zur Navigation zum Inhalt
Fotos (2): Ärztekammer für Wien/Stefan Seelig
„Mein Job ist es nicht, Schönwetternachrichten zu überbringen, sondern Missstände aufzuzeigen.“

„Ich bin gegen Datenkloaken, denn: Jene, die dort etwas suchen, werden nichts finden und jene mit zweifelhaften Interessen können aus dem Vollen schöpfen.“

 
Gesundheitspolitik 22. September 2010

„Schluss mit der Vergartenzwergung.“

Grüne Gesundheitspolitik heißt, Gesundheitsförderung vor Prävention und Prävention vor Reparaturmedizin zu stellen.

Teil 2: DIE GRÜNEN stellten sich im Rahmen der Aktion „Farbe bekennen“ der Wiener Ärztekammer zur zweiten gesundheitspolitischen Diskussion. Auf dem Podium die Spitzenkandidatin Maria Vassilakou.

BÖHMER: Angenommen, DIE GRÜNEN kommen in eine Koalition mit der SPÖ. Würden Sie das Gesundheitsressort übernehmen wollen und gibt es für Sie „absolute Koalitionsbedingungen“ im Gesundheits-bereich?

VASSILAKOU: Ich spekuliere nicht vor der Wahl über eine Ressortverteilung. Wir kämpfen für ein gutes Wahlergebnis. Inhaltlich haben wir sehr konkrete Vorstellungen, wo wir in vier Bereichen Veränderungsbedarf orten:

  1. Die Reorganisation des Wiener Krankenanstaltenverbundes, wo ein grobes Missverhältnis der Über- und Untervorsorgung mit Betten besteht. Da es kein stationsübergreifendes Bettenmanagement gibt, stehen einerseits Akutbetten leer, andererseits liegen Patienten auf dem Gang. Eine extreme Mangelversorgung gibt es etwa im Bereich der Kinder- und Jugendheilkunde oder der Psychiatrie.
  2. Eine Reorganisation des Gesundheitswesens, hin zu einer integrierten Versorgung zwischen intra- und extramuralem Bereich. Dafür gilt es Mittel frei zu machen und Reformprojekte zu starten, die nicht Schönfärberei, sondern ernst gemeint sind.
  3. Die Reform der Ärzteausbildung. Hier gibt es gute Konzepte für den Turnusbereich, aber eine flächendeckende Umsetzung ist noch nicht in Sicht. Wir befürworten auch ganz klar den Einsatz von Stationsassistenten zur Entlastung der Ärzte von Routineaufgaben.
  4. Die Rolle und die Ausbildung des Allgemeinmediziners, der in der Stadtmedizin eine zentrale Rolle spielt. Wir brauchen Gruppenpraxen, eine bessere Honorierung und mehr junge Menschen, die sich für diesen Beruf entscheiden. Gute grüne Gesundheitspolitik messen wir daran, dass zunächst klare Ziele formuliert werden und wo eine Zielerreichung nach fünf Jahren auch messbar ist.

 

BÖHMER: Diese Vorschläge kosten aber viel Geld, woher soll das kommen?

VASSILAKOU: Einerseits durch Umschichtungen im System, wie schon am Beispiel der Bettenüber- und -unterkapazitäten genannt. Sicher kommen auf uns in den nächsten Jahren auch explodierende Kosten in der Pflege zu, wobei wir uns die Frage stellen müssen, wie viel Geld wir überhaupt für Gesundheit in einer alternden Gesellschaft ausgeben wollen. Ich bin gegen die Vergartenzwergung des Gesundheitssystems, wo jeder Landeshauptmann sowohl Finanzier als auch Betreiber von Spitälern ist. Wir brauchen hier eine Finanzierung, die auf Bundesebene gebündelt ist. Weiters stellen wir uns einen Beitrag aus der Vermögensbesteuerung vor. Meine Botschaft ist klar, dass wir die Möglichkeit zur Umschichtung haben und auch nutzen müssen.

 

STEINHART: Was heißt das konkret, denn billiger wird wohl nichts werden...?

VASSILAKOU: Pflegeheime sind keine Spitäler, hier ist eine kritische Reflexion dringend notwendig. Die Sozialversicherung muss entschuldet werden, der erste Schritt dazu ist die Befreiung von versicherungsfremden Leistungen und die Vision eines einzigen Sozialversicherungsträgers. Schlussendlich könnte der KAV über Sonderklassepatienten etwa 100 Millionen Euro im Jahr lukrieren, die jetzt überwiegend durch die „goldene Meile“ rund um das AKH verloren gehen.

 

BÖHMER: Sind Änderungen im Gesundheitsbewusstsein über finanzielle Anreize möglich?

VASSILAKOU: Für mich ist das kein sinnvoller Weg. Was soll bestraft werden? Alkoholmissbrauch, Fettleibigkeit, Rauchen oder die Manager, die sich in ein Burn-out manövrieren? Gesund bleiben hat etwas mit unseren Lebensumständen zu tun. Dazu gehören Information, Bildung und Prosperität. Daher kann Gesundheitspolitik nicht abgekoppelt von Kommunalpolitik gesehen werden.

 

STEINHART: Das sind gute Ideen, aber wie bringen wir die Finanzierung zu Stande? Vor allem wenn wir auf eine zentrale Finanzierung hinarbeiten, dann geht der Großstadtfaktor erst recht verloren. Und eine Stadt wie Wien hat ganz andere Gesundheitsausgaben und -anforderungen als eine kleine Landgemeinde.

VASSILAKOU: In der Großstadt gibt es ganz klar andere Kosten als auf dem Land. Die Antwort kann aber nicht heißen: mehr Ärzte in der Großstadt. Wir müssen in die Gesundheitsförderung investieren und eine ehrliche Diskussion führen, wo es Verschwendung und wo es Einsparpotenziale gibt. Dann braucht es ein Konzept, wie wir mit den sinkenden Einnahmen der Sozialversicherung umgehen werden sowie den 100 Millionen Abschreibungen, die den Krankenkassen auf Grund von Firmenkonkursen abgehen.

 

STEINHART: Ich vermisse bei Ihnen als Bewegung, die aus dem Inhaltlichen kommt, Ansätze, wie Zuwendungsmedizin funktioniert und wie sich die Rolle und Identität der Ärzte verändern muss. Stattdessen gibt es immer wieder Querschläge in Richtung Korruption, „Kuvertmedizin“ oder Spitzengagen. Tatsächlich haben die meisten Ärzte wenig Einkommen, schlechte Arbeitsbedingungen und extrem viel Bürokratie zu bewältigen. Ich und sicher auch meine Kollegen fühlen uns hier oft massiv angegriffen!

VASSILAKOU: Es gibt keinen Zweifel, dass die überwiegende Mehrheit der Ärzte korrekte Menschen sind und oft unter extremen Arbeitsbedingungen tätig sind. Dennoch: Niemand ist perfekt und in jeder Berufsgruppe gibt es Ausnahmen. Als Oppositionspolitikerin ist es meine Aufgabe, dort den Finger hinzulegen, wo es Missstände gibt. Wir wollen nicht pauschal diffamieren, aber gegen Korruption und Freunderlwirtschaft vorgehen und aufzeigen, wo Kontrolle und Transparenz nötig sind.

 

BÖHMER: Wie stehen Sie zum Bereich E-Health und der Vernetzung von Gesundheitsdaten?

VASSILAKOU: Wir stehen dieser Entwicklung sehr skeptisch gegenüber, weil die Missbrauchsgefahr sehr groß ist. Mir stellt sich die Frage, ob da nicht ein Wust an Daten entsteht, der für den Gesundheitsbereich nicht genutzt wird.

Das Gespräch führte Johannes Steinhart (Vizepräsident der Wiener Ärztekammer und Chef der Kurie der niedergelassenen Ärzte) moderiert von Christian Böhmer (Kurier-Innenpolitik-Redakteur).

 

 Die Diskussionen im Internet unter

www.farbe-bekennen.at

 

21. September 2010 - 20.00 Uhr

Christine Marek, ÖVP

diskutiert mit Thomas Szekeres und Paul Tesarek, ORF/Wien heute

 

29. September 2010 - 19.00 Uhr

Sonja Wehsely, SPÖ

diskutiert mit Johannes Steinhart und Andrea Heigl, Der Standard

Wordrap
Wenn ich Ärztin wäre... wäre ich eine Mikrobiologin, weil die in Griechenland, wo ich herkomme, nie am Wochenende oder nachts zur Verfügung stehen müssen.
Das letzte Mal habe ich eine Spitalsambulanz gebraucht... ... das weiß ich nicht. Ich bin unglaublich gesund!

Der 6. und 8. Bezirk sind für mich ein Gesundheitsrisiko... ... weil sie Bluthochdruck und Verspannungen im Nacken verursachen.

Ich habe keine private Krankenversicherung... ... weil ich keine brauche.

Nach der Wahl würden Sie welchen Spitzenkandidaten am ehesten zur Kur auf eine griechische Insel mitnehmen? ... muss ich das wirklich?

Von Mag. Renate Haiden, Ärzte Woche 38 /2010

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben