbrauch von Alkohol und Drogen zu den Risikofaktoren und auch kulturelle Normen, die Gewalt tolerieren.

Neu ist hingegen die Ansicht, was gegen das Problem unternommen werden könnte. Während früher Gewaltverbrechen unter Jugendlichenfaktisch als rein strafrechtliche Angelegenheit eingestuft wurden, wird das Problem neuerdings zunehmend in einem sozialmedizinischen Rahmen gesehen, erklärt Dr. Zsuzsanna Jakab, Regionaldirektorin für Europa der WHO. „Die dahinter stehende Erkenntnis lautet: Gewalt unter Jugendlichen ist vermeidbar, wenn die entsprechende anhaltende und systemische Präventivarbeit geleistet wird, dafür gibt es eine fundierte Beweislage.“

Schlüsselrolle für sozialmedizinische Interventionen

Besonders stark sei diese Beweislage für Interventionen, die die frühzeitig die Risikofaktoren reduzierenwollen und nicht auf bereits etabliertes gewalttätiges Handeln abzielt so Dr. Jakab weiter. Das von der WHO erstellte Maßnahmenpaket beinhaltet deshalb unter anderem die folgenden Vorschläge:

  1. Entwicklung und Implementierung nationaler Richtlinien und Pläne für die Prävention von Gewalt unter Jugendlichen durch die Gesundheitsministerien. Dazu zählen entsprechende Elternkurse, die Förderung der sozialen Kompetenz bei Kindern, erschwerter Zugang zu Alkohol und Waffen oder auch das Verhindern von Mobbing an der Schule. Die Prävention von Gewalt sollte außerdem in den Curricula der Gesundheitsberufe integriert sein.
  2. Die Gesundheitssysteme sollten gut vernetzt sein, um Opfern körperlicher Gewalt nicht nur medizinische Hilfe für die körperlichen Verletzungen zu bieten, sondern um auch Hilfe hinsichtlich der mentalen Auswirkungen bereit zu stellen.
  3. Bessere Daten über die Ursachen, Auswirkungen und Kosten von Gewaltverbrechen sind erforderlich, um darauf aufbauend entsprechende Präventionsprogramme erstellen zu können. Generell sollte mehr Forschung betrieben werden, um auch Präventionsmaßnahmen zu evaluieren.
  4. Eine verbesserte Bewusstseinsbildung bei Jugendlichen schaffen.

 

Dr. Lydia Unger-Hunt lebt in Brüssel. Sie ist Medizinerin und Gesundheitsjournalistin.

 

* Link http://ec.europa.eu/health/healthy_environments/key_documents/index_en.htm#anchor0

 

+ EU plus Staaten der ehemaligen Sowjetunion plus Kleinstaaten wie Andorra plus Israel

Jugendliche Gewalt im Europäischen Raum
• Jährlich sterben rund 15.000 der 10- bis 29-Jährigen aufgrund von Gewalt
• 300.000 von ihnen werden pro Jahr stationär aufgenommen
• Zwischenmenschliche Gewalt ist die dritthäufigste Todesursache
• Österreich hat hinter Deutschland die zweitniedrigste Mordrate in dieser Altersgruppe.
• Durchschnittlich werden 40 Prozent der Morde mit dem Messer verübt.

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