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Foto: Hanspeter Bolliger/pixelio.de / Ärzte-Woche-Montage
In der Praxis lässt die „Medizin auf Knopfdruck“ noch auf sich warten. Die größte Bremse sind die fehlenden Strukturen.
 
Gesundheitspolitik 8. September 2010

Stichwort Telemedizin

Eine Fachrichtung sucht ihre Bedeutung.

Die Telemedizin gewinnt langsam an Terrain, verspricht sie doch mehr Lebensqualität für Patienten und weniger Kosten für die Anbieter von Gesundheitsdienstleistungen. Eine bestechende Kombination, vor allem da einzelne Leuchtturmprojekte beeindruckende Ergebnisse liefern. Nachdem ein flächendeckendes Konzept und eine Reihe wichtiger Rahmenbedingungen fehlen, lässt aber eine breite und sichtbare Effizienzsteigerung dennoch auf sich warten.

 

Eine steigende Zahl an Patienten mit Herzschrittmachern, ICDs und CRT-Ds kommen im Schnitt zu einer bis vier Nachkontrollen pro Jahr ins Krankenhaus. Die Folgen sind absehbar: ein steigender Arbeitsaufwand für Ambulanzen, Wartezeiten nehmen zu, Kosten durch stationäre Krankenhausaufenthalte und Krankenhaustransporte steigen an. „Rund drei Viertel aller Nachkontrollen haben keine therapeutische Konsequenz. Gleichzeitig bleiben asymptomatische Episoden oder Änderungen im Arrhythmieverhalten bis zur nächsten Kontrolle unentdeckt“, weiß Doz. DDr. Wolfang Dichtl von der Klinischen Abteilung für Kardiologie der Medizinischen Universitätsklinik Innsbruck. Gleichzeitig belegen Telemedizin-Studien: Im Schnitt bevorzugen 78 Prozent der Patienten die Remote-Nachsorge gegenüber dem Krankenhausbesuch und 83 Prozent berichten über ein erhöhtes Sicherheitsgefühl auf Grund der laufenden Überwachung. Allein durch die Detektionswahrscheinlichkeit klinischer Ereignisse von mehr als 99,5 Prozent können im Notfall ärztliche Maßnahmen um ein Vielfaches rascher eingeleitet oder Therapien angepasst werden. Ähnliche Erfolge verzeichnen Telemonitoring-Projekte zur Betreuung von Diabetespatienten oder der Einsatz neuer Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) im Management chronischer Wunden. Die telemedizinische Nachsorge – als nur ein Beispiel für die Vielzahl telemedizinischer Anwendungen – hat offensichtlich Zukunftspotenzial, jedoch sind die technischen Möglichkeiten derzeit den rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen weit voraus. Fragen zur Refundierung über die Krankenkassen sind ebenso offen wie Fragen zur Haftung bei technischen Defekten oder zum Datenschutz.

Viele Bäume und kein Wald?

Die Telemedizin nutzt IKT, um Dienstleistungen der medizinischen Betreuung zu erbringen, unabhängig davon, wo sich Arzt, Pflegepersonal oder Patienten aufhalten. Das Spektrum der Dienste umfasst ein Home-Monitoring, Telekonsultation, Ferndiagnosen, die Fernbetreuung oder die Tele-Ausbildung und eignet sich zum Einsatz in der Diagnostik, in der Notfallmedizin oder für Gesundheitsinformationsdienste. Warum trotz dieser vielfältigen Einsatzgebiete und überzeugender Studiendaten zu Einsparpotenzialen der flächendeckende Einsatz noch ausbleibt, hat viele Gründe und lässt sich in einem Bild erklären: Man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht. Ein Blick auf die Geschichte lohnt sich daher, um diese Entwicklung zu verstehen: Wie so manche Innovation in der Medizin geht auch die Geschichte der Telemedizin auf die bemannte Raumfahrt zurück. Mitte der 1960er-Jahre wurden die physiologischen Funktionen der NASA-Astronauten per Telemedizin überwacht. Pilotprojekte zwischen Krankenhäusern und entlegenen Siedlungsgebieten folgten, doch der Boom endete schon in den 1970er-Jahren. Die Kommunikationsstrukturen waren noch nicht ausgereift, „large scale“-Anwendungen in der Medizin nicht offensichtlich und Einsparungen im Gesundheitswesen noch kein Thema. In Europa hinkte die Welle rund zehn Jahre nach, ein neuerlicher Anlauf wurde erst wieder interessant, als die EU große Fördertöpfe über die Rahmenprogramme ausschüttete. Warum das Thema gerade in den letzten Jahren wieder heftig diskutiert wird, liegt auf der Hand: Die medizinische Versorgung außerhalb von Ballungszentren ist – für Arzt und Patient – wenig attraktiv, und überall muss kräftig gespart werden.

Aktivisten formieren sich

Der dadurch neuerlich ausgelöste Aufwind der Telemedizin führte zur Gründung einschlägiger Gesellschaften und Ausbildungszweige. Im Jahre 2005 wurde etwa in Berlin die Deutsche Gesellschaft für Telemedizin (DGTelemed) als bundesweite Vereinigung zur Förderung, Verbreitung, Markteinführung und Publizierung moderner, innovativer Entwicklungen, Lösungen und Produkte in der Telemedizin gegründet. Auf internationaler Ebene engagiert sich die International Society for Telemedicine and eHealth (ISfTeH).

In Österreich trägt die Interessensvertretung den klingenden Namen „Österreichische Wissenschaftliche Gesellschaft für Telemedizin und eHealth“ und verweist auf ihrer Webseite auf ein abgeschlossenes und ein noch nicht begonnenes Projekt in Österreich hin. Von Seiten des Wissenschafts- und Gesundheitsministeriums wurde im Juli 2003 bereits eine „Koordinationsplattform für Telemedizin des Österreichischen Gesundheitswesens“ eingerichtet. Rund 70 wissenschaftliche Projekte aus dem Bereich der Telemedizin sind an österreichischen Universitäten angesiedelt, europaweit der erste Postgraduate-Lehrgang „MSc Tele-Medizin“ startete 2003 an der FH JOANNEUM in Graz und bietet jährlich Platz für 15 Teilnehmer. Weiters wird auch ein E-Health-Vollzeit-Masterstudium angeboten, hier sind die Teilnehmer vorrangig Techniker und nicht Mediziner. Von einer flächendeckenden Professionalisierung kann dennoch noch nicht die Rede sein: „Immer noch sind es einzelne Leuchtturmprojekte, die hervorstechen, aber viele von ihnen überstehen derzeit die Förder- und Pilotphase nicht. Die Vielfalt der Telemedizin ist gleichzeitig ihr größtes Problem, denn so entsteht keine Nachhaltigkeit“, resümiert Wolfgang Loos, Vorstandsmitglieder der DGTelemed.

Der Roll-out kann beginnen

Ein Erfolg sind die Leuchtturmprojekte allemal, vor allem jene, die nicht technologiegetrieben sind, sondern sich tatsächlich am Nutzen der Anwender, nämlich Arzt, Pflege und Patienten, orientieren. Wenn dann noch die notwendige Unterstützung und das Budget von Seiten des Krankenhausmanagements oder der Gesundheitsbehören – jedenfalls top-down – vorhanden ist, kann praktisch nichts mehr schief gehen. Ein angemessenes Training der beteiligten Partner im Umgang mit den Technologien, das Comittment der Kassen zur Übernahme der Kosten sowie datenschutzrechtliche Regelungen sind dann noch das letzte Tüpfelchen auf dem i, damit der Roll-out perfekt gelingt. Noch ist es Zukunftsmusik, aber sind all diese Bedingungen vorhanden, so kann die Telemedizin ihre gesamte Vorteilspalette ausspielen!

Events
1. Nationaler Fachkongress Telemedizin
3. – 5. November 2010, Berlin
www.dgtelemed.de www.dgtelemed.de

55. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (GMDS) e.V.
5. – 9. September 2010, Mannheim
www.gmds2010.de

IT-Trends Medizin/Health Telematics
8. – 9. September 2010, Congress Center Essen
www.it-trends-medizin.de

TeleHealth zur CeBIT 2011
1. – 5. März 2011, Hannover
www.cebit.de

Med-@-Tel
6. – 8. April 2011, Luxemburg
www.isft.net

Von Mag. Renate Haiden, Ärzte Woche 36 /2010

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