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PD Dr. Hanns Moshammer Institut für Umwelthygiene, Medizinische Universität Wien
 
Gesundheitspolitik 21. Jänner 2009

Überempfindlichkeit gegen Umwelteinflüsse?

Ob lediglich Angst oder aber tatsächliche Unverträglichkeiten gegenüber chemischen Substanzen krank machen, darüber gibt es noch keinen Konsens.

Der Kontakt mit Duftstoffen oder mit Schadstoffen kann die Gesundheit beeinträchtigen. Bei der durch Substanzen verursachten Symptomatik kommen aber auch psychische Einflüsse ins Spiel. Die Meinungen über die richtige Diagnose und den entsprechenden Umgang mit der als Multiple Chemische Sensitivität (MCS) bekannten Erscheinung gehen weit auseinander.

 

Wer im Internet zum Thema MCS sucht, findet rasch zum Teil sehr umfassende Beschreibungen von Patienten, deren Alltag durch ein ganzes Bündel an Symptomen beeinträchtigt ist: Atemnot, Konzentrations- und Schlafstörungen, Schleimhautreizungen, verschiedenste allergische Reaktionen auch im Bereich der Haut, Kopfschmerzen, ständige Müdigkeit, Gedächtnisstörungen usw. Als Auslöser für die vielfältigen Beschwerden wird entweder eine dauerhafte Belastung durch Giftstoffe, etwa in Innenräumen, beschrieben oder ein Unfall. Manchmal werden besondere Maßnahmen ergriffen, beispielsweise der Arbeitsplatz gewechselt – doch ohne großen Erfolg, denn die Symptome werden schon durch winzige Konzentrationen bestimmter chemischer Stoffe hervorgerufen. Auch Alltagsdüfte wie Parfums, Belastungen durch Autoabgase oder bestimmte Lebensmittel machen diese Personen nach eigenen Aussagen krank. Betroffene beschreiben detailreich ihren vollständigen sozialen Rückzug, manchmal mit Atemschutzmaske.

Chemie oder Psyche?

„Es ist keine Frage: Die Beschreibungen der Patienten müssen ernst genommen werden“, meint Prof. Dr. Christian Wolf, Leiter der Ambulanz für Klinische Umweltmedizin an der Medizinischen Universität Wien. Es gelte zu klären, ob tatsächlich schädliche Umwelteinflüsse vorhanden sind, gleichzeitig müsse die psychische Situation des Betroffenen analysiert werden. „Studien haben gezeigt, dass es kein ‚besseres‘ Riechen bei bestimmten Personengruppen gibt, die dann geringere Konzentrationen bestimmter Substanzen wahrnehmen können. Sie bewerten sie anders, und dies kann sich auch auf der psychischen Ebene niederschlagen.“ In den umweltmedizinischen Ambulanzen gäbe es jedenfalls einige Menschen, die von MCS betroffen seien.

Ähnlich sieht das der Wiener Umweltmediziner Dr. Hanns Moshammer: „Die Angst, eine bestimmte Substanz könnte Reaktionen auslösen, kann zu einem lebensbestimmenden Faktor werden – es kann sich der Effekt der selbsterfüllenden Prophezeiung einstellen.“ Der soziale Rückzug könnte auch Symptome wie Depressionen und Anpassungsstörungen fördern, die wiederum die tatsächliche oder vermutete Wahrnehmung von Umwelteinflüssen beeinflussen.

Unklare Studienlage

Eine Multicenter-Studie in Deutschland zwischen 1999 und 2004 brachte sehr widersprüchliche Ergebnisse in Bezug auf MCS. „Zum Teil wurde von falschen Grundfragen ausgegangen“, meint Dr. Eberhard Schwarz, leitender Arzt des deutschen Fachkrankenhauses Nordfriesland, der sich seit vielen Jahren intensiv mit MCS beschäftigt. Schon seit den 1980er Jahren werde vor allem in den Vereinigten Staaten intensiv zu MCS geforscht. Studien aus den USA gehen von etwa sechs Prozent der Bevölkerung als Betroffene aus.

Einige an der Multicenter-Studie beteiligte Universitäten stellten den Aspekt der „self related MCS“ in den Vordergrund, also den psychiatrischen Aspekt. Andere Institutionen, u. a. das Fachkrankenhaus Nordfriesland, meinen Zusammenhänge zwischen Umweltbelastungen und der Wahrscheinlichkeit von MCS gefunden zu haben, so könnte die Exposition mit Lösungsmitteln – entweder über einen langen Zeitraum oder in einer hohen Konzentration bei einem Unfall – ein bis zu zehnfaches Risiko für Symptome in Zusammenhang mit MCS bringen.

„Die Psychiatrisierung der Betroffenen ist der falsche Weg“, meint Schwarz. „Es gibt Menschen, bei denen psychische Symptome und MCS-Symptome eng zusammenhängen, bei anderen haben sich psychische Störungen durch die lange Leidensgeschichte ergeben.“

Viele Wege führen zur Lösung

Schwarz hält eine Kombination aus verschiedenen Maßnahmen für wichtig, so umweltmedizinische Beratung und Behandlung von akuten und chronischen Symptomen, Hyposensibilisierung, Ernährungs- und Bewegungstherapie, Entspannungstherapie sowie unterstützende psychotherapeutische Maßnahmen abgestimmt auf den individuellen Bedarf. Betroffene müssten dabei unterstützt werden, dass sie mögliche Auslöser vermeiden und auch Maßnahmen im persönlichen Lebensstil setzen. „Bei Personen, die in sozial prekären Rahmenbedingungen leben, ist dies nicht einfach. Andererseits gibt es auch Beispiele, bei denen Unternehmen Maßnahmen zur Vermeidung von belastenden Stoffen durchführen bzw. dafür sorgen, dass keine Duftstoffe zur ‚Verbesserung‘ der Raumluft eingesetzt werden.“

Gute Geschäfte mit Ängsten?

Wolf verweist darauf, dass manche der genannten Schritte zu Angeboten von Ambulanzen wie jener an der Universität Wien zählen. „Kritisch anzumerken ist, dass in manchen selbsternannten Spezialkliniken fallweise erprobte schulmedizinische diagnostische Maßnahmen für falsche Zwecke eingesetzt werden bzw. es ebenso Angebote gibt, die dem Bereich der Scharlatanerie zuzuordnen sind.“ Mit der – berechtigten – Verzweiflung der Betroffenen werde auch versucht, Geschäfte zu machen. Schwarz hält dem Behandlungserfolge seiner Institution entgegen und betont, dass „etwa in den USA auch im Bereich der Gesetzgebung auf das Phänomen MCS in vieler Hinsicht Rücksicht genommen wird und es auch in anderen Ländern Zentren gibt, die sich auf die Begleitung und Behandlung der Betroffenen spezialisiert haben.“

Nach Wolfs Meinung ist es jedenfalls sinnvoll, sich weiter mit dem Phänomen MCS intensiv auseinanderzusetzen, „weil es immer noch viele offene Fragen gibt“.

Lesen Sie auch zum Thema auch den Kommentar  – MCS: Sehnsucht nach dem Messbaren

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PD Dr. Hanns Moshammer Institut für Umwelthygiene, Medizinische Universität Wien

Von Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche

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