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Dr. Günther Loewit: Ein Arzt zwischen Evidence Based Medicine, engagierter Praxisarbeit, Selbstreflexion und eigenem Patientendasein.

Der ohnmächtige Arzt
Hinter den Kulissen des Gesundheissystems


Dr. Günther Loewit 208 Seiten,
Haymon Verlag, 2010
ISBN: 9783852188249

Mit dem Insiderwissen des erfahrenen Arztes und Kammerfunktionärs diagnostiziert Loewit die Krankheiten, an denen das Gesundheitssystem leidet. Er zeigt die Geschäftemacherei mit der Krankheit auf sowie die zunehmende Wert- und Würdelosigkeit der Ärzte in einem System, dem der Respekt vor der Heilkunst längst verloren gegangen ist.n

 
Gesundheitspolitik 30. Juni 2010

Ärzte zwischen Macht und Ohnmacht

Das emotionale Plädoyer eines engagierten Arztes in Buchform ist weder eine wissenschaftliche Abhandlung noch Sensationsjournalismus.

Gerade wegen seiner ruhigen aber doch emotionalen Haltung trifft das Buch "Der ohnmächtige Arzt" mitten ins Herz der Gesundheitswirtschaft, denn es handelt von Täuschung und Enttäuschung. Das Buch wurde heute präsentiert.

Dr. Günther Loewit arbeitet mit den "typischen" Alltagssorgen und Herausforderungen eines Landarztes in einer niederösterreichischen Gemeinde. Was ihn untypisch macht, ist seine schonungslose, offene und zugleich bemerkenswert einfühlsame Art, mit den Unzulänglichkeiten im Gesundheitswesen abzurechnen. Und "abrechnen" heißt in diesem Fall nicht, mit dem Finger in ohnehin längst evidenten Schwachstellen zu bohren. "Abrechnen" heißt im wahrsten Sinne des Wortes: Bilanz zu ziehen – seine persönliche Bilanz über Geschäftemacherei, über Politik und Industrie, über Ärzte und Patienten. Am Ende steht sein Fazit: GELD MACHT KRANK – KRANK MACHT GELD.

Welche Beweggründe hat ein Mediziner mit rund 30 Jahren Berufspraxis, in dieser Form hinter die Kulissen des Gesundheitssystems blicken zu lassen?

Loewit: Es sind drei Jahrzehnte voller Einsicht und die sich darin widerspiegelnde Ohnmacht, die ich selbst erlebe und die ich auch bei vielen Kollegen beobachte. Darüber wird in der Branche auch gesprochen, aber in der Regel hinter vorgehaltener Hand. Ich habe niedergeschrieben, was viele denken und vor allem auch fühlen.

Fühlen Sie sich selbst „ohnmächtig“ gegenüber dem System?

Loewit: Ja, vor allem gegenüber der Politik und gegenüber dem gesamten bürokratischen Apparat, dem wir tagtäglich ausgeliefert sind.

Das ist aber kein Spezifikum, das nur ein Arzt erlebt. Haben das nicht viele Berufsgruppen, wenn nicht gar alle?

Loewit: Natürlich ist es spezifisch für unsere Gesellschaft, für unsere Zeit. Außer dem Berufsstand des Künstlers fällt mir jedoch keiner ein, für den diese Reglementierungswut noch schlimmer wäre als für Ärzte. Immerhin gibt es den Begriff der "Heilkunst". Darin steckt schon auch ein Quantum Kunst, die eben nicht reglementierbar ist. Kunst kann nur gut sein, oder gefallen, aber sie ist weder qualifizierbar noch quantifizierbar. Natürlich wehre ich mich nicht gegen jede Regel, doch erleben wir durch die Anforderungen einer Evidence Based Medicine schon derartige Einengungen der individuellen Betreuung von Patienten, dass Ärzte und Patienten damit gleichermaßen unglücklich sind.

Sie waren bestimmt selbst schon einmal in der Rolle des Patienten. Was war Ihr größter Wunsch an das System bzw. den behandelnden Arzt?

Loewit: Als Mensch ernst genommen zu werden, als Individuum an-erkannt zu werden. Ich war in der Tat schwer krank und bin im KH an einen besonders einfühlsamen Turnusarzt gekommen. Allein dass er zehn Minuten an meinem Bett gesessen ist, hat mir Vertrauen gegeben. Das ist für mich ärztliche Kunst, nicht der richtige Umgang mit Apparaten oder das Verschreiben von Arzneimitteln. Es geht vielmehr darum, Patienten als Menschen mit ihren Bedürfnissen wahrzunehmen und optimal auf ihre Situation zu reagieren.

Kann das die Ausbildung vermitteln?

Loewit: Eine Reform wäre sicherlich nötig, denn in einer Ausbildung, die das vermitteln soll, muss viel mehr Selbstreflexion, Reflexion am Krankenbett, mit anderen Kollegen und mit Ärzten passieren. Junge Ärzte müssen eine gewisse menschliche Demut, nicht gegenüber dem Dienstgeber, sondern dem Patienten gegenüber, erlernen, das Gefühl haben "Lehrling" zu sein und auch auf Lehr- und Wanderjahre zu gehen. Diese Phase hieße auch, über sich selbst mehr zu erfahren. Denn medizinisches Wissen wird ohnehin auf höchstem Niveau vermittelt. Und fehlerfreie Organe alleine bedeuten nicht dass sich der Mensch auch gesund fühlt.

Sie bezeichnen in Ihrem Buch die Medizin als "missbräuchliches Geschäft", Störfaktoren sind Politiker, Institutionen, die Industrie, die Medien... Beißen Sie damit nicht auch die Hand, die Sie füttert, die den Patienten das Kranksein und Ihnen das Arztsein auch ermöglicht?

Loewit: Nein! Arztsein ist nicht ident mit der Rolle des Verteilers für die Pharmaindustrie. Natürlich gibt es für mich keinen Zweifel an den enormen Fortschritten in der Medizin, die wir dank der Pharma- und Medizinprodukteindustrie haben. Aber man kann z.B. auch aus einem Ast eine Schiene bauen oder durch das Hochhalten der Beine Volumen in einen blutenden Körper zurückführen – das sind Erfahrungen, die ich selbst in Afrika gemacht habe. Würden wir alle weniger Salz essen, uns mehr bewegen und ein paar Kilos abspecken, würden wir uns Tonnen an Blutdruckmedikamenten ersparen. Ich will damit nicht einen gewissen Stellenwert der Industrie in Frage stellen, aber sie hat das Denkmonopol für viele Ärzte übernommen, und das will ich aufzeigen.

Was kann der einzelne Arzt nun tun?

Loewit: Ich selbst würde mir raten, nach dem Abschluss des Studiums dorthin zu gehen, wo man Ärzte braucht und nicht Verwaltungsbürokraten, die zufällig Mediziner sind. Schon allein eine Studienberechtigungsprüfung ist eine Demütigung, und das zieht sich durch die ganze Ausbildung. Ärzte brauchen wieder mehr Selbst-Bewusst-Sein, sonst steuern wir geradewegs auf einen Ärztemangel zu!

Angenommen, sie hätten die Chance für einen Monat Gesundheitsminister zu sein – was würden Sie verändern?

Loewit: Würde ich den Job bekommen, weil ich ein Kompromisskandidat wäre, würde ich ihn nicht annehmen. Aber mit entsprechender Kompetenz ausgestattet, würde ich mir wünschen, dass alle Leistungen im System aus einem Topf bezahlt werden, die Zahl der Krankenkassen in Österreich reduziert -,und die Begehrlichkeit der Patienten einschränkt würde. Den top ausgebildeten Ärzten müsste die Würde des Standes wieder zurückgegeben werden, denn das würde auf lange Sicht das System verbilligen.

Das Gespräch führte Mag. Renate Haiden

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