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Das Gesundheitssystem in Großbritannien zeichnet sich durch den hohen Stellenwert der Allgemeinmediziner aus: Dieser hilft, die Kosten zu reduzieren.
 
Gesundheitspolitik 9. Jänner 2009

Großbritannien holt im Gesundheitswesen auf

Das britische Gesundheitssystem ist ganz anders. Was gefällt, ist die starke Stellung des Praktikers, erklärt das Ärztepaar Dr. Silke Marinelli und Dr. Harald Kornfeil.

Patienten, die sterben, während sie auf ihren Untersuchungstermin warten, 60-jährige Menschen, die ob ihres Alters keine neue Hüfte bekommen, Vorsorge-Untersuchungen, die es lediglich auf dem Papier gibt: Großbritannien galt lange Zeit als das Horrorbeispiel für europäische Gesundheitssysteme. Die Labour-Regierung steigerte zum Gegensteuern die Investitionen von 50 Milliarden Euro Ende der Neunzigerjahre auf 130 Milliarden. 2010 will man bei 140 Milliarden liegen und damit etwa den gleichen BIP-Anteil wie Österreich erreicht haben: knapp über zehn Prozent.

„Es hat sich inzwischen sehr viel zum Besseren verändert“, erklärt Dr. Silke Martini, die als Allgemeinmedizinerin in Nordostengland, im County Durham, praktiziert. „Insbesondere die Wartezeiten für die Patienten haben sich stark verkürzt“, konkretisiert die 36-jährige Klagenfurterin, die mit Dr. Harald Kornfeil, 37 Jahr alt und Allgemeinmediziner, verheiratet ist. Der Wiener ist von seiner Durhamer Praxis derzeit karenziert, da er sich um die erst 15 Monate alte Tochter kümmert. „Da meine Frau ein Stück mehr verdient als ich, bin ich auf Babypause“, sagt Kornfeil.

Keinerlei Sozialversicherung

Das britische Gesundheitssystem, erklären die beiden österreichischen Auslandsärzte, sei mit dem österreichischen „kaum vergleichbar, sehr wohl aber dessen Probleme“.

Die Unterschiede der beiden Systeme sind tatsächlich enorm und beschränken sich nicht nur darauf, dass britische Ärzte lieber Zivilkleider als weiße Kittel tragen. Das National Health System (NHS), das staatliche britische Gesundheitssystem, ist ausnahmslos steuerfinanziert. Sozialversicherungen wie in Österreich gibt es nicht. Das Geld wird allerdings nicht zentral, sondern von mehr als 150 sogenannten Primary Care Trusts verwaltet, die mit den relativ neuen heimischen Landesgesundheitsplattformen vergleichbar, aber viel mächtiger sind. Die Mittel fließen einerseits direkt an die Spitäler und andererseits direkt an die niedergelassenen Allgemeinmediziner, an die „General Practitioner“ (GP). Letztere sind als Familienärzte wesentlich einflussreicher als österreichische Hausärzte und arbeiten so gut wie immer in einer Gemeinschaftspraxis.

„Daran sollte sich Österreich ein Beispiel nehmen“, kommentiert GP Kornfeil. „GPs haben in England eine wesentlich bessere Ausbildung, dürfen daher auch mehr als in Österreich. Das sieht man auch schon an den Ausstattungen der Arztpraxen. Das hat den Vorteil, dass Patienten nicht zuerst in die viel teureren Spitäler gehen. Derart wird der Allgemeinmediziner zum Gesundheitsmanager und entlastet das System um viele Millionen Euro.“

Der GP ist damit ein strenger „Gatekeeper“, ein Torhüter, der den Patienten vom Spital abhält. Der Patient selbst kann in diesem System jedoch wenig mitreden. Jede Britin und jeder Brite muss sich bei einem GP anmelden. Wer eine zweite Meinung einholen oder den Arzt wechseln will, kann das innerhalb der angestammten Ordination tun oder sich in einer anderen registrieren lassen. Was kaum geschieht.

Dafür haben Allgemeinmediziner in Großbritannien ein meist fundiertes Wissen: Nach Medizinstudium und zweijährigem Turnus folgt eine dreijährige Spezialausbildung (Fachärzte müssen bis zu acht Jahre lang lernen). Dafür ist aber auch das Einkommen der Allgemeinärzte durchaus beachtlich. Einsteiger verdienen rund 100.000 Euro im Jahr. „Dafür müssen wir aber auch viel arbeiten“, rechtfertigt sich Kornfeil. Und seine Frau konkretisiert: „Wir haben eine ausgefüllte Vier-Tage-Woche, die in insgesamt neun Sessions zu je einem Halbtag aufgeteilt ist: acht solcher Einheiten praktizierter Arbeit und eine Einheit Weiterbildung.“ Letztere muss natürlich nicht jede Woche geleistet werden, in Summe aber müssen am Ende des Jahres darüber Zeugnisse vorgelegt werden.

Enormer Qualitätsdruck

Außerdem stünden die Ärzte unter gewaltigem Druck, erklären Kornfeil und Martini: Das NHS habe eigene Qualitätsrichtlinien eingeführt, nach denen die GP permanent geprüft werden und nach deren Einhaltung sich schließlich auch das Einkommen der Ärzte richtet. Soll heißen: Sind im Patientenstock eines praktischen Arztes zu viele Patienten mit einem schlecht eingestellten Blutdruck, so gibt es für den betreffenden Mediziner auch weniger Gehalt. „Das hält einen ganz schön auf Trab“, sagt Kronfeil.

Aber auch in den Spitälern hat das NIH in den vergangenen Jahren etliches verändert. Hier seien laut Martini insbesondere Verbesserungen bezüglich der technischen Infrastruktur und der Datenvernetzung mit den niedergelassenen Praktikern erfolgt: „Wenn ich einen meiner Patienten in ein Krankenhaus überweisen muss, dann sehe ich bei mir auf dem Computerbildschirm, in welchem Spital der entsprechende Facharzt am schnellsten verfügbar ist und wo mein Patient wie lange auf eine mögliche Operation warten muss. Ein Vorteil heute.“ Was weiters die Ausgaben senke: Aut idem und Wirkstoff- statt Medikamentenverschreibung sei in Großbritannien üblich und kein Problem. Man spare auch, indem nicht nur ganze Tablettenpackungen, sondern auch einzelne Pillen abgegeben werden.

Freilich – Reformen sind nach wie vor auch für das britisches Gesundheitssystem notwendig. Das größte Problem dabei sei dasselbe wie in Österreich, erklärt Kronfeil: „Es wird zu wenig an die tatsächlichen Erfordernisse gedacht. Gesundheit ist ein Politikum, und da will sich jeder politisch Verantwortliche profilieren und natürlich auch die Interessen seiner eignen politischen Lobby befriedigen.“ Daher käme nicht sonderlich viel heraus, außer großen Sprüchen.

An eine Rückkehr nach Österreich denken die beiden natürlich „die ganze Zeit“. Was aber nicht so leicht sei, schließlich warte man in Österreich unverhältnismäßig lange auf einen Kassenvertrag und bekomme auch noch relativ wenig bezahlt.

Zufällig auf der Insel gelandet

Nach England kamen die beiden eigentlich durch Zufall: Um nach dem Studium in Wien die lange Wartezeit auf einen Turnusplatz zu überbrücken, absolvierten sie einen Teil ihrer Ausbildung in England, wo man kaum warten müsse. Zurück in Österreich und den Turnus abgeschlossen, tat sich plötzlich eine Möglichkeit in Durham auf.

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Was Österreich vom Ausland noch lernen kann

Tabelle: Das Gesundheitssystem in nüchternen Zahlen betrachtet

Großbritannien fällt insbesondere durch wenig Ärzte und Spitalsbetten sowie hohe öffentliche Kosten auf

KennwerteGroßbritannienOECD-SchnittÖsterreich
Gesundheitsausgaben in US$ pro Einwohner 2.417 2.450 3.161
Gesundheitsausgaben in Prozent vom BIP 8,4 8,9 10,1
BIP in US$ pro Einwohner 32.961 31.061 35.695
Öffentliche Gesundheitsausgaben in Prozent* 87,3 73,0 76,2
Lebenserwartung bei Geburt in Jahren 79,1 78,9 79,9
Krankenhausbetten pro 1.000 Einwohner 3,6 5,5 7,6
Computertomografen pro Million Einwohner 5,6 19,2 29,8
Magnetresonanztomografen pro Million Einwohner 4,0 10,2 16,8
Praktizierende Ärzte pro 1.000 Einwohner 2,5 3,1 3,4
Ausgaben Arzneimittel in US$ pro Einwohner unbekannt 384 393
Quelle: OECD Gesundheitsdaten 2008, Stand Juni; Recherche und Aufbereitung der Daten: IHS, Maria Hofmarcher und Heidemarie Straka *an den gesamten Gesundheitsausgaben.

Wie andere Gesundheitssysteme arbeiten

In den USA werden nur wohlhabende Menschen medizinisch versorgt, in England müssen sie lange warten und in Schweden ist das Paradies. In gesundheitspolitischen Diskussionen werden in Österreich oft Mythen aus anderen Ländern als Positiv- oder Negativbeispiele strapaziert. Doch wie sieht die Realität aus? Die Ärzte Woche traf aus Österreich stammende Ärzte, die in den USA, England, Schweden und anderen Ländern arbeiten. Sie erzählen, wie die Systeme wirklich funktionieren und was wir davon lernen können
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Das Gesundheitssystem in Großbritannien zeichnet sich durch den hohen Stellenwert der Allgemeinmediziner aus: Dieser hilft, die Kosten zu reduzieren.

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Dr. Silke Martini, Kärntner Ärztin, nun im nordenglischen Durham

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Dr. Harald Kornfeil, Wiener Arzt, nun im nordenglischen Durham

Von Andreas Feiertag, Ärzte Woche 1/2009

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