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Fotos (3): Ärztekammer für Wien/Stefan Seelig
„Wenn wir nicht in die Forschung investieren, dann kann ich uns nicht mehr helfen.“

„Wir arbeiten mit Steuergeld, daher ist es nicht vertretbar, für jede Grippewelle Betten frei zu halten.“

„Ich sehe kein Problem, eine Absolventin der Uni Wien ins Mühlviertel zu schicken. Das ist nicht das Ende der Welt.“

 
Gesundheitspolitik 6. Oktober 2010

„Finanzierung aus einer Hand ist ein Killersatz“

Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely spricht sich für ein solidarisches Gesundheitssystem und mehr örtliche Flexibilität von Jungmedizinern aus.

Teil 4: Die ROTEN stellten sich im Rahmen der Aktion „Farbe bekennen“ der Wiener ÄK zur vierten gesundheitspolitischen Diskussion. Auf dem Podium Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely.

 

HEIGL: Wollen Sie wieder Stadträtin werden?

WEHSELY: Ja.

 

HEIGL: Wollen Sie Gesundheitsminister Stöger ablösen?

WEHSELY: Bisher wurde mir diese Frage nur von Journalisten gestellt, aber von niemandem, der Entscheidungsmacht hat. Es geht darum, Unruhe in die Wiener SPÖ zu bringen. Ich stehe nicht zur Verfügung.

 

HEIGL: Liegt das vielleicht daran, dass Sie als Stadträtin mehr zu sagen haben?

Wehsely: Ich führe das Ressort seit dreieinhalb Jahren, es ist das größte, das die Stadt Wien zu vergeben hat: mit 50 Prozent aller Mitarbeiter und mehr als 25 Prozent des Budgets. Und ich habe noch viele Pläne, die es umzusetzen gilt.

 

HEIGL: Wie beurteilen Sie die Finanzierung aus einer Hand?

WEHSELY: Finanzierung aus einer Hand ist ein Killersatz. Der wird gesagt und jeder hofft, dass sich Journalisten nicht zu viel damit befassen. Experten wissen, wie schwierig die Finanzierung des Gesundheitswesens ist. Daher möchte ich den Mund nicht zu voll nehmen. Ziel ist, systemische Schranken zu ignorieren und mit Krankenkassen und ÄK einen regionalen Strukturplan für die Gesundheit zu entwickeln, dann könnte als Ergebnis die Finanzierung aus einer Hand möglich sein.

 

HEIGL: Wo soll die Kompetenz liegen, bei Bund oder Ländern?

WEHSELY: Die Planungs- und Finanzierungskompetenz sollte in einer Hand liegen. Wichtig ist, dass unter diesem Titel nicht die Aushöhlung der solidarischen Krankenversicherung mitschwingt.

HEIGL: Zum leidigen Sparthema: Zuerst hieß es, dass Staatssekretär Schieder kleine Krankenhäuser schließen möchte, dann gab es einen Parteitagsbeschluss, keine Schließungen durchzuführen. Hat man Angst vor der eigenen Courage?

WEHSELY: Beides ist verkürzt: Laut Rechnungshofbericht ist in bestimmten Situationen Leistungskonzentration sinnvoll und der Bestand kleiner Krankenhäuser sollte hinterfragt werden. Es geht um die Frage der Spezialisierung. Der Parteitag hat beschlossen, dass es nicht sein kann, dass es Regionen ohne Gesundheitsversorgung gibt.

 

STEINHART: Die Debatte über die Sperre der 300-Bettenhäuser in Wien hat weh getan. Macht es Sinn, darüber zu diskutieren, wenn gleichzeitig in größeren Häusern Gangbetten stehen und diese als Managementfehler der Ärzte eingestuft werden?

WEHSELY: Für Wien wurde fixiert, dass die Krankenhäuser Floridsdorf, Gersthof und die Semmelweißklinik ins Krankenhaus Nord übersiedeln. Bei den Gangbetten liegt die Wahrheit in der Mitte. Wir arbeiten mit Steuergeld, daher ist es nicht vertretbar, für jede Grippewelle Betten frei zu halten, damit niemand am Gang liegt. Andererseits gibt es im KAV hunderte freie Betten, während Abteilungen melden, dass alle Betten voll sind. Ich kann gewisse Patienten nicht zusammenlegen, aber es gibt Bettenvorhalter, wo es nicht begründbar ist. Im Normalfall müsste es möglich sein, dieses Problem durch das Management zu lösen.

 

HEIGL: Sind Sie für eine Entschuldung der WGKK?

WEHSELY: Eine Gebietskrankenkasse ist keine Sparkassa. Das ist ein banal klingendes Faktum, das aber nicht überall Gehör gefunden hat. In Wahrheit ist dies eine hochpolitische Frage, nur in zweiter Linie geht es um die Finanzierbarkeit. Alle meine Vorredner bekannten sich zur Kassenentschuldung. Tatsache ist, dass von 2000-2007 die WGKK vom Bund Leistungen aufgebürdet bekam, die ihr nicht abgegolten wurden. Sonst wäre die WGKK noch weiß. Die Kernfrage lautet: Wollen wir ein solidarisches Gesundheitssystem oder nicht? Ja, eine Entschuldung soll stattfinden, denn Geld hat kein Mascherl.

 

STEINHART: Wir haben uns zum Solidarsystem bekannt. Leistungen sind verfassungswidrig, wenn den Kassen nicht genügend Geld zur Verfügung steht. Entschuldung wäre sofort möglich, aber Teile der Sozialdemokratie sind nicht gefolgt. Was hindert die WGKK, eine Verfassungsklage einzubringen?

WEHSELY: Bei Verfassungsklagen weiß man nie, wie es ausgeht. Das ist riskant. Das muss die WGKK selber entscheiden. Hin- und Herklagen funktioniert zumeist nicht.

 

STEINHART: Wie stehen Sie zum Problem der Kinder- und Jugendpsychiatrie?

WEHSELY: Bei der Kinder- und Jugendpsychiatrie haben wir Aufholbedarf. Ich bin seit Jänner 2007 Gesundheitsstadträtin. Seit damals haben wir am Rosenhügel die Bettenanzahl verdoppelt. In Wien Nord entsteht eine 3. Abteilung. Das dauert, wird aber kommen. Der niedergelassene Bereich ist ein anderes Problem. Verglichen mit der Versorgung in Restösterreich stehen wir in Wien hochweiß da. Wir haben uns für einen Systembruch entschieden und bilden am AKH mit Geld der Stadt Wien Kinder- und Jugendpsychiater aus, damit wir dann genügend Ärzte für Wien Nord haben. Im Gesundheitswesen werden wir nie fertig sein. Das muss man zulassen.

 

HEIGL: Wie lassen sich die langen Turnus-Wartezeiten verhindern?

WEHSELY: Das ist wieder so ein Großstadtfaktor, der herausgearbeitet gehört. Wien ist die wunderbarste Stadt der Welt, daher verstehe ich jeden, der dableiben will. Aus Oberösterreich weiß ich, dass dort keiner zum Turnus kommen will. Andererseits können wir in Wien nicht ganz Österreich versorgen, weil der KAV nicht alle ausbilden kann. Ich sehe kein Problem, eine Absolventin der Uni Wien ins Mühlviertel zu schicken, das ist nicht das Ende der Welt. Jetzt sage ich was ganz Böses: Wenn es möglich ist, dass Lehrlinge von Thüringen nach Tirol kommen, ist es zumutbar, dass Oberösterreicher, die in Wien den Turnus gemacht haben, nach Oberösterreich gehen. Das ist nicht inhuman.

 

STEINHART: Wir haben Lehrpraxen eingerichtet und eine sozial akzeptable Bezahlung geschaffen. Wir müssen Ärzte nachzüchten, weil sie uns künftig fehlen werden. Wir benötigen dafür irgendeine Unterstützung.

WEHSELY: Da muss es eine bundesweite Finanzierung geben. Die Kosten für den Turnus im Spital trägt die Stadt Wien. Die Finanzierung kann nicht aus den Länderbudgets kommen.

 

HEIGL: Was fehlt in der Unipolitik auf Bundesebene, außer Geld?

WEHSELY: Was wir haben, sind eine gute Ausbildung und eine Forschung, in die wir investieren müssen. Wenn wir hier nicht investieren, dann kann ich uns nicht mehr helfen. Das Argument, es gibt zu viele Studierende, stimmt nicht. Laut einer aktuellen Studie liegen wir in Wien unter sechs europäischen Städten bei der Zahl der Uniabsolventen auf dem fünften Platz von sechs Städten. Und jetzt stellt sich die Wissenschaftsministerin hin und sagt, sie muss Unis schließen, weil es kein Geld gibt. Dafür brauche ich keine Wissenschaftsministerin.

 

Das Gespräch führten Johannes Steinhart, Vizepräsident der Wiener ÄK, und Andrea Heigl, Der Standard.

 

 Die Diskussionen im Internet unter

www.farbe-bekennen.at

Wordrap
Wäre ich Ärztin ...
wäre ich eine engagierte Ärztin.

Ich habe (k)eine Privatversicherung …
ja, seit 27.1. 2007, weil mir bewusst war, dass ich sehr genau beobachtet werde, es wäre aber nicht notwendig in Wien.

Von wem der anderen Spitzenkandidaten möchten Sie sich behandeln lassen?
Von niemandem, auch wenn sie Ärzte wären, weil ich nicht krank sein möchte.

Als Ärztekammerfunktionärin würde ich immer schauen ...
dass es die besten Ergebnisse für PatientInnen gibt.

Von Mag. Michael Strausz, Ärzte Woche 40 /2010

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