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Foto: Ärzte-Woche-Montage

Für die individuell beste Behandlungsmöglichkeit fehlen Daten und Fakten. So lange werden Ärzte weiterhin auf Grund von Wahrscheinlichkeiten das aus ihrer Sicht „wahrscheinlich Beste“ verordnen.

 
Gesundheitspolitik 22. September 2010

Eins, zwei oder drei?

Strikte Sparvorgaben, steigende Lebenserwartung und erhöhte Leistungsfähigkeit der Medizin führen weniger zu einer Kosten- als vielmehr zu einer Leistungsexplosion. Sollen alle alles bekommen und wer entscheidet darüber?

Innovative Medikamente sind besser, sicherer, nebenwirkungsärmer, führen zu einer höheren Lebenserwartung, weniger Spitalsaufenthalten und Krankenständen und haben insgesamt daher einen kostendämpfenden Effekt auf die Gesundheitsbudgets. Unter diesen Aspekten steht ganz klar die Forderung im Raum, dass alle Patienten auch alle – und die besten – für ihre Erkrankung zur Verfügung stehenden Arzneimittel erhalten sollen.

 

Heute werden neue Therapien immer zielgerichteter und maßgeschneiderter für den einzelnen Patienten. Das führt auf der einen Seite zu einer größeren Auswahl an Medikamenten und noch besseren und individuelleren Behandlungsmöglichkeiten. Diese Entwicklung macht aber auf der anderen Seite die Herstellung neuer Medikamente komplexer. Für Unternehmen dauert der Prozess, bis ein Arzneimittel zur Marktreife gelangt, immer länger und die Rahmenbedingungen für die Zulassung werden laufend verschärft. Studien aus den USA zeigen, dass die Entwicklung eines neuen Medikaments im Schnitt rund eine Milliarde Euro kostet. Derzeit dauert es zehn bis fünfzehn Jahre, um ein neues Arzneimittel bis zur Marktreife zu entwickeln und die Zulassung durch die US-Arzneimittelbehörde FDA zu erhalten.

Diese enormen Forschungskosten, die von den einzelnen Unternehmen aufgebracht werden müssen, sollen dann bis zum Ablauf der Patentschutzzeit innerhalb von rund zehn Jahren wieder hereingespielt werden. Zurzeit gelingt das nur etwa bei jedem 3. Medikament. Dennoch sollen die hohen Kosten nach Ansicht von Experten jedenfalls keine Hürden für den Patienten sein, um die beste Therapie für seine Erkrankung zu erhalten. Ob unter diesen Gesichtspunkten aber das Motto „alles für Einen“ der optimale Ansatz bei der Therapieentscheidung sein muss und welche Alternativen es gibt, wurde kürzlich im Rahmen einer Podiumsdiskussion im Pharma Marekting Club Austria erörtert.

Ärzte therapieren keine Gruppen

„Eine Therapie um der Therapie willen kann nicht das Ziel sein“, ist Dr. Burkhard Leeb, Stellvertretender Ärztlicher Direktor des Landesklinikums Weinviertel Korneuburg-Stockerau und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Rheumatologie, überzeugt. „Gerade in meinem Fachbereich ist der Arzneimittelverbrauch besonders hoch, gleichzeitig fehlen uns aber konkrete Zahlen, um unsere Aussagen überhaupt im Detail zu belegen. Ebenso fehlen uns auch die Instrumente, Patienten wirklich personalisiert zu behandeln, denn wir wissen lediglich über die Wirkung von Therapieoptionen in bestimmten Gruppen Bescheid.“

Nicht viel anders verhält es sich in zahlreichen anderen Indikationsfeldern, wo oftmals der „Erfolg“ einer Therapie gar nicht klar definiert ist, verbindliche Behandlungsstandards fehlen oder die Frage, wie viele Patienten auf eine Therapie angesprochen haben, nicht verlässlich zu beantworten ist. Studien, die konkret bestimmte Arzneimittelvergleiche anstellen, fehlen gänzlich und je individualisierter die Therapeutika in Hinkunft werden, desto weniger wird ihre Wirkung durch Studien belegbar sein.

„Alles für jeden ist daher aus meiner Sicht nicht notwendig, denn das ist nicht immer nötig und schon gar nicht immer richtig. Wir müssen die Arzneimittel, die zur Verfügung stehen, und das sind in der Rheumatologie durchaus viele, möglichst zielgerichtet einsetzen. Das heißt: dort, wo der Erfolg am größten ist“, folgert Leeb. Ärzte stützen sich bei Diagnose und Therapie nicht zuletzt auf Wahrscheinlichkeiten – wird die Wahrscheinlichkeit des Therapieerfolgs gesteigert, erhöht sich auch die Effizienz und das nützt wiederum dem Patienten.

Unternehmen unter Druck

Aus Sicht der Hersteller von Arzneimitteln sind es vor allem die vorherrschenden Rahmenbedingungen, die ein „alles für alle“ limitieren. „Wir haben derzeit einen hohen Kosten- und Preisdruck im Gesundheitswesen, der auf die Medikamente weitergegeben wird. Das ist eine zentrale Größe, mit der wir als globales Unternehmen rechnen müssen, wenn wir unser Angebot gestalten“, sagt Dr. Alexander Zach, Leiter der Abteilung Health & Customer Affairs von Roche Österreich. Dass Pharmaunternehmen auch auf globalen Finanzmärkten bestehen müssen und dort nach Faktoren bewerteten werden, die kaum auf das Patientenwohl Rücksicht nehmen, ist nicht zu vernachlässigen. „Ein weiterer limitierender Faktor sind Qualitätsparameter für Studien und die Entscheidung für den Einschluss von Gruppen, die auf dem Weg zur Zulassung erforderlich sind. Diese Anforderungen kommen zum einem guten Teil von Seiten der Behörde und lassen nur bedingt Gestaltungsspielraum für Unternehmen offen“, so Zach. Innerhalb dieser durchaus vielfältigen Parameter muss es einem Unternehmen gelingen, sich unter ökonomischen Prämissen so zu positionieren, dass ein erfolgreiches Produkt in möglichst vielen Gesundheitssystemen auf den Markt gebracht werden kann.

Zurück zum Urvertrauen

„Im Gegensatz zur Auto- oder Konsumgüterindustrie stehen Pharmaunternehmen selbst zum Zeitpunkt der Zulassung eines Arzneimittels noch vor einer Entscheidung unter zahlreichen Unsicherheiten“, skizziert Dr. Markus Müller, Leiter der Universitätsklinik für klinische Pharmakologie am AKH Wien, die Problematik. Ein „Grundvertrauen“, das der Experte noch vor etwa zehn Jahren bei den Behörden, aber auch im Markt ortete, ist nicht mehr vorhanden. Fazit: Immer mehr Daten werden gefordert, die den Marktzugang erschweren und letztendlich aber auch nicht immer zu einem besseren Behandlungsergebnis führen müssen. Müller geht davon aus, dass sich Unternehmen daher von der Idee der Blockbuster verabschieden und zunehmend Nischenmärkte bearbeiten werden. „Das Ergebnis wird ein großer Generikamarkt zur Abdeckung von Wald- und Wiesenindikationen sowie ein spezialisierter, teurer Nischenmarkt sein“, so Müller.

Die Frage des Vertrauens ist auch für Dr. Andrea Kdolsky, Leiterin des Bereiches Gesundheit, PricewaterhouseCoopers Österreich, entscheidend. Sie geht sogar noch einen Schritt weiter und meint: „Wir haben einander im Gesundheitswesen noch nie getraut, weil zu viele gegensätzliche Einzelinteressen aufeinander treffen.“ Als Lösung schlägt sie vor: „Die Rolle der Stakeholder muss völlig neu definiert werden, das setzt eine ehrliche Auseinandersetzung mit Fragen wie etwa: Was bedeutet bestmöglich? Was kostet das? Muss Rationalisierung gleich Rationierung sein? Was erwarten Patienten überhaupt?“

Um Veränderungspotenziale zu realisieren, hat Kdolsky visionäre Vorschläge parat, die durchaus an den Grundfesten des politischen Systems rütteln: den Föderalismus abschaffen, den extramuralen Bereich von der Verwaltung durch die Sozialversicherung und den niedergelassenen Bereich von jener durch die Ärztekammer entkoppeln.

Von Mag. Renate Haiden, Ärzte Woche 38 /2010

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