zur Navigation zum Inhalt
Foto: ©iStockphoto.com/nazdravie
 
Gesundheitspolitik 8. September 2010

Hygiene auf dem Prüfstand

Internationale Netzwerke zum Daten- und Informationsaustausch sollten Infektionen verhindern. Viel Papier und wenig Erfolg?

Nosokomiale Infektionen und Antibiotikaresistenzen stellen auch die modernsten Krankenhäuser immer wieder vor große medizinische, aber auch organisatorische Herausforderungen.

 

Nosokomiale Infektionen (NI) treten weltweit in allen Institutionen medizinischer Behandlungen auf. Auch Antibiotikaresistenzen sind im Zunehmen begriffen. Um rechtzeitig reagieren und notwendige Schritte einleiten zu können, ist es von großer Bedeutung, die Entwicklung von Antibiotikaresistenzen und nosokomialen Infektionen kontinuierlich zu überwachen. Das gilt zum einen für jedes einzelne Spital, aber auch überregional für Gesamt-Österreich und letztendlich für ganz Europa bzw. weltweit.

Mit der Frage, wie man der Resistenzkrise Herr werden kann, beschäftigen sich sogenannte Antibiotikaprogramme oder Antibiotic-Stewardship-Aktivitäten (ABS). Primäre Ziele dieser Programme sind der sinnvolle Gebrauch von Antibiotika und somit eine verbesserte Patientenbetreuung sowie die Prävention der weiteren Resistenzentwicklung. In Österreich sind im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit als Referenzzentralen für nosokomiale Infektionen und Antibiotikaresistenzen das Klinische Institut für Hygiene und Medizinische Mikrobiologie der Medizinischen Universität Wien sowie das Institut für Hygiene, Mikrobiologie und Tropenmedizin am Allgemeinen öffentlichen Krankenhaus Elisabethinen in Linz. Neben der laufenden Arbeit dieser Referenzzentralen wird jährlich ein offizieller Bericht zur Situation der Antibiotikaresistenz („AURES“) in Österreich erstellt.

Welche Wege führen aus dem Resistenz-Dilemma?

Um möglichst viele Krankenhausinfektionen zu verhindern, müssen drei Bereiche berücksichtigt werden: die Diagnostik und Surveillance, sprich das Erkennen und Erfassen von NIs, die Prophylaxe und das Bekämpfen von NIs. Vor Beginn jeder Therapie sollte auf jeden Fall Material für die mikrobiologische Erreger- und Resistenzbestimmung gewonnen werden – letztendlich eine nicht zu unterschätzende Zeit- und Kostenfrage.

Viele dieser mikrobiologischen Befunde werden zwar für die Therapie nicht relevant sein, da die unmittelbar nach Probennahme begonnene empirische Therapie anschlägt, doch der Aufwand ist gerechtfertigt und notwendig, da die Befunde im Fall einer Resistenz des Erregers eine rasche Umstellung auf eine wirksame Therapie ermöglichen. Fehlende mikrobiologische Diagnostik und „blinde“ antibiotische Behandlungen führen zum Resistenz-Dilemma, das heute zunehmend beklagt wird: Infektionen, die nur mit sehr hohen Kosten oder gar nicht behandelt werden können, sowie Zunahme von letalen Komplikationen durch multiresistente Erreger.

Surveillance ist ein weiterer wichtiger Stützpfeiler, um NIs zu verhindern. Dabei werden Daten über die Infektionen gesammelt, beispielsweise wie häufig NIs auftreten, welche Infektionen auftreten, bei welchen Patienten oder in welchem Behandlungskontext. Die so gewonnenen Ergebnisse werden in weiterer Folge bewertet und führen zu einem Maßnahmenplan, wie man die Infektionen bekämpfen kann bzw. wie diese in Zukunft verhindert werden können. Dies ist Aufgabe der jeweiligen Abteilungsleitung.

Weiters wurden Netzwerke zur standardisierten, anonymisierten Infektionserfassung gegründet, in Österreich z.B. das ANISS-System (= Austrian Nosocomial Infection Surveillance Service des Östereichischen Referenzzentrums für Nosokomiale Infektionen und Antibtiotikaresistenzen), für Europa wurde mit HELICS (= Hospitals in Europe Link for Infection Control through Surveillance) ein überregionales Netzwerk erstellt. In periodischen Abständen erhält jede Institution einen Gesamtbericht mit anonymisierten Daten sowie einen separaten Bericht über die eigenen Daten. Dadurch ist es für jedes Spital nachzuvollziehen, wie es im Vergleich zu anderen in verschiedenen Punkten steht. Zudem ist für jede Institution nachvollziehbar, wie sich ihre eigenen Ergebnisdaten entwickeln und ob die aufgrund früherer Surveillance-Ergebnisse gesetzten Interventionen die gewünschte Wirkung erzielt haben.

Prophylaxe: standardisierte Hygienemaßnahmen!

Mittlerweile haben die verantwortlichen Hygieneexperten erkannt, dass konkrete Ablaufregeln für Hygienemaßnahmen – „Standard Operating Procedures“ – hilfreich sind. Durch Hygienemaßnahmen wie Asepsis, antiseptische Maßnahmen, Sterilisation invasiver Instrumente, Desinfektion von medizinischen Hilfsmitteln sowie in der unmittelbaren Patientenumgebung soll die Erregerübertragung minimiert werden. Ziel ist es, dass die festgelegten Hygienemaßnahmen für die Beteiligten zur Routine werden. Dabei gilt es, Zeit- und Verständnisbarrieren zu überwinden.

Einfach, aber wirkungsvoll ist das, was wir schon als Kind gelernt haben: regelmäßig Hände waschen!

Für Spital und in der Ordination gilt: Händewaschen hilft!

Sich vor jedem Patientenkontakt die Hände zu waschen und zu desinfizieren, kostet selbstverständlich Zeit und – vergleichsweise wenig – Geld. Doch der daraus resultierende Nutzen – ein Beitrag zur Vermeidung von Infektionen – ist diesen Aufwand allemal wert, wie eine Reihe von Studien belegen. Das muss jeder im Spital Tätige verinnerlichen und auch auf der institutionellen Ebene müssen entsprechende Möglichkeiten geschaffen werden. So wurden zum Beispiel in den letzten Jahren an fast allen Spitälern Österreichs Hygieneteams gebildet, die informieren, aufklären und „ein Auge“ auf diese Maßnahmen werfen müssen.

Wenn es zum Verdacht einer Häufung von nosokomialen Infektionen (Ausbruch, Epidemie) kommt, muss gemeinsam mit Fachleuten sofort ein Notfallplan aufgestellt und befolgt werden, um das Problem zu erkennen und einzugrenzen sowie die Ausbreitung zu verhindern (Erkennen und Isolieren der Streuquellen, Schützen der Empfänglichen).

Veränderungen am Beispiel der Krankenhausinfektion ESBL

In Österreich hat sich die ESBL-Rate (Extended Spectrum Betalakta-masen) in den letzten Jahren verschlechtert: konkret sind die heimischen Krankenhäuser, nach einem Ampelschema bewertet, vom grünen Bereich in den gelben abgerutscht, das bedeutet, dass die ESBL-Rate hierzulande bei fünf bis zehn Prozent liegt. Eine mögliche Ursache dafür sehen Experten darin, dass die 3. Generation Cephalosporine in Österreich häufig verschrieben wird, besonders im niedergelassenen Bereich. Die schlechte Resorption bedingt eine hohe Konzentration im Intestinum, dem Habitat von E.Coli. Aber auch Cephalosporine und Chinolone steigern die ESBL-Rate.

Bei welchem Patienten ein ESBL-Antibiotikum verordnet wird, hängt von der Schwere der Grunderkrankung, der Dauer des Krankenhausaufenthalts und weiteren Faktoren wie etwa der Beatmung ab. Je mehr Antibiotika der Patient bereits bekommen hat, umso größer ist das Risiko, dass er von ESBL besiedelt oder auch infiziert ist. Wenn keine adäquate Behandlung vorgenommen wird, ist die Sterblichkeit höher, daher müssen bei der Behandlung die ESBL-Rate in Österreich bedacht und die Risikofaktoren des Patienten einkalkuliert werden.

Von Mag. Renate Haiden, Ärzte Woche 36 /2010

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben