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Fotos (3): Ärztekammer für Wien/Stefan Seelig
„Die neuen Gruppenpraxen sind ein Meilenstein für Flexibilität. Es gilt, den Hausarzt als Allrounder zu stärken.“

„Das Hanusch-Krankenhaus ist mit Personalkosten von 108 Prozent des Gesamtbudgets besonders teuer.“

„Zentrale Herausforderung an die Pflege ist, eine mobile, wohnortnahe Versorgung rund um die Uhr sicherzustellen.“

 
Gesundheitspolitik 28. September 2010

„Strukturänderungen und Synergien sind notwendig“

Christine Marek fordert eine gesamtheitliche Betrachtung des Gesundheitssystems, außerdem Allround-Ärzte und -Spitäler.

Teil 3: DIE SCHWARZEN stellten sich im Rahmen der Aktion „Farbe bekennen“ der Wiener ÄK zur dritten gesundheitspolitischen Diskussion. Auf dem Podium die Spitzenkandidatin Christine Marek.

 

TESAREK: Sollte Ihre Partei das Gesundheitsresort erhalten, möchten Sie dann Gesundheitsstadträtin werden?

MAREK: Zuerst einmal muss gewählt werden, wir kämpfen, dass die absolute Mehrheit der SPÖ gebrochen wird. Grundsätzlich wäre dieses Amt für eine Reihe von bekannten Persönlichkeiten in der ÖVP interessant. Ich halte aber nichts davon, die Felle zu verteilen, bevor der Bär erlegt wurde.

 

TESAREK: Welche Maßnahmen wären als erste zu treffen?

MAREK: Es geht um eine inhaltliche Programmatik. Vorerst möchte ich anmerken, dass Wien bei der Gesundheitsvorsorge Weltspitze ist. Diese Tatsache gilt es zu erhalten. Eine vorrangige Maßnahme ist, die Hausärzte in Kombination mit den Gruppenpraxen zu stärken, näher an den Menschen zu sein, um Ambulanzen und Spitäler zu entlasten – gerade auf dem Sektor der Kinder- und Jugendheilkunde – und für spezifische Dinge freizuspielen. Ein Mehrstufenplan wäre das, was wir brauchen.

 

SZEKERES: Wie wollen Sie den Großstadtfaktor – Menschen sind kränker (Herz-Kreislauferkrankungen um ein Drittel höher) und älter – finanziell stärker berücksichtigen?

MAREK: Diesen Bereich nur finanziell zu betrachten, ist zu wenig. Neben dem Gesundheitsbereich ist auf die Prävention zu achten. Da spielen Hausärzte eine wichtige Rolle. Hier ist eine gesamtheitliche Betrachtung wünschenswert, die bereits in den Schulen mit gesunder Ernährung beginnt. Übergewichtige Kinder und Allergien sind ein großes Problem. Daher begrüße ich den Vorschlag der Ärztekammer, den Gesundheitspass in einen Vorsorgepass umzuwandeln. Wie man sieht, funktioniert das Mutter-Kind-Pass-Anreizsystem. Bei der Umwandlung der Akutbetten in die Akutgeriatrie ist viel Geld drinnen. Der Großstadtfaktor darf kein Totschlagargument sein für notwendige Strukturänderungen bzw. Synergien.

 

SZEKERES: Die Leistungen werden immer besser, die Kosten sind seit 1995 konstant und liegen inklusive Pflege bei 10–10,5 Prozent des BIP. Wo soll das Geld herkommen?

MAREK: Genau das ist die entscheidende Frage. Zentrale Herausforderung an die Pflege ist, eine mobile, wohnortnahe Versorgung rund um die Uhr sicherzustellen. Dafür müssen wir Menschen für die Ausbildung gewinnen, und zwar mit Hilfe eines Pflegefonds oder anderer Finanzierungen. Derzeit geht es noch stark in Richtung Heime.

 

TESAREK: Braucht das Gesundheitssystem eine große Reform?

MAREK: Nein, sondern eine Weiterentwicklung. Die neuen Gruppenpraxen sind ein Meilenstein für Flexibilität. Es gilt, den Hausarzt als Allrounder zu stärken, erst dann sollen Facharzt und Ambulanzen in Aktion treten. Weiters benötigen wir ein gut qualifiziertes Personal, Stationsassistenten zur administrativen Entlastung und eine Reduktion der Arbeitszeiten in den Spitälern. Kapazitäten zu verschieben, ist zu wenig.

 

TESAREK: Wie beurteilen Sie den Vorschlag, Kleinspitäler unter 300 Betten zu schließen?

MAREK: Davon wäre rund ein Drittel der Wiener Spitäler betroffen, davon sehr viel kleine, hoch spezialisierte, wohnortnahe Spitäler (Vinzenz-Gruppe). Die Forderung geht an der Lebensrealität vorbei. Anstelle von Schließungen bin ich für Verlegungen und die Nutzung von Synergien – und für ein absolutes Ja zum Krankenhaus Nord. Aber es müsste ein Allrounder sein wie das SMZ-Ost.

 

SZEKERES: Was fehlt dort Ihrer Meinung nach?

MAREK: Eine Neurologie (bleibt in Hietzing), eine Kinderchirurgie, HNO, Augenheilkunde, Dermatologie, Urologie und Palliativmedizin. Der Platz ist ein sehr guter, aber es fehlen Parkplätze und die Anbindung an die U-Bahn. Die ständigen Planungsänderungen steigern jedenfalls die Kosten.

 

TESAREK: Wie stehen Sie zur Entschuldung der Krankenkassen? (Anmerkung: die versicherungsfremden Leistungen kosten 900 Millionen Euro im Jahr)

MAREK: Das Entschuldungsgesetz und der Fonds sind eine gute Basis. Ich plädiere für einen Kostenersatz und dass nach dem Verursacherprinzip vorgegangen wird. Fremdleistungen der Kassen müssen abgegolten werden.

 

SZEKERES: Damit befinden Sie sich im Widerspruch zum Vizekanzler.

MAREK: Das weiß ich. Außerdem besteht eine Verpflichtung zu Sparmaßnahmen. Durch Verhandlung mit den Pharmafirmen wurde eine Verbesserung erreicht. Der Druck, Generika zu verschreiben, steigt. Das hat zu einem Umdenken geführt.

TESAREK: Sollen die Kassen auch selbst sparen?

MAREK: Das Hanusch-Krankenhaus, das ein hervorragendes Spital ist und im Eigentum der Wiener Gebietskrankenkassa steht, ist mit Personalkosten von 108 Prozent des Gesamtbudgets besonders teuer. Eine Lösung ist nicht so einfach, weil es die Stadt Wien nicht übernehmen will. Wichtig ist eine Gesamtbetrachtung, und man muss darüber reden können. Bei der Verwaltung könnte man ebenfalls einsparen und straffen.

 

SZEKERES: Aber die drei Prozent an den Gesamtkosten sind kein hoher Betrag.

MAREK: Es ist klar, dass die Gesundheitsvorsorge nicht gewinnbringend sein kann. Aber trotzdem müssen wir Möglichkeiten suchen, wie etwa Stationsassistenten die administrative Aufgaben günstiger übernehmen könnten.

 

SZEKERES: Die durchschnittliche Arbeitszeit der Spitalsärzte beträgt 56 Wochenstunden. Wir wünschen eine Reduktion bei vollem Lohnausgleich. Würden Sie das unterstützen?

MAREK: Ich möchte auch nicht von einem Arzt behandelt werden, der ein bis zwei Stunden geschlafen hat. Besonders bei den Frauen ist keine Work-Life-Balance gegeben, die sich mit einer Familie vereinbaren lässt. Das ist eine massive Herausforderung für das Gesundheitssystem.

 

TESAREK: Die Dichte der niedergelassenen Ärzte ist in Wien geringer als etwa in Graz. Was kann man dagegen unternehmen?

MAREK: Wo werden Kassenstellen verlagert? – das ist die Frage. In der Josefstadt gibt es nur mehr eine niedergelassene Kinderärztin. Dafür werden die Ambulanzen überrannt. Gleichzeitig sind mehr Kassenstellen eine Illusion, es wird auf eine bessere Verteilung ankommen.

 

TESAREK: In Wahrheit geht es immer ums Geld. Eine Unterversorgung besteht auch im Bereich Kinderpsychiatrie. Was machen wir da? Ihren Parteichef anpumpen?

MAREK: Für die Kinderpsychiatrie wäre das Krankenhaus Nord ein Thema.

 

Das Gespräch führte Thomas Szekeres (Vizepräsident der Wiener Ärztekammer und Chef der Kurie der angestellten Ärzte), moderiert von Paul Tesarek (ORF Wien/heute)

 

 Die Diskussionen im Internet unter

www.farbe-bekennen.at

 

In der nächsten Ausgabe: 29. September 2010, 19.00 Uhr

Sonja Wehsely, SPÖ, diskutiert mit Johannes Steinhart und Andrea Heigl, Der Standard

Von Mag. Michael Strausz , Ärzte Woche 39 /2010

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