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Es liegt in der Eigenverantwortung der Mediziner, sich fortzubilden, die Politik muss die Rahmenbedingungen sichern.
 
Gesundheitspolitik 26. Mai 2010

Wissen wirkt

Der strapazierte Begriff „Patientennutzen“ muss auch bei der ärztlichen Fortbildung ins Zentrum rücken. Messkriterien sollen demnächst folgen.

Fortbildung ist in allen Berufszweigen notwendig. Aber besonders wirksam ist sie, wenn sie nicht erzwungen wird, sondern wenn sich Lernhungrige freiwillig neues Wissen aus ihrem Berufsfeld aneignen. Wissen soll effizient im beruflichen Alltag umgesetzt werden. Und dieses Ziel wird vor allem dann erreicht, wenn Lernende aus eigenem Antrieb nach neuem Wissen streben. Diese nahezu triviale Erkenntnis und eine Reihe anderer aktueller Entwicklungen der Bildungsforschung wurden kürzlich im Rahmen einer mit internationalen Experten besetzten Enquete der Österreichischen Akademie der Ärzte vorgestellt.

 

Das Fazit der Experten: Lebenslanges Lernen muss das Credo für Mediziner – nicht anders als für alle im Arbeitsleben stehenden Menschen – sein, jedoch fehlt es noch hie und da an der Förderung individueller Lernprozesse. Dazu ist es notwendig, dass die Rahmenbedingungen stimmen, damit eine hochwertige medizinische Qualität garantiert werden kann. Keine andere Berufsgruppe widme sich laut Dr. Wolfgang Routil, dem Präsidenten der österreichischen akademie der ärzte und der Ärztekammer Steiermark, so intensiv der Fortbildung wie die Mediziner. „Schließlich sind gerade Ärzte nicht nur aufgrund des Gesetzes zur ständigen Fortbildung angehalten, sondern fühlen sich auch selbst ethisch dazu verpflichtet. Es liegt in der Eigenverantwortung der Mediziner, sich wirkungsvoll fortzubilden.“ Keinen Zweifel lässt Routil daran, dass an den Rahmenbedingungen tatsächlich noch zu feilen ist: „Die Ärztekammer kann durch passende Angebote, Richtlinien und die Qualitätssicherung den Prozess unterstützen. Aber gefordert sind vor allem auch Spitalserhalter, Krankenkassen und generell die Gesundheitspolitik, indem die zeitlichen und materiellen Möglichkeiten geschaffen werden, dass Ärzte ihrer gesetzlichen und ethischen Verpflichtung auch nachkommen können.“

Wissen alleine reicht nicht

Letztendlich liegt es auch im Interesse der Patienten, von Ärzten versorgt zu werden, deren Wissensstand nicht mit dem Datum der Approbation abgelaufen ist oder lediglich auf grauer Theorie ohne praktische Umsetzungsfähigkeit basiert. Wie neueste Erkenntnisse der Bildungsforschung zeigen, könne das Wissen umso effizienter in die Praxis umgesetzt werden, je mehr aus eigenem Antrieb gelernt werde. Starre Lehrpläne, nach denen das eigene Wissen weiter entwickelt werden muss, laufen diesen Ansprüchen deutlich zuwider. „Vorgeschriebene Lehrveranstaltungen sind bei ärztlicher Fortbildung fehl am Platz, denn die optimale ärztliche Fortbildung gibt es nicht! Die Medizin ist ein weites Feld. Somit muss sich Ärztefortbildung an den Wünschen und Bedürfnissen der Mediziner in der Praxis orientieren, auf deren individuelle Bedürfnisse eingehen“, betont Bildungsexperte Routil. „Jeder soll sich das an Wissen herausholen können, das für ihn persönlich passend und notwendig ist, um Patienten optimal behandeln und beraten zu können. Mediziner wissen selbst ganz genau, was ihnen abgeht, wo sie nachhaken müssen, wo sie ihr Wissen vertiefen müssen.“

Freiwilligkeit muss demnach das oberste Gebot sein, wenn es um die Fortbildung geht. Damit ist es Österreich wieder einmal gelungen, durch langes Aussitzen eines Themas tatsächlich bravourös den internationalen Trend zu antizipieren, denn dieses Laisser-faire-Prinzip wird hierzulande längst verfolgt, wurde viel diskutiert, aber bis heute – zum Glück – nicht verändert. Ärzte waren immer schon gesetzlich verpflichtet sich fortzubilden, eine strukturiere Form der Kontrolle gab es nicht und wird es auch in Zukunft nicht geben. Spätestes seit der Einführung der Praxis-Evaluierung wurde dieser Forderung ohnehin langsam der Wind aus den Segeln genommen, denn jetzt ist der Nachweis der vorgeschriebenen Fortbildung – oder Maßnahmen darüber hinaus – ein zentraler Bestandteil des Qualitätsnachweises für eine Ordination.

Vertrauen geht vor Kontrolle

Freiwilligkeit, Eigenmotivation, Transparenz, Qualitätssicherung und Dokumentation sind die Säulen für zertifizierte ärztliche Fortbildung in Österreich. Das bewährte System dahinter heißt Diplom-Fortbildungs-Programm (DFP) und wurde im Januar 1995 durch die Österreichische Ärztekammer eingeführt. Angeboten werden DFP-approbierte Kurse, Workshops und Seminare von rund 1.800 zertifizierten Veranstaltern in Österreich. Mit 150 DFP-Fortbildungspunkten in drei Jahren hat der Arzt sein Plansoll in Sachen Wissenszuwachs erfüllt und erhält das ÖÄK-Fortbildungsdiplom (DFP-Diplom). Ein Fortbildungspunkt hat ein Äquivalent von 45 Fortbildungsminuten. Das Fortbildungsprogramm sieht vor, dass Ärzte alle drei Jahre nachweisen, auf dem neuesten Stand der Wissenschaft zu sein. „Die Fortbildung ist ein wesentliches Mittel der Qualitätssicherung“, ist auch Routil überzeugt. Und mit Qualität ist nicht allein die Tatsache gemeint, überhaupt an Fortbildungen teilzunehmen. Qualität heißt auch, dass das Gelernte zur Anwendung kommt. Dazu müssen aus Sicht Routils Veranstaltungen mit Workshop-Charakter forciert werden: „Problemorientiertes Lernen und der Erfahrungsaustausch zwischen den Ärzten sind wesentlich für den Lernerfolg, der sich in unmittelbarem Patientennutzen niederschlägt. Auch das informelle und individuelle Lernen muss daher unterstützt werden.“

Hohe Dunkelziffer

Während Teilnahme, Wissen und Fertigkeiten gemessen werden können, ist die Umsetzung kaum erfassbar. „Dazu müssen noch geeignete Methoden entwickelt werden“, so Routil. Dieser Umstand hält wissbegierige Mediziner aber keineswegs von der Nutzung des Angebots ab. Um sich fortzubilden, setzen Ärzte heute schon deutlich öfter auf Online-Vorträge sowie Online-Vorlesungen, Chatsysteme, Videokonferenzen, Foren oder Wikis. Dass neue Medien beliebte Lernhilfen sind, belegen auch die Zahlen, auf die die österreichische akademie der ärzte nicht ohne Stolz hinweist: Über 466.000 Stunden wenden jene 12.700 Mediziner, die über ein Online-Fortbildungskonto der Akademie verfügen, jährlich für ihre Fortbildung auf. Sie sammelten bisher bereits über 1,5 Mio. DFP-Punkte auf ihren Fortbildungskonten. „Da immer noch viele Ärzte über kein Onlinekonto verfügen, dürfte die tatsächliche Anzahl der Fortbildungsstunden um ein Vielfaches höher sein. Insgesamt besuchten die österreichischen Mediziner im Vorjahr mehr als 9.000 approbierte Veranstaltungen“, freut sich Routil. Zwei Drittel der notwendigen 150 DFP können von zu Hause aus gesammelt werden.

Neue Medien bevorzugt

Das Angebot zum Wissenserwerb ist groß, deshalb muss an erster Stelle die Erhebung des Lernbedarfs stehen. Ist die Frage „Wo sind meine Lücken?“ einmal geklärt, so können sich Mediziner nach passenden Veranstaltungen und Lernmethoden umsehen. Neben den klassischen Präsenzveranstaltungen boomt das Lehren und Lernen mittels elektronischer Medien, das in den letzten Jahren zu Blended Learning ausgebaut wurde. Hier werden E-Learning- mit Präsenzphasen kombiniert, um die Vorteile aus beiden Methoden bestmöglich zu verbinden.

Das zu Hause Gelernte wird in der Anwesenheitsphase vertieft. Die Vorteile des Fernlernens bleiben erhalten: Das Lerntempo kann selbst bestimmt werden, Wiederholungen sind beliebig oft möglich, Lernen ist unabhängig von Zeit und Ort des Lernenden. Bei gut umgesetzten Inhalten sind Aufnahmekanäle für jeden Lerntyp vorhanden, denn Lesen, Ton, Videos und Animationen werden kombiniert. Unterschiedliches Vorwissen wird besser ausgeglichen und die Präsenzphasen können für praktische Übungen intensiver genutzt werden.

Ärztliche Fortbildung – wer macht was?
Die Österreichische Ärztekammer legt auf Basis des Ärztegesetzes und unter Einbeziehung der medizinisch-fachlichen Expertise der wissenschaftlichen Gesellschaften und nach rechtlichen Beurteilungen die Grundsätze, Richtlinien und Verordnungen für Aus- und Fortbildung fest.
Die akademie der ärzte ist eine Serviceeinrichtung der Österreichischen Ärztekammer. Ihre Aufgabe ist es, Ärzte in Fort- und Weiterbildungsfragen sowie bei der Arztprüfung zu informieren und zu betreuen sowie die Entwicklungen aus den Bildungswissenschaften international zu beobachten und das DFP inhaltlich, methodisch und organisatorisch weiterzuentwickeln.
www.meindfp.at ist die Bildungsplattform für fortbildungsinteressierte Ärzte und wird von der akademie der ärzte betreut. Hier befinden sich die Online-Fortbildungskonten und das E-Learning-Angebot.
Der DFP-Kalender ist die Fortbildungsdatenbank. Sie wird von ÄrztInnen genutzt, die rasch Fortbildungen finden wollen, sowie von Veranstaltern von ärztlicher Fortbildung. Veranstalter können hier Fortbildungen eintragen und verwalten, DFP-Punkte beantragen, elektronische Teilnahmebestätigungen senden etc.

Von Mag. Renate Haiden, Ärzte Woche 21 /2010

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