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Foto: ©iStockphoto.com/phatscrote
 
Gesundheitspolitik 19. Mai 2010

Stalking: Gewalt, die sich immer öfter gegen Ärzte richtet

Sie lauern ihren Opfern auf, schicken Briefe und E-Mails oder melden sich per Telefon – und das oft stündlich oder mehrmals täglich. Die obsessiven Belästigungen sind durch neue Medien noch einfacher geworden.

Eine Studie der Medizinischen Universität Graz liefert erstmals repräsentative Daten über Stalking. Das Ergebnis: 18 Prozent aller Frauen waren schon einmal Opfer. Dass jedoch Ärzte und Therapeuten häufiger zu Stalking-Opfern werden als so manche andere, ist ein erst jüngst beobachtetes Phänomen.

Ein Wiener Krankenhaus, ein 34-jähriger Arzt und eine 27-jährige Famulantin – das sind die Zutaten für einen akten- und medienkundigen Stalking-Fall. "Ich hab’ mich halt verliebt", gestand die junge Frau der Richterin. Ihre Liebe drückte sie mit rund 30.000 SMS, Paketen mit Reizwäsche und Briefen aus. Als dann in den Briefen auch Drohungen standen, erstattete der Arzt, der noch immer nicht wusste, wessen Objekt der Begierde er war, Anzeige. Die Studentin wurde ausgeforscht, obwohl sie mitunter wöchentlich ein neues Wertkartenhandy gekauft hatte, um den Arzt über den Verfasser der Liebesbotschaften im Unklaren zu lassen. Mit der Reizwäsche wollte sie ihn "verführen".

Die 27-Jährige wurde freigesprochen, weil nach Ansicht von Richterin Karin Burtscher die Tatbestandsmerkmale des Stalking-Paragrafen nicht erfüllt wurden: "Dass Sie ihn in massiver Weise belästigt haben, war sicher gegeben. Aber die vom Gesetz geforderte unzumutbare Beeinträchtigung seiner Lebensführung lag wohl eher nicht vor", beruhigte sie die zerknirschte junge Frau.

Beschimpfungen und Schuldzuweisungen 

Während dieser Fall ein durchaus glimpfliches Ende gefunden hat und diesbezügliche Zeitungsberichte eher für Amusement als für Entsetzen gesorgt haben, kann es auch zu ganz anderen Fällen kommen, die das Anti-Stalking-Gesetz in ein weniger harmloses Licht rücken. So quälte etwa eine Patientin einen deutschen plastischen Chirurgen und dessen Familie. Dr. Gottfried H. hatte die Patientin mehrfach operativ behandelt. Das Ergebnis entsprach den Erwartungen bei Weitem nicht, die Frau schob die Schuld dafür dem Arzt zu. Er erhielt mehr als 150 SMS täglich, Briefe ohne Absender, Postkarten – jeweils mit Beschimpfungen und Schuldzuweisungen.

Als die ersten Sendungen auch zu Hause eintrafen, begann H. unruhig zu werden. Die Patientin lauerte ihm schließlich auf – zu Hause, vor der Praxis, bei Treffen mit Kollegen und Freunden, beim Tennis. Der Arzt versuchte sie zunächst höflich, dann immer verärgerter und schließlich klipp und klar davon zu überzeugen, dass ein besseres Ergebnis nicht in seiner Macht stünde. Anzeige erstattete er aber erst, als die Patientin seiner Frau und seinen Kindern auflauerte und sie wüst beschimpfte und bedrohte. Die Frau wurde nach dem Anti-Stalking-Gesetz rechtskräftig verurteilt, muss sich einer Therapie unterziehen und darf sich der Familie des Arztes und natürlich ihm selbst nicht mehr nähern.

Keine Angst vor der Polizei

Während der erste der beiden Fälle einen "klassischen" Stalking-Fall darstellt, bei dem unerfüllte Liebe zur Obsession wird, können Patienten gegenüber Ärzten auch aufgrund – vermeintlicher oder realer – ungerechter, mangelhafter Behandlung oder falscher Diagnosen zu Tyrannen werden. "Stalking kommt bei Ärzten und Therapeuten öfters vor als bei der Durchschnittsbevölkerung.

Viele werden bedroht, dazu kommen sogar körperliche Übergriffe", erklärt Jens Hoffmann, Leiter des Instituts für Psychologie und Bedrohungsmanagement. Die Medizinerin Donna Manca von der University of Alberta befragte Hausärzte zum Thema, nachdem sie selbst Opfer einer Stalkerin geworden war. Sie kontaktierte 3.800 Hausärzte aus Kanada, wobei 770 den Fragebogen zurücksandten. 98 Prozent berichteten über eine oder mehr Misshandlungen durch Patienten in zumindest "geringem" Ausmaß, wozu Manca respektloses Verhalten, Tyrannisierung, verbale Frustäußerung, Bedrohung und Erniedrigung zählte.

Zwischenfälle "größeren Ausmaßes"

Als Zwischenfälle "größeren" Ausmaßes wurden Aggressionen gegen die Person, destruktives Verhalten und sexuelle Belästigung gezählt. Die dritte Kategorie betraf schließlich "schwere" Vorfälle, wie Angriffe und Stalking. 40 Prozent der antwortenden Ärzte waren davon zumindest irgendwann einmal betroffen, 13 Prozent von Stalking, wobei weibliche und männliche Ärzte gleichermaßen Opfer wurden.

Stalking-Experte Hoffmann rät zur Vorsicht beim Umgang mit persönlichen Daten, damit die eigene Familie vor möglichen Übergriffen geschützt wird, und im Bedarfsfall keine Scheu zu zeigen, die Polizei zu rufen – auch wenn das zugegebenermaßen für viele Ärzte ein schwieriger Schritt sei, "den sie nicht mit ihrem Berufsethos des Helfers vereinbaren können".

Stalkingstatistik bei Ärzten

Der Ausdruck Stalking entstammt der englischen Jagdsprache und kann mit "anschleichen" oder "anpirschen" übersetzt werden. Stalking bezeichnet ein obsessives Verfolgen, Belästigen und Bedrohen einer Person gegen deren erklärten Willen, auch durch Telefonanrufe (Telefonterror), Droh-SMS und -mails (Cyberstalking), Überwachen und Ausspionieren der Zielperson. Die Opfer sind häufiger weiblich als männlich, die Täter häufiger männlich als weiblich. Das Stalking kann sich bis zur körperlichen Gewalt hin entwickeln. Während Stalker üblicherweise zu 90 Prozent Männer und Stalkingopfer zu 80 Prozent Frauen sind, sind unter Ärzten, die meist aufgrund vermeintlicher "Kunstfehler" gestalkt werden, Frauen wie Männer gleichermaßen Zielscheibe der Verfolger. Einen Sonderfall stellen Psychiater und Psychotherapeuten dar: Sie werden ähnlich wie Prominente immer wieder zu Stalking-Opfern, die sich in einen Liebeswahn steigern.

Opfer leiden unter Auswirkungen

Der deutsche Psychologe Hans-Georg W. Voß stellte zum Thema „Zur Psychologie des Stalking“ in seinen Erhebungen 2003 fest, dass die Auswirkungen auf Stalking-Opfer von innerer Unruhe, verstärkter Nervosität, Schreckhaftigkeit, Angst, Misstrauen gegenüber anderen, Wut, Reizbarkeit, Aggressionen, Schlafstörungen bis zu Depressionen, Kopfschmerzen und Panikattacken reichen. Sie sind also alles andere als harmlos, was letztendlich zum Anti-Stalking-Gesetz führte. Fügen muss sich ein Arzt jedenfalls nicht, entsprechende Unterstützung bietet etwa

Webtipp

Stalkingforum.at

Von Mag. Birgit Weilguni, Ärzte Woche 20 /2010

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