zur Navigation zum Inhalt
Foto: goBRA
Foto: ÖGP

Prim. Prof. Dr. Horst Olschewski, Präsident der ÖGP

Foto: www.bmgfj.gv.at

Gesundheitsminister Alois Stöger

 
Gesundheitspolitik 1. Juni 2010

Suchtprävention ist eindeutig Chefsache

Heimische Lungenfachärzte kritisieren die mangelnde Aktivität des Gesundheitsministers bei Suchtprävention und Nichtraucherschutz.

Raucher, Nichtraucher, Ärzte, Gastronomen, die Tabakindustrie und Politiker – gar vielfältig ist das Publikum und damit auch die dahinterliegenden Interessen, die den Weltnichtrauchertag am 31. Mai zum aktuellen Anlass nehmen, um über das Österreichische Tabakgesetz und Rauchverbote in Lokalen zu diskutieren. Sie alle haben im Lobbying-Tauziehen ein gemeinsames Ziel: eine tragfähige Lösung zu erreichen, in der weder die Gesundheit des Einzelnen noch seine Freiheit eingeschränkt werden.

Eines zeigt die Debatte ganz klar: Die Österreicher reagieren rasch verärgert, wenn sie bevormundet werden. Geht es etwa um restriktive Anti-Raucher-Maßnahmen, outen sich Herr und Frau Österreicher viel toleranter als der EU-Durchschnitt. Wie aus einer im Auftrag der EU-Kommission erstellten und aktuell veröffentlichten Umfrage hervorgeht, ist die Mehrheit der Österreicher gegen ein Verkaufsverbot von Tabakprodukten aus Automaten, während sich EU-weit mehr als die Hälfte der Befragten dafür ausspricht. Für bebilderte Warnhinweise auf Zigarettenschachteln voten 64 Prozent der Österreicher (EU: 75 Prozent), ein Internet-Verkaufsverbot von Tabakprodukten befürwortet knapp die Hälfte der Österreicher (EU: 60 Prozent) und höhere Tabaksteuern wollen 49 Prozent (EU: 56 Prozent). Kaum verwunderlich ist das Ergebnis, zählen doch die Österreicher zu den stärksten Rauchern im EU-Schnitt: 34 Prozent der heimischen Befragten gaben an, derzeit Zigaretten, Zigarren oder Pfeife zu rauchen – das entspricht Rang sechs unter allen 27 EU-Staaten.

Prim. Prof. Dr. Horst Olschewski, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie (ÖGP) und Vorstand der Klinischen Abteilung für Pulmologie, Medizinische Universität Graz, kann die alarmierenden Zahlen noch weiter toppen: „Im Rahmen einer IFES-Studie im Auftrag des Gesundheitsministers zur Evaluierung des Tabakgesetzes wurde deutlich, dass sich nur jeder fünfte Österreich für ein totales Rauchverbot in Gaststätten aussprechen würden.“ Weitaus dramatischer sieht der Experte aber jene Ergebnisse der Studie, die bisher nicht weiter öffentlich diskutiert wurden: „Österreich ist mit geschätzten 2,5 Millionen regelmäßigen Rauchern wahrscheinlich Weltrekordhalter. Bei den 20- bis 50-Jährigen sind 60 Prozent regelmäßige oder Gelegenheitsraucher!“

Vom Schlusslicht zum Mittelmaß

Nachdenklich machen vor allem auch die Zahlen einer jüngst veröffentlichten OECD-Statistik, aus der hervorgeht, dass bereits viele Jugendliche dem blauen Dunst verfallen sind: 24 Prozent der 15-jährigen Burschen sind Raucher, 30 Prozent der gleichaltrigen Mädchen. „Österreich liegt besonders bei den Mädchen deutlich an der einsamen Spitze in Europa. Erst mit viel Abstand folgt Tschechien“, so Olschewski. Dass Maßnahmen zur Senkung der Raucherrate möglich und wirkungsvoll sind, wenn der politische Wille da ist, zeigt ein Blick über die EU-Grenzen hinaus: In der Altersklasse der 15-Jährigen sind in den USA deutlich weniger als 10 Prozent Raucher zu verzeichnen. „Das ist das Ergebnis großer nationaler Anstrengungen. Damit wir dort hinkommen, braucht es ein generelles Umdenken in der Politik und klare Zielvorgaben. Wir sind so ein einsames Schlusslicht, dass es in einem ersten Schritt schon ein großer Erfolg wäre, wenn wir uns den europäischen Durchschnitt erreichen würden“, fordert der Mediziner.

„Alarmstufe Rot“

Die Zahlen der unterschiedlichen Studien sind so eindrucksvoll wie dramatisch. Dennoch ist es der ÖGP das Zahlenspiel nicht wichtig „Ob 19 oder mehr Prozent der Bevölkerung ein totales Rauchverbot in der Gastronomie ablehnen ist sekundär. Es geht letzlich um den Schutz der Gesundheit der Bevölkerung. Und für den ist wohl der Gesundheitsminister verantwortlich“, resümiert Olschewski. Die Umfragedaten sind aus Sicht des Mediziners lediglich Ausreden, denn gerade sie stellen der österreichischen Gesundheitspolitik ein beschämendes Zeugnis aus. Der Mediziner fordert umgehend rigorose Maßnahmen zur Suchtprävention und zum Nichtraucherschutz und betont: „Bekommen haben wir statt dessen ein völlig unzulängliches, unklar geregeltes Tabakgesetz.“

Dass Studien immer Platz für Interpretationen offenlassen und gern die Sicht der Verfasser oder Leser widerspiegeln, ist bekannt. So gibt es entgegen den bisher zitierten Ergebnissen auch Zahlen und Fakten, die in eine völlig andere Richtung weisen. Das im Jahr 2009 veröffentlichte – und daher nicht mehr ganz aktuelle – Eurobarometer weist immerhin 63 Prozent der österreichischen Bevölkerung als Befürworter von Rauchverboten in der Gastronomie aus. Die höchsten Zustimmungsraten für Restaurants ohne blauen Dunst sind in jenen Ländern zu finden, die entsprechende Gesetze schon umgesetzt haben: Italien, Großbritannien oder Frankreich haben die Nase vorn. Eine EU-weite Erhebung aus dem Jahr 2006 schlägt in eine ähnliche Kerbe und eine aktuelle Studie der Medizinischen Universität Graz für die Bundesländer Steiermark und Oberösterreich weist eine Mehrheit der Bevölkerung für ein generelles Rauchverbot in der Gatronomie aus.

Konkrete Maßnahmen gefragt

Olschewski lässt keinen Zweifel daran, dass für Österreichs Lungenfachärzte die bisherige Gesundheitspolitik in punkto Rauchprävention komplett versagt hat. „Die Strategie der Tabakkonzerne Rauchverbote zu verhindern und dauernd neuen Rauchernachwuchs zu generieren wurde von der Politik in Österreich noch nie ernsthaft bekämpft,“ ist der Mediziner überzeugt. „Getrennte Räume für Raucher und Nichtraucher sind ein fauler Kompromiss. Damit sind die Verantwortlichen aus der Verantwortung entlassen echte Suchtprävention und Nichtraucherschutz umzusetzen“, so die deutlichen Worte Olschewskis.

Dass Zahlenspiele, politische Schlagabtausche und der „mahnende Zeigefinger“ bisher zu wenig konstruktiven Lösungen geführt haben, liegt auf der Hand. Mit konkreten Vorschlägen hält die ÖGP daher nicht hinter dem Berg: „Wirksame Maßnahmen zur Suchtprävention und -behandlung sind unverzichtbar, eine Umsetzung ist nur durch einen nationalen Gesundheitsplan zur Reduktion der Tabakabhängigkeit möglich“, meint Dr. Sylvia Hartl, Vizepräsidentin der ÖGP, Generalsekretärin der European Respiratory Society, Oberärztin der I. Internen Lungenabteilung am Otto Wagner Spital. Sie warnt davor, durch falsche Gesundheitspolitik jetzt die Basis für eine „Generation von Lungenkranken“ zu legen. Wirksame Tabakprävention kommt nach Ansicht Hartls an einem Rauchverbot nicht vorbei, erfordert aber weitaus mehr. Die Zahlen weisen derzeit nur auf bereits suchtkranke Menschen hin, denen mit einem Rauchverbot nicht geholfen wäre.

Gesundheitsminister Alois Stöger gibt sich mit dem Tabakgesetz durchaus zufrieden und sieht es als einen Schritt in die richtige Richtung: „Der Nationalrat hat damit Rauchen im öffentlichen Raum untersagt. Für die Gastronomie gibt es unter gewissen Bedingungen Ausnahmen. Über diese Ausnahmen kann diskutiert werden“, lässt er wissen und stellt klar: „Ich bin ein Praktiker und weiß, dass gesetzliche Verbote Probleme nicht immer lösen. Jugendlichen ist das Rauchen per Jugendschutzgesetz verboten, aber wir wissen, dass ein Viertel der Jugendlichen unter 16 raucht.“ Die entscheidende Frage sieht Stöger in der Umsetzung der Gesetze, die jedoch durchaus umstritten sind. Kontrollorgane sind die Bezirksverwaltungsbehörden, dort fehlt es am nötigen Personal. „Jeder Landeshauptmann soll Personal aufnehmen, um die Einhaltung der Gesetze durchzusetzen“, so Stöger .

Prävention ist „Chefsache“

Prof. Dr. Otto Burghuber, Vorstand der 1. Internen Lungenabteilung am Otto Wagner Spital in Wien, kritisiert die in der Bevölkerung völlig fehlende Awareness für Lungengesundheit. „Jeder weiß, dass falsche Ernährung und mangelnde Bewegung Herz- Kreislauferkrankungen verursachen können. Lungenerkrankungen werden noch immer viel zu wenig mit dem eigenen Lebensstil in Zusammenhang gebracht.“ Auch er fordert in diesem Zusammenhang den Gesundheitsminister auf, endlich tätig zu werden.

Laut WHO können nationale „Non-Profit-Organisationen“, wie wissenschaftliche Gesellschaften, Patientenorganisationen, karitative Einrichtungen, einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung von „Rauchfreiheit“ leisten. Voraussetzung dafür ist, dass alle diese Initiativen in einem nationalen Gesundheitsplan zusammengefasst und zur Chefsache erklärt werden. Hartl fordert als Basis, dass die Mindestanforderungen an einen nationalen Gesundheitsplan, die von der WHO formuliert wurden, eingehalten werden. Dazu zählen die Kontrolle der Einhaltung der Tabakpräventionsgesetze mit entsprechenden Strafen bei Zuwiderhandeln, eine öffentliche Thematisierung und Information der Bevölkerung über die Gesundheitsschäden durch Tabakkonsum und die aktive Beratung über Behandlungsmöglichkeiten der Abhängigkeit, etwa durch Betriebsärzte, Zahnärzte, oder Apotheken sowie kostenlose Telefonhotlines. „Es muss Rauchern leichter gemacht werden, die Beratung in Anspruch zu nehmen und dafür auch kostenfreie oder sehr günstige Therapieangebote anzunehmen. Die Kosten für Nikotinersatz und therapeutische Begleitung müssen eine Kassenleistung werden“, fordert die Ärztin. Zur Finanzierung der Maßnahmen wäre eine inflationsangepasste und deutliche Erhöhung der Tabaksteuern notwendig. „Derzeit fließen auch in den ‚reichen‘ Ländern aus den Erträgen der Tabaksteuern kaum Mittel in die Prävention. Nur 17 der ‚high income‘-Länder, erfüllen zurzeit alle Maßnahmen nach WHO-Plan. Das bedeutet, dass nur 8,2 Prozent der Tabakabhängigen in der Welt auch eine adäquate Therapie erhalten“, weiß Hartl.

Rauchertherapie mit Erfolg

Die Rauchertherapie ist trotz der hohen Rückfälligkeitsraten, wie sie bei einer Suchterkrankung üblich sind, eine der wichtigsten Gesundheitsmaßnahmen, da sie rasch positive Auswirkungen zeigt. Länder wie England oder die Niederlande beweisen eindrucksvoll, dass die wirksame Behandlung von Tabakabhängigkeit durch kostenfreie Beratung und Therapie Erfolg zeigt. Hartl fordert einen abgestuften Plan „von der Kurzberatung bis zur medikamentösen Therapie“ und fährt mit einer Reihe von Vorschlägen auf: „Wir brauchen flächendeckend Schülerberatung, Beratung in allen Betrieben, durch alle Ärzte, Behandlung durch Suchttherapeuten, öffentliche Thematisierung des Gesundheitsrisikos und die Förderung von Initiativen zur Reduktion der Abhängigkeit. Für alle diese Maßnahmen kann man den Gesundheitsminister nicht aus der Verantwortung entlassen.“ Bei all ihren Forderungen lässt die Medizinerin den Realitätssinn nicht vermissen: „Null Abhängige werden wir nicht erreichen. Ziel muss es sein, dorthin zu kommen, wo Länder liegen, die bereits nationale Programme umgesetzt haben. 20 Prozent Raucher würde schon bedeuten, dass wir in Österreich die Zahl halbiert hätten!“

Von Mag. Renate Haiden, Ärzte Woche 22 /2010

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben