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Gesundheitspolitik 6. Oktober 2010

Der Hausarzt – eine aussterbende Spezies?

Viel Mut, Engagement und Überzeugung gehören dazu, wenn heute ein junger Mediziner den Weg als „Hausarzt“ einschlägt. Der Beruf hat deutlich an Attraktivität verloren. Von Mag. Renate Haiden

Mehr als 40 Prozent der allgemeinmedizinischen Kassenärzte in Österreich sind zwischen 50 und 70 Jahre alt. Junge Ärzte sollen diese in den nächsten Jahren ersetzen, sollen sich motiviert und hoffnungsvoll auf den Beruf „Hausarzt“ vorbereiten und wesentliche Teile der medizinischen Grundversorgung abdecken. Unterstützung auf diesem Weg ist jedoch wenig vorhanden.

 

Welche Rolle Hausärzte im Gesundheitssystem der Zukunft spielen sollen und wollen, wurde kürzlich am Tag der Allgemeinmedizin der ÖGAM, der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin, ausführlich diskutiert. Aus angrenzenden Ländern wie Deutschland, der Schweiz oder Südtirol sind die Meldungen über einen eklatanten Mangel an Nachwuchs längst da. Auch Österreich stellt sich daher langsam darauf ein, zu wenige ausgebildete Ärzte für die frei werdenden Stellen zu haben, um sie adäquat nachbesetzen zu können. „Im Mittelpunkt der Tagung stand die immer wiederkehrende Frage, ob und wie wir den Nachwuchs motivieren können, auf eine Facharzt-Laufbahn zu verzichten und die Karriere des niedergelassenen Allgemeinmediziners anzustreben. Die Frage ist angesichts des anstehenden Generationswechsels und der schlechten Rahmenbedingungen für diesen Beruf dringlich zu lösen“, fasst Dr. Reinhold Glehr, Präsident der ÖGAM, zusammen.

Das Berufsbild Hausarzt war in den letzten Jahrzehnten wesentlichen Veränderungen unterworfen. Mit dem demografischen Wandel, der Veränderung des Krankheitsspektrums und der Neuorganisation des stationären Bereiches sind besondere Herausforderungen auf ihn zugekommen. Die neuen Möglichkeiten der Informationstechnologie für Vernetzung, Kommunikation und Koordination haben die gewachsenen Strukturen des Gesundheitssystems allgemein und auch im hausärztlichen Bereich in Bewegung gebracht.

Zur Sicherung von Nachhaltigkeit, Effizienz und Effektivität in einem sozialen, solidarischen Gesundheitssystem wird auch in Zukunft eine gut funktionierende medizinische Grundversorgung notwendig sein. „Die Blickrichtung von Politik und Medien scheint zum Teil immer noch von Mustern der Akutmedizin und der fachspezialistischen Versorgung gefangen und hat die Veränderungen im hausärztlichen Bereich nicht sonderlich wahrgenommen. Die Chancen einer lebenslangen Begleitung, die Zunahme chronisch Kranker und Multimorbider und die damit verbundenen speziellen Aufgabenstellungen finden daher immer noch zu wenig Aufmerksamkeit“, ist Glehr überzeugt.

Hausarztmodell: Konsens fehlt

Die Sorge, dass der Beruf völlig unattraktiv wird, kann man den Jungmedizinern daher nicht nehmen. „Vonseiten des Ministeriums kommen keine wesentlichen Signale auf Veränderung“, so der Mediziner. Das neue Hausärztemodell ist aus Sicht des Experten nur eine Rückkehr zu den Zeiten „vor der e-card“, wo es doch noch gewisse Zugangsbeschränkungen gab. Der Arzt als Vertrauensarzt, als Berater und „Begleiter“ bei Behandlungen und Therapien, als erster Ansprechpartner bei Gesundheitsproblemen und verständnisvoller Gesundheitsmanager seiner Patienten – das sind die Eckpunkte des Hausarztmodells, das die Bundeskurie Niedergelassene Ärzte anlässlich des 121. Österreichischen Ärztekammertages Ende Juni beschlossen hat. Die Betonung und Neupositionierung des Hausarztes und die damit verbundene Stärkung des niedergelassenen Bereichs wurden damit erstmals inhaltlich detailliert festgehalten. Es blieb aber bisher bei einem Konsens innerhalb der Ärztekammer, denn die Unterstützung von den offiziellen Stellen oder etwa der Sozialversicherung ist bis dato ausständig.

Ausbildungsreform steht an

„Die derzeitige Ausbildung ist für die Besten unter den Ärzten nicht gerade ein Ansporn. Selbst innerhalb der medizinischen Hierarchie gibt es eine deutliche Geringschätzung des Hausarztes als Mediziner zweiter Klasse“, weiß Glehr. Einen Lösungsansatz sieht er im Bereich der Ausbildung, aber auch beim Facharzt für Allgemeinmedizin – nur ist auch hier ein Stillstand in der Diskussion eingetreten. Weitere Ideen sind etwa die Schaffung von flexibleren Arbeitszeiten und Kooperationsmöglichkeiten, faire Übergaben und Einstiegschancen, Freiraum für mehr wissenschaftliches Arbeiten in der Praxis und eine adäquate Bezahlung der Leistungen.

Gesundheitsökonom Dr. Ernest G. Pichlbauer plädiert für ein „Primary Health Care“(PHC)-System, ein ambulantes bzw. mobiles Versorgungskonzept, das möglichst viele gesundheitliche – und das sind nicht nur medizinische – Probleme wohnortnah adressiert. „Das beginnt im Wohnzimmer“, stellt Pichlbauer fest. PHC-Teams bestehen vorzugsweise aus Hausärzten, Pflegekräften, Psychologen, Sozialarbeitern, Physiotherapeuten und Gesundheitsberufen, die vor Ort nötig sind. Die Vorteile liegen auf der Hand: eine höhere Compliance, geringere Überweisungsfrequenz zu Fachärzten, weniger Krankenhausaufenthalte und damit auch weniger Gesamtkosten. Auch hier klaffen Theorie und Praxis weit auseinander, denn ein hoch entwickeltes PHC braucht unter anderem mindestens 50 Prozent Hausärzte im Verhältnis zu Fachärzten, eine Selbstkostenbeteiligung der Patienten, eine Langzeitbeziehung zwischen Versorgung und Patienten und ein funktionsfähiges Hausarztmodell – allesamt Voraussetzungen, die in Österreich bisher nicht oder lediglich ansatzweise erfüllt sind.

Nachfolger gesucht
Wenn eine Kassenordination nicht nachbesetzt werden kann, hat dies in der Regel nur einen Grund: Die ärztliche Hausapotheke darf bei einer Ordinationsübernahme nicht weitergeführt werden. Etwa 100 ärztliche Hausapotheken sind gemäß einer internen Erhebung der Ärztekammer alleine in Niederösterreich mittelfristig von der Schließung bedroht. Bei etwa 60 ist damit zu rechnen, dass damit auch keinerlei wirtschaftliches Interesse mehr für einen potenziellen Nachfolger der Kassenordination vorhanden ist. Eine Ausdünnung der ärztlichen Nahversorgung würde die Menschen am härtesten treffen, die die Versorgung am notwendigsten brauchen. Die Marktgemeinde Rabenstein an der Pielach ist eine der von dieser unangenehmen Situation betroffenen Gemeinden. Um die Bevölkerung auf die Situation aufmerksam zu machen, fand am vergangenen Mittwoch, den 13.Oktober eine Informationsveranstaltung mit Bürgern, Bürgermeister und Gemeindevertretern aller anderen betroffenen Gemeinden in Niederösterreich, interessierten Ärztinnen und Ärzten sowie der interessierten Landbevölkerung aus anderen Gemeinden statt.

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