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Foto: Summer Splash
Summer Splash: Party machen bis zum Umfallen auf Europas größtem Maturareise-Event.
Fotos (3): Privat

Ein Notfallteam sorgt rund um die Uhr für die medizinische Versorgung – von der kleinen Schnittverletzung bis zur Alkoholvergiftung.

 
Gesundheitspolitik 22. Juni 2010

Der Krankenwagen steht immer bereit

Exzesse bei Maturareisen sind nach Angaben der Veranstalter eher selten, obwohl der Alkoholkonsum hoch ist. Im internationalen Vergleich trinkt Österreichs Jugend trotzdem überdurchschnittlich viel. Die Politik reagiert seit Jahren nur mit Lippenbekenntnissen.

Wenn sich 13.000 Jugendliche zum Maturafeiern treffen, dann wird ordentlich „gerockt“. Sonne, Sand und Meer, flirten, chillen und tanzen – das ist die eine Seite der Medaille. Aggression, Alkohol und ungeschützter Sex bilden deren Kehrseite. Dabei ist die Realität deutlich unaufgeregter als der weit verbreitete Ruf dieses jährlichen Mega-Spektakels.

 

Die Idee des hochprofessionell organisierten, kollektiven „Abfeierns bis zum Ende“ geht auf die legendären Spring-Break-Events in den USA zurück. Seit Jahrzehnten treffen sich im frühlingshaften Florida US-Studenten von überall her, um in sechs Tagen all das zu tun, was im prüden und restriktiven Amerika die restlichen 359 Tage verboten ist: Alkohol konsumieren und Sex haben, freizügig, offen und ohne schlechtes Gewissen.

In Europa hat sich das österreichische Matura-Pendant Summer Splash zum größten Event seiner Art entwickelt, mit allen Begleiterscheinungen und Gefahrenquellen, die eine Massenveranstaltung mit sich bringt. Das größte Problem ist der übermäßige Alkoholkonsum der Jugendlichen. Denn die Formel des Veranstalters „30 Prozent Sport, 30 Prozent Relax, 30 Prozent Party und 10 Prozent Shopping und Kultur ergeben 100 Prozent Maturareise“ klingt zwar schön, scheint aber mehr Eltern-Beruhigungsargument denn Realität. Neben Wein und Bier – angeblich werden täglich 2.500 Liter davon ausgeschenkt – werden auch Mischgetränke, Cocktails und harte Alkoholika wie Bacardi, Vodka, Gin und Whisky angeboten und zum Teil „kübelweise“ getrunken.

Der Veranstalter hat jedenfalls gut vorgesorgt und in die medizinische Betreuung seiner Gäste ebenso viel Professionalität investiert wie in seine Entertainment-Infrastruktur, sagt die Sprecherin des Veranstalters, Julia Lindbichler: „Eine eigene Arztpraxis mit einem deutschsprachigen Arzt und einem dreiköpfigen Schwesternteam eines türkischen Privatkrankenhauses aus Side steht 24 Stunden am Tag zur Verfügung. Vor dem Resort steht durchgehend ein Krankenwagen bereit.“ Für Maturanten, die eine Komplettschutzversicherung abgeschlossen haben, wozu der Veranstalter dringend rät und wovon tatsächlich 95 Prozent der Teilnehmer Gebrauch machen, entstehen keinerlei Behandlungskosten.

Notfälle seien aber äußerst selten, versichert Lindbichler: „Kleine Wehwehchen werden laufend behandelt, Krankenhausfälle gibt es aber nur etwa fünf pro Woche.“

Jugend und Alkohol

Österreichs Maturanten kennen sich also aus mit Alkohol – dieser Schluss lässt sich nicht nur aus den Erfahrungen beim Summer Splash ziehen, sondern wird auch durch internationale Reports bestätigt. Österreichs Jugendliche beginnen überdurchschnittlich früh und trinken überdurchschnittlich viel Alkohol.

Erst kürzlich präsentierte Gesundheitsminister Alois Stöger in einer parlamentarischen Anfragebeantwortung aktuelle Zahlen. Demnach steigt die Zahl der Jugendlichen, die bis zum Umfallen trinken, immer weiter. 2008 wurden 2.577 Kinder und Jugendliche mit Alkoholvergiftung in Spitäler eingeliefert, eine Zunahme um 20 Prozent gegenüber 2006. Besonders fällt auf, dass der Trend stark in Richtung immer jünger und auch immer häufiger weiblich geht.

Inzwischen ist jeder vierte Patient mit Alkoholvergiftung ein Jugendlicher. Die Gründe, warum sich Kinder und Jugendliche bis zur Besinnungslosigkeit betrinken, sind vielfältig, sagt Claudia Kahr von der Suchtpräventionsstelle Vivid: „Bei 60 Prozent der Jugendlichen ist die Vergiftung nicht beabsichtigt. Bei einem Drittel stehen psychosoziale Probleme wie Arbeitslosigkeit, Schwierigkeiten im Elternhaus oder Suchterkrankungen der Eltern selbst im Hintergrund.“

Prävention wäre dringend gefordert, ist aber weder seitens der Politik noch der Schule besonders angesagt, abgesehen von regelmäßigen Lippenbekenntnissen. Politisch kann man sich nicht einmal auf ein österreichweit einheitliches Jugendschutzgesetz verständigen. Erst vor Kurzem ist ein diesbezüglicher Versuch von Bundesminister Mitterlehner am Wiederstand aus Tirol und Vorarlberg gescheitert, weil die Landesvertreter eine „Nivellierung nach unten“ befürchten. Laut Mitterlehner-Vorschlag sollte die Altersgrenze auch bei harten Alkoholika einheitlich bei 16 Jahren liegen. Führende Wissenschaftler und Mediziner plädieren aber für ein Verbot bis 18 Jahre, etwa Primar Dr. Haller vom LKH Maria Ebene in Vorarlberg: „Ich halte es generell für vernünftig, zu versuchen, die Jugendschutzbestimmungen zu vereinheitlichen. Schließlich ist es sehr unverständlich, dass man im einen Bundesland Spirituosen ab 16 trinken darf, im anderen erst ab 18.“

Sind Österreichs feiernde Maturanten also doch besser als ihr Ruf? Ja, sagt auch der „Grazer“-Redakteur Michael Kloiber, der im Vorjahr Summer Splash live miterlebt hat: „Es wird nicht so heiß gegessen, wie man kocht.“ Also vielleicht doch eher Sport, Spaß und Kultur?

Von Mag. Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 25 /2010

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