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Foto: rupprecht@kathbild.at
Die Ärztin diktiert einen Befund, der via iPhone und WLAN an das Sekretariat übermittelt wird. Dort wird die Qualität der automatischen Spracherkennung geprüft und der Arztbrief ausgedruckt.

v.l.n.r.: Digitale Beispiele für Infusionen, Medikation und Fieberkurve.
Mit der digitalen Patientenakte ist der Arzt bei der Visite gleich schnell wie bisher. Lange Nachbearbeitungen entfallen.

Ziel des Krankenhauses ist, die Therapie zu beschleunigen, zu optimieren und die Medikation fehlerfrei zu gestalten.

 
Gesundheitspolitik 14. September 2010

Die Zukunft ist jetzt

Private Spitäler arbeiten schon heute vernetzt und zeigen, wie ELGA einmal funktionieren soll.

Der Befund wird nur noch diktiert und muss dank Spracherkennung nicht mehr abgetippt werden. Das mühsame Einloggen in den Computer entfällt, weil ein Fingerprint genügt. Das I-Phone warnt, wenn Medikationen geändert werden müssen. Alles Zukunftsmusik? Von wegen. Für Ärzte und Pfleger in den Häusern der Barmherzigen Brüder ist e-Health bereits Alltag.

 

„Jetzt sind nur noch zwei bis drei Zettel in der Mappe“, sagt Stationsleiterin DGKS Sabine Sramek und bückt sich. Ganz unten auf dem Laptopwagen gibt es sie noch, die klassische Patientenakte. Stark ausgedünnt. Es ist später Vormittag auf der Abteilung für HNO und Phoniatrie der Barmherzigen Brüder in Wien. Frühmorgens war Dienstübergabe, elektronisch: „Wir sitzen alle zusammen in der Küche und die Nachtdienstschwester nimmt sich den Laptop her. Dann gehen wir Patient für Patient durch. Danach folgt die ärztliche Morgenbesprechung, da bin nur ich dabei und anschließend ist Visite“, sagt die Stationsleiterin.

Mit zwei kleinen Laptopwagen geht es vom Stützpunkt aus los. Papier kommt keines mit. Obenauf der Computer, mit allen Informationen. Neue werden sofort vom Pflegepersonal oder vom Arzt eingegeben.

Erste Schritte: Der Arzt bestimmt

Begonnen hat das e-Projekt vor sechs Jahren. „Wir haben die Forderung gestellt, dass die Ärzte mitarbeiten und die Ressourcen bereit stellen müssen. Alle haben mitgemacht, bis zu den Primarärzten. Das Ergebnis ist ein Produkt, das von den Medizinern vorgegeben wurde und wir umgesetzt haben.“ Der IT-Leiter Michael Wiltschnigg erinnert sich an den ersten zweitägigen Workshop. Immer wieder waren die gleichen Schlagworte zu hören: Für jede Abteilung variabel, individuell gestaltbar, intuitiv und ohne lange Einschulungsprozesse und binnen ein, zwei Stunden erlernbar. Das Ergebnis heute sind „variable views“. Die Basis dazu ist eine einheitliche Datenstruktur, die erst geschaffen werden musste.

Das moderne e-Krankenhaus

In der Praxis verlangt der Arzt nach „seiner“ gewohnten Dokumentation. Er will am Laptop die Fieberkurve so sehen, wie sie ihm vertraut ist. Zusätzlich möchte er online weitere Benefits: zum Beispiel alle aktuellen Laborwerte immer im Blick haben.

Die wichtigen Parameter, ob OP-Team, Laborwerte oder Pflegeanweisung, werden als „Container“ dargestellt. „Das heißt, wir haben eine Computeroberfläche mit Containern, die entweder mit Daten befüllt werden oder Daten darstellen.“ Diese Container können dann drag & drop positioniert und für die individuelle Oberfläche des Arztes erstellt werden. Michael Wiltschnigg erklärt die weitere Vernetzung: „Mit einem Doppelklick kommt man zum Laborwert bei der Verlaufskontrolle seit dem ersten Aufenthalt, hier seit 2009. Das sind Sachen, die waren vorher gar nicht möglich, waren für die IT aber eine tolle Herausforderung.“ Auch Alarme können via Computer oder i-Phone gepusht werden, um zum Beispiel auf kritische Medikationen oder Patienten aufmerksam zu machen. Der große Vorteil: Der Arzt kann sofort reagieren und die Medikation ändern. Wartezeiten bis zum nächsten Blick in die Akte entfallen.

„Wir haben Studien gemacht, wie lange eine Patientenakte im Haus gesucht wurde: Die Wegzeiten zwischen Pflege, Röntgen oder Archiv waren enorm. Wir kamen auf eineinhalb Mannjahre. Dazu die Lagerkosten: Der Quadratmeter Archiv war bei rund 1.800 € inklusive Heizung und Personal.“

Mit Einführung des Systems verlängerte sich die Visite zunächst um 20 Minuten. Nach vier Wochen war das Personal gleich schnell. Da der mühsame Dokumentationsaufwand entfällt, bleibt mehr Zeit für die Patienten.

Aktuelles Projekt e-Medikation

Eine besondere Herausforderung ist die Medikation, die in der alten Fieberkurve mit einem Strich über ein paar Tage erledigt war. Eine Zeitvorgabe, die elektronisch nicht zu halten ist. So stelle Wiltschnigg sich die Frage: „Welche Goodies können wir am Computer bringen, damit die Ärzte einen längerer Zeitaufwand akzeptieren?“

Ziel ist deshalb eine Lösung mit Indikationen, Kontraindikationen und Warnhinweisen. „Wir haben eine Qualitätssicherung eingebaut und testen zur Zeit in der Pflege und in der Medizin alle möglichen Prozesse und Varianten durch“, so Wiltschnigg. In sechs Monaten soll dann auch diese Lösung in Betrieb sein.

Von Andrea Niemann , Ärzte Woche 37 /2010

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