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Möglichkeiten gäbe es theoretisch viele. Praktisch bleibt dem niedergelassenen Arzt zur Verrechnung allerdings wenig Spielraum. Den künftigen Weg wird wahrscheinlich die Politik vorgeben.
 
Gesundheitspolitik 8. Juni 2010

Von der Qual der „freien Wahl“

Der vertragsfreie Zustand ringt Ärzten die Entscheidung ab, ihre Honorare direkt mit den Patienten oder doch mit der SVA abzurechnen. Was tun?

Mit der vertragsfreien Zeit ist nichts mehr so, wie es einmal war. Kriterien wie patientenfreundlich, praxisbezogen oder leistungsorientiert sind jetzt fehl am Platz. Willkommen in der Krise! Jetzt geht es ums Ganze, ums Prinzip, um Umstrukturierungen und Einsparungen und letztlich darum, ob die Ärzte ihrer Kammer weiter das Vertrauen schenken werden. Ein Service für den richtigen Umgang mit der „freien Honorarwahl“.

 

Die Ärztekammer hat Honorarempfehlungen herausgegeben, die im Schnitt 20 Prozent über den SVA-Tarifen liegen. Das klingt auf den ersten Blick wie ein Gewinn. Auf der anderen Seite bietet die SVA den einfachen Griff zur e-Card an, um direkt mit ihr abzurechnen. Damit, so die SVA in einer Aussendung, erhält der Arzt jetzt sogar noch vier Prozent mehr als bisher. Auch das klingt wie ein gutes Geschäft. Trotzdem ist die Situation unbefriedigend: Beim Angebot der Ärztekammer muss letztendlich der Patient in den sauren Apfel beißen. Rechnet man gemütlich mit der SVA ab, wird gleichzeitig die eigene Interessensvertretung geschwächt.

Verführerisches Angebot der SVA

Die SVA hofft kammermüde Kollegen mit dem Angebot der einfachen, wie bisher geführten Honorarabrechnung mit dem Zusatzbonus der Tariferhöhung von vier Prozent endlich aus der Klammer ihrer starken Interessensvertretung zu bewegen. Und das, ohne einen Vertrag zu unterschreiben und mit dem klaren Ziel, die Kollegenschaft als Kollektiv zu schwächen. Deshalb ist es auch verständlich, wenn Ärztevertreter ihre Mitglieder vor diesem verlockenden Schritt warnen, zumal auch die rechtliche Seite keineswegs geklärt ist. So könnte eine Abrechnung ohne Unterschrift auch als „mündlicher Vertrag“ gesehen werden.

Anders ist die Situation der Wahlärzte: Sie sollen nun mit Verträgen geködert werden. Für die Ärztekammer sind diese, genauso wie das Verrechnungsabkommen der „Vertragsärzte“, nicht rechtskonform. In beiden Fällen handle es sich um Einzelverträge, die im vertragsfreien Zustand rechtswidrig seien.

Obwohl im „Leitfaden für Ärzte“ zum vertragsfreien Zustand noch von Disziplinarverfahren die Rede ist, distanziert sich die Ärztekammer von dieser Maßnahme. Immerhin wurde der Leitfaden Ende 2009 verfasst. In den vielen Pressekonferenzen der vergangenen Wochen hat sich die Kammer klar gegen Disziplinarverfahren ausgesprochen und lässt so ihren Mitgliedern theoretisch freie Wahl.

Direktverrechnung mit Patienten

Die Ärztekammer selbst rät den Ärzten zur freien Honorargestaltung: Jeder Arzt solle die Höhe seiner Honorare selbst bestimmen und mit dem Patienten direkt verrechnen. Als Berechnungsgrundlage gibt es eine Honorarempfehlung der Kammer. Die Honorare sind durchschnittlich um 20 Prozent höher als jene der SVA-Tarife. Mit dem Nachteil für Patienten, dass sie nur bis zu 80 Prozent der SVA-Tarife rückerstattet bekommen. Das heißt: Hier zahlt der Patient drauf. Es liegt im Ermessen des Arztes, seinen Patienten zu erklären, dass der finanzielle Verlust ein langfristiger Beitrag zur bestmöglichen Gesundheitsversorgung sein könnte, und eine Möglichkeit, sich klar gegen die Entwicklungen der Gesundheitssysteme wie in Deutschland oder Großbritannien auszusprechen.

Zessionsvereinbarung – kein Thema

Das bereits erwähnte Verrechnungsabkommen mit der SVA ist für die Ärztekammer ebenso kein Thema, wie das Angebot der Zessionsvereinbarung: Das Verrechnungsabkommen, weil es einem gesetzeswidrigen Einzelvertrag gleich käme, und die Zessionsvereinbarung, weil hier der Arzt wie der Patient direkt mit der SVA abrechnen würde. Damit hätte der Mediziner allerdings die Unsicherheit mit der Refundierung und wüsste nie genau, wie viel ihm für welche Leistung gut geschrieben würde.

Wie lange?

Alle Experten rechnen damit, dass die vertragsfreie Zeit länger als ein paar Tage oder Wochen dauern wird. Die ersten Wochen werden zeigen, ob die Ärzte geschlossen hinter ihrer Kammer stehen oder ob sich doch viele für den einfacheren Abrechnungsweg mit der SVA entscheiden werden. Der große „Run“ auf die Ambulanzen blieb bis jetzt aus. In den Gesprächen zwischen SVA und Ärztekammer sind neue Wege gefragt. So steht die Zusammenlegung der SVA mit der SVB genauso im Raum wie das Modell, die SVA wie eine „Gebietskrankenkasse“ ohne Selbstbehalt zu führen.

Von Andrea Niemann, Ärzte Woche 23 /2010

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