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Foto: Olav A. Saltbones/Norwegian Red Cross
Foto: ÖRK

Dr. Edith Huemer bereitet den Einsatz vor.

 
Gesundheitspolitik 1. September 2010

Land unter: Katastrophen- einsatz in Pakistan

Ärzte riskieren immer auch ihr eigenes Leben – um dort zu helfen, wo Hilfe am dringensten notwendig ist.

Dr. Edith Huemer, 30, ist eine junge, engagierte Ärztin im Dienste des Roten Kreuzes. In den vergangenen Tagen wurde sie aufgrund ihres Einsatzes im Katastrophen-geplagten Pakistan landesweit bekannt. Kaum ein Österreicher hat die Berichte über ihre Abreise ins Katastrophengebiet nicht verfolgt – mit Respekt und Bewunderung für den Einsatz, der viele Tausend Leben rettet, aber das eigene auch kosten kann.

 

Nach dem Medizinstudium in Innsbruck absolvierte Edith Huemer ihren Turnus in Kufstein und arbeitet als Notärztin, demnächst steht die Facharztausbildung als Unfallchirurgin an. Ihr soziales Engagement beim Roten Kreuz startete sie 1998 als freiwillige Sanitäterin. Vergangene Woche brachen Huemer und ihr Kollege Hagen Tropper nach Pakistan auf – sie sind im Distrikt Nowshera in der besonders stark betroffenen Provinz Khyber-Pakhtunkhwa stationiert und betreuen den Betrieb einer Trinkwasseraufbereitungsanlage. Trotz einigermaßen schlechter Infrastruktur gelang es der ÄrzteWoche, die junge Ärztin kurz nach ihrer Ankunft vor Ort zu befragen.

„Mein Einsatz dauert voraussichtlich fünf Wochen, dann werden wir bei Bedarf abgelöst“, erzählt Huemer. „Bei Bedarf“ klingt so, als käme das aus heutiger Sicht nicht in Frage. Die Ärztin ist Hilfsbereitschaft, Engagement und Tatendrang in einer Person. „Meine vorrangige Aufgabe ist es, Menschen mit sauberem Trinkwasser zu versorgen. Mit unserer Anlage können wir täglich 225.000 Liter Wasser reinigen, diese Menge versorgt 15.000 Menschen pro Tag“, berichtet Huemer. Auch Hygieneschulungen werden vorgenommen, denn „die Menschen sind in einer Ausnahmesituation, in der es viele Hygieneregeln zu beachten gibt.“ Spätestens hier setzt sie ihre medizinischen Kenntnisse ein, denn viele Krankheiten werden ja durch verschmutztes Trinkwasser übertragen.

Mangel an allem

Die Frage, woran es hauptsächlich mangelt, ist einfach, doch gleichzeitig erschreckend düster zu beantworten: alles. „Trinkwasser, Nahrungsmittel und Notunterkünfte wie Zelte und Planen – das ist das Wichtigste, aber bei weitem nicht alles, was die Menschen benötigen“, bestätigt Huemer unsere Erwartungen und ergänzt: „Sie müssen sich vorstellen, dass hier Millionen Menschen alles verloren haben – Kochgeschirr, Kleidung, Hygieneartikel. Der Bedarf ist also enorm.“

Ausreichend kann angesichts einer derartigen Katastrophe die Hilfe wohl kaum sein, aber sie „kommt an“, bestätigt Huemer und fügt hinzu: „Ich weiß von Kollegen, dass Zelte und Nahrungsmittel verteilt wurden. Aber bei einem solchen Ausmaß gibt es noch weiße Flecken auf der Landkarte der Hilfe.“

In Pakistan steht die doppelte Fläche Österreichs unter Wasser. Die Infrastruktur ist zerstört und muss nach und nach wieder aufgebaut werden. Es geht um Fundamentales, „Häuser, Straßen, Schulen, Brunnen. Das wird anstrengend, kostspielig und Jahre dauern“, befürchtet Huemer. Pakistans Präsident Asif Ali Zardari erwartet laut Medienberichten überhaupt, dass sich das Land nie mehr vollständig von dieser Katastrophe erholen wird, aber man werde vorankommen.

Katastrophe in Zeitlupe

Was unterscheidet die Flut in Pakistan von anderen Katastrophen, etwa jener in Haiti, wo Huemer ebenfalls im Einsatz war? „Es ist das enorme Ausmaß“, berichtet die Ärztin. „20 Millionen Betroffenen muss geholfen werden. Im Vergleich zu Haiti ist der Verlauf der Katastrophe ein gänzlich anderer, denn ein Erdbeben ist ein punktuelles Ereignis – nach dem Beben ist das ganze Ausmaß offensichtlich. Die Flut in Pakistan hingegen hat sich langsam entwickelt. Begonnen hat es mit regionalen Hochwassern im Norden des Landes, die einige tausend Menschen betroffen haben. Mittlerweile steht eine riesige Fläche unter Wasser.“ Was Katastrophenopfer allerdings eint, sind die Nöte, denn in Haiti wie auch in Pakistan fehlt es vorrangig an Wasser, Nahrung und Unterkünften.

Die Krisen der Helfer

Kaum vorzustellen, wie derartiges Leid verarbeitet werden kann. Für sich persönlich sieht Huemer derzeit noch keine Schwierigkeiten. Die Ärztin ist alles andere als unerfahren. Einsätze in Haiti und Namibia waren bereits keine Spaziergänge, jeder für sich prägend. „Ganz besonders hat mich aber der erste Einsatz in Indonesien nach dem Tsunami geprägt. Damals hatte ich keine Vorstellung, was mich erwartet. Alles war neu“, macht Huemer betroffen. Für den Fall belastender Einsätze, die sich nicht einfach verarbeiten lassen, gibt es die Möglichkeit einer Supervision nach der Rückkehr. Die junge Ärztin hat sie bisher nicht in Anspruch nehmen müssen. „Ich persönlich verarbeite die Erfahrungen am besten durch Gespräche mit Kollegen, die Ähnliches erfahren haben, und vor allem durch Gespräche mit meiner Familie“, erzählt sie.

Persönlich gewinnt jeder einzelne Helfer durch seine Knochenarbeit im Dienste der Menschheit. Edith Huemer beschreibt ihre Motivation folgendermaßen: „Die Einsätze sind sowohl persönlich als auch fachlich eine Bereicherung. Man bekommt sehr viel zurück von den Menschen, denen man hilft. Aus medizinischer Sicht ist es natürlich höchst interessant – auch wenn ich vor Ort nicht als Ärztin arbeite. Man sieht Krankheiten und Verletzungen, die bei uns so nicht vorkommen. Es ist auch interessant, zu sehen unter welchen Bedingungen Mediziner in Katastrophengebieten arbeiten, arbeiten müssen.“ Vielleicht motiviert diese starke junge Frau mit ihrer beeindruckenden Einsatzbereitschaft den einen oder anderen Arzt.

Das Rote Kreuz im internationalen Katastropheneinsatz
Weltweit gibt es 186 nationale Gesellschaften des Roten Kreuzes und des Roten Halbmondes. Etwa 100 Millionen Freiwillige unterstützen die Katastrophenhilfe. Alle Teams sind 48 Stunden nach Alarmierung einsatzbereit.
Trinkwasseraufbereitungsanlagen – zwei davon sind derzeit in Pakistan im Einsatz – stellen eine essenzielle Einrichtung dar, um die Verbreitung von Seuchen zu verhindern. Weitere Schwerpunkte bilden die Errichtung von sanitären Anlagen, Müllentsorgungsprogramme, Ungezieferbekämpfung und Seuchenvorsorge sowie die Absicherung von Trinkwasserstellen gegen Verunreinigung. Zusätzlich wird die Bevölkerung in hygienischen Belangen geschult. Das ÖRK verfügt auch über Suchhundeteams, die beispielsweise nach Erdbeben zum Einsatz kommen. Einen weiteren Schwerpunkt bilden Hilfsgüter, die das ÖRK – vorzugsweise vor Ort – ankauft und verteilt.
Mitarbeiter des Pakistanischen Roten Halbmonds verteilen derzeit Hilfsgüter des Internationalen Roten Kreuzes. Bislang wurden Zelte, Planen, Trinkwasserkanister, aber auch Nahrungsmittel verteilt – 470 Tonnen Mehl, Reis und Hülsenfrüchte.
www.rotes-kreuz.at

Spenden auf das Konto 2.345.000 bei der PSK (BLZ: 60000), Kennwort Pakistan Überflutungen, oder per SMS an 0664 660 0020 werden gerne entgegengenommen.

Von Mag. Birgit Weilguni, Ärzte Woche 35 /2010

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