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Mehr Forschung in Public Health, Prävention und Lebensstil sowie ein höheres Bildungsniveau könnten den drohenden Pflegenotstand durchaus dämpfen, denn: Wissenschaftlich erwiesen ist ein Zusammenhang zwischen Bildung und Gesundheit.
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Gesundheitspolitik 6. Juli 2010

Bildung kann Ihre Gesundheit fördern

Wittgenstein-Preisträger Prof. Mag. PhD Wolfgang Lutz begibt sich auf die Spuren des Humankapitals.

Als „Quantenphysik der Sozialwissenschaften“ bezeichnet der Demograph und frisch gebackene Wittgenstein-Preisträger Prof. Mag. PhD Wolfgang Lutz sein Fachgebiet. Mit seinen bahnbrechenden Leistungen bei der Analyse von Bevölkerungsentwicklungen, wie Geburtenrate oder Untersuchungen der Beziehung von Bevölkerungs- und Umweltentwicklungen, konnte er bei der Jury aus renommierten internati onalen Wissenschaftlern punkten. Mit dem Geld will der Preisträger das „Humankapital“ erforschen, um Antworten auf die großen gesellschaftlichen Probleme der Menschheit zu finden.

 

„Leider gibt es in Österreich keine Tradition, auf Wissenschaftler zu hören“, beklagt Dr. Wolfgang Lutz, der in Österreich dreifach institutionell verankert ist, und unter anderem an der Wirtschaftsuniversität unterrichtet. Er ist der erste Sozialwissenschaftler, der den 1996 vom damaligen Wissenschaftsminister Rudolf Scholten ins Leben gerufenen und mit 1,5 Millionen Euro höchst dotierten Wissenschaftspreis Österreichs erhält. „Natürlich würde ich mir wünschen, dass die Ergebnisse meiner Forschungsarbeit verstärkt in die politische Entscheidungsfindung miteinfließen.“ Das sei aber noch „viel zu wenig“ der Fall. Anders in England, wo die Institution eines „Chief Scientist“ fest verankert ist. „In Österreich ist es auch deshalb schwierig, weil jeder seine ideologischen Scheuklappen trägt“, so Lutz. Darum sei sein Beitrag zur Weltverbesserung bis dato noch eher bescheiden. „Es gibt aber positive Entwicklungen“, sagt er.

Langfristige Themen im Visir

Seit 30 Jahren beobachtet Wolfgang Lutz schon die Entwicklungen und Veränderungen in der Gesellschaft, was in mehr als 30 Büchern und über 200 Publikationen seinen Niederschlag gefunden hat. Vom Umgang mit dem Klimawandel, der Migration, der Bekämpfung von Armut bis hin zu den Auswirkungen einer immer älter werdenden Gesellschaft auf das Pensionssystem und dem Pflegekräftebedarf reicht das Spektrum. Für seine Forschungen über die Auswirkungen des Klimawandels auf Gesundheit und Wohlbefinden der Weltbevölkerung erhielt er bereits eine hohe Auszeichnung des „European Research Council“. „Uns interessiert beim Klimawandel vor allem die menschliche Anpassungsfähigkeit an äußere Gegebenheiten“, erklärt Lutz. Seine Erkenntnisse werden Auswirkungen auf die Investitionen in Infrastruktur und Gesundheitswesen haben.

Bei der Bevölkerungsexplosion sei langfristig eine Entspannung am Horizont erkennbar. „Ich rechne in den Jahren 2060 bis 2070 mit einem Rückgang der Entwicklung, da Bildung auch in den Entwicklungsländern immer besser verankert werden wird“, so Lutz. Bis dahin könne man noch mit zwei Milliarden Menschen zusätzlich rechnen. Der sogenannte „Trägheitsmoment des Wachstums“ kommt hier zum Tragen: Das heißt, eine Bevölkerung kann noch eine Zeitlang wachsen, obwohl das Geburtenniveau bereits sinkt.

Gegen die Ökonomisierung des Menschen

Lutz selbst will mit demografischen Mitteln die Bedeutung des „Humankapitals“ für die menschliche und gesellschaftliche Entwicklung hervorheben. Darum fließt das Preisgeld auch in ein noch zu gründendes „Research Center for International Human Capital“. Dort sollen nationale und internationale Forscher interdisziplinär zusammenarbeiten. Da geht es ihm auch um eine Aufwertung eines lange Zeit negativ besetzten Begriffes. Er degradiere Menschen zur rein ökonomischen Größe, hieß es. „Ich spreche daher auch lieber von ‚Humanressourcen’“, so Lutz. Die EU hat den Begriff „Humankapital“ als die „gesammelten Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie das Wissen, das in Personen verkörpert ist“ definiert, für Lutz ist er der „größte Erfolgsfaktor“, nicht nur für den Einzelnen, sondern auch für den Wohlstand und Fortschritt einer ganzen Nation.

Seine Analysen von Humankapital und ökonomischer Entwicklung werden als bahnbrechend angesehen. „Wir konnten empirisch zeigen, dass nicht so sehr die Elitenbildung, sondern die Bildung breiter Teile der Bevölkerung zentraler Motor für den Wohlstand einer Gesellschaft ist“, sagt Lutz. Hierzu wurden die Daten von 120 Ländern miteinander verglichen. „Eine gebildete Bevölkerung tendiert auch am ehesten zur einer demokratischen politischen Struktur“, sagt Lutz. Eines seiner Lieblingsbeispiele ist der Iran: Nicht nur, dass die Geburtenrate innerhalb kürzester Zeit durch Bildung und Aufklärung drastisch eingedämmt wurde, gehört Iran zu den gebildetsten Ländern des Nahen Ostens, vor allem was die junge Bevölkerung betrifft. Deshalb rechnet Lutz auch in nicht allzu ferner Zeit mit einem demokratischen Umbruch in diesem Land.

Bildung ist wichtiger als Geld

Eine schwache Ökonomie zieht Defizite im Bildungswesen und in der Lebensqualität der Menschen an. Diese wiederum wirkt sich schädlich auf die intellektuelle Entwicklung aus. Eine breit angelegte Bildung könnte somit einen Ausweg aus diesem Teufelkreis sein. Hat aber ein Land ein bestimmtes Maß an materiellem Lebensstandard erreicht, nimmt die positive Wirkung weiteren Wirtschaftswachstums auf das Leben des Einzelnen ab. „Geld arbeitet nicht, die Quelle des Wohlstands sind die Menschen“, behauptet Lutz, „und darum ist auch Bildung wichtiger als das Geld“, so Lutz.

Wissenschaftlich erwiesen ist der Zusammenhang von Bildung und Gesundheit. „Leider spielt die Bildungsdimension auch im Gesundheitsbereich noch eine völlig untergeordnete Rolle“ beklagt Lutz. Beispiel Rauchen: War die Rate der Gebildeten unter den Rauchern in früheren Zeiten sehr hoch, sei nun eine drastischer Rückgang unter den Gebildeten zu verzeichnen, so Lutz. Aufklärung bewirkt also verstärktes Gesundheitsbewusstein, zumindest bei jenen, welche die Botschaft verstehen können.

„In Österreich ist der Anteil der über Sechzigjährigen, die nur einen Grundschulabschluss verfügen, sehr hoch. Vor allem unter den Frauen“, weiß Lutz. Ganz klar konnte man nun zeigen, dass Gleichaltrige mit Matura einen höheren Gesundheitsstatus aufweisen. Die „Welle an Pflegebedürftigen“, die in den nächsten Jahren auf uns zukommen werde, habe hauptsächlich mit den „enormen Alterungsprozessen“ zu tun. Aber mit Bildung könne man auch hier gegensteuern. „Gebildete Menschen bleiben länger behinderungsfrei und gesund“ sagt Lutz, darum werde auch der Anstieg der Pflegebedürftigen zurückgehen. Generell wünscht sich Lutz mehr Forschung in Public Health, Prävention und Lebensstil.

Am Beispiel Singapur wird für Lutz die rasante Wirkung von Bildung im Gesundheitsbereich deutlich: „Dieses Land war eine ‚Malariahölle’, in den Siebziger Jahren stieg das Bildungsniveau rasant an und bereits 1982 war das Land malariafrei.“

Zur Person Prof. Mag. PhD Wolfgang Lutz









Wolfgang Lutz (53) studierte Philosophie, Mathematik und Theologie in München und schloss das Studium der Sozial- und Wirtschaftsstatistik an der Universität Wien ab. Gegenwärtig ist Lutz Leiter des „World Population Program“ am internationalen Institut für Angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg und Direktor des „Vienna Insitute of Demography“ (VID) der Österreichischen Akademie für Wissenschaften. Außerdem ist er seit Anfang des Jahres 2009 Professor für Sozialstatistik an der Wirtschaftsuniversität Wien.

Von Reinhard Hofer, Ärzte Woche 27 /2010

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