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Gesundheitspolitik 1. September 2010

Wie man Krankheiten macht

Die „Sexuelle Dysfunktion der Frau“ oder das „Aging Male Syndrome“: Krankheiten, deren Namen und Existenz vor Jahren noch unbekannt waren, tauchen wie aus dem Nichts auf und bedrohen unser aller Gesundheit und Wohlbefinden. Die wissenschaftlichen Grundlagen sind nicht immer überzeugend. Aber wo ist die Grenze zwischen „Indikationserweiterung“ und einer „erfundenen“ Krankheit?

Vor allem im seelischen Bereich gestaltet sich die Grenzziehung zwischen gesund und krank schwierig. Wann beginnt eine ernsthafte Depression und wo endet die Melancholie bzw. Schwermut? Ist ein Mensch nach außen hin „fröhlich, aktiv und unternehmungslustig“, könnte sich auch dahinter eine Depression verbergen? Das erwiesenermaßen erfundene und von den Medien gepushte „Sisi-Syndrom“ wollte uns genau dies weismachen. Auch das Forum Alpbach, das heuer unter dem Motto „Entwurf und Wirklichkeit“ steht, hinterfragte in seinen „Gesundheitsgesprächen“ die Realität von Krankheit. Weitgehend unbestritten ist, dass Depressionen, Angst- und Suchterkrankungen in den Industrienationen zu den häufigsten Ursachen für Erkrankungen und frühzeitigen Tod zählen. Laut WHO werden seelische Leiden bereits im Jahr 2020 weltweit als die zweithäufigste Ursache für Erwerbsunfähigkeit und vorzeitige Sterblichkeit gelten. Für viele „Krankheiten“ müssen neue Märkte erschlossen werden. Hierzu werden Symptome übersteigert dargestellt und dramatisiert, Ärzte und Apotheker laufen Gefahr, zu Erfüllungsgehilfen der Pharmaindustrie zu werden. Vormals „normale“ menschliche Lebenserfahrungen rücken verstärkt in den Fokus der Medizin. Ziel ist die „Medikalisierung“ breiter Bevölkerungsschichten, frei nach dem Motto: „Wir sind nicht gesund, sondern nur schlecht untersucht“.

Prof. Dr. Michael Freissmuth  Dr. Hans Morschitzky   Dr. Claudia Wild

Unsere Standpunkte (von links nach rechts)

Standpunkt 1
Medizin als Mittel, um Lebensqualität zu optimieren
Viele Beschwerden sind lediglich auf eine generelle Unzufriedenheit mit dem Leben zurückzuführen.
Prof. Dr. Michael Freissmuth Vorstand des Instituts für Pharmakologie, Medizinische Universität Wien
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Standpunkt 2
Kassen zahlen nur, wenn es auch Diagnosen gibt
Anhand der Panikstörung konnte man gut sehen, wie Krankheiten gemacht werden.
Dr. Hans Morschitzky Klinischer Psychologe und Psychotherapeut, Linz Autor des Buches Angst vor Krankheit (Kreuz-Verlag)
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Standpunkt 3
Bildung hilft! Mündige Patienten sind gefragt

Ärzten wird schon bei kleineren Beschwerden die Verantwortung übergeben.
Dr. Claudia Wild Leiterin des Ludwig Boltzmann Instituts für Health Technology Assessment (HTA)
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Von Reinhard Hofer, Ärzte Woche 35 /2010

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