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Foto: www.lenz.cc
Dr. Lydia Unger-Hunt lebt in Brüssel. Sie ist Medizinerin und Gesundheitsjournalistin.
 
Gesundheitspolitik 12. Mai 2010

News aus Brüssel: (K)Ein Masern-freies Europa

 

Vom 24. April bis 1. Mai 2010 fand die fünfte ‚Europäische Immunisierungswoche’ statt. In diesem Zusammenhang verwies das ECDC (European Centre for Disease Prevention and Control) einmal mehr auf seine zentrale Botschaft: Die Impfung jedes Kindes ist für die Prävention von Erkrankungen und den Schutz von Leben unerlässlich.

Ungenügende Impfabdeckung

Vor mehr als einem Jahrzehnt setzten sich die EU-Mitgliedstaaten das Ziel, bis 2010 eine völlige Ausrottung der Masern und Röteln zu erreichen. Doch das Momentum dieses wichtigen und überdies realisierbaren Ziels ist ins Stocken geraten. Dies zeigt nun eine große Studie des (von der EU finanzierten) Netzwerks zur Impfüberwachung EUVAC.NET in 32 europäischen Ländern*: Die Impfabdeckung ist in vielen westeuropäischen Ländern unter den empfohlenen Richtwert von 95% gefallen. Als Folge erkrankten im Zeitraum 2006/2007 im gesamten Europäischen Raum mehr als 12.000 Personen an Masern, meist ungeimpfte oder nicht vollständig geimpfte Kinder. Am meisten betroffen waren Großbritannien, Deutschland, Italien, Rumänien und die Schweiz. Fast ein Fünftel der Betroffenen waren Erwachsene im Alter von 20 Jahren oder älter. Die neuesten Zahlen des ECDC zeigen außerdem, dass die Anzahl der Masernfälle innerhalb der EU im Ansteigen begriffen ist. 2008 wurden mehr als 8.500 Fälle gemeldet; auch hier waren die meisten Betroffenen nicht oder nicht vollständig geimpft. Insgesamt wurden seit 2006 in der EU mehr als 20 – völlig vermeidbare – Todesfälle wegen Masern gemeldet.

Falsche Sicherheit

Die Impfmüdigkeit mancher Eltern könnte paradoxerweise auf den Erfolg der Impfprogramme zurückzuführen sein, so die Experten des ECDC. So seien manche Krankheiten so selten geworden, dass Eltern – und manche Gesundheitsexperten – meinen, auf Impfungen verzichten zu können. Entscheidend für eine höhere Impfabdeckung sei „das Bewusstsein über die Krankheit und das Engagement von Entscheidungsträgern und öffentlichen Gesundheitsbehörden in allen europäischen Ländern zur Stärkung der Impfprogramme“, betonen die Autoren der EUVAC.NET-Studie.

Nicht nur an Europa denken

Dr. Jacques Kremer und Dr. Claude Müller vom regionalen WHO-Referenzlabor für Masern und Röteln in Luxemburg betonten in einem Begleiteditorial die Notwendigkeit, dass Länder spezifische Hindernisse für die Ausrottung der Masern erkennen, überwachen und geeignete Reaktionen darauf entwickeln. Als Beispiele nannten sie die jüngste unbegründete Angst vor einem Zusammenhang zwischen Masernimpfung und Autismus in England, die Unterbrechung der Bereitstellung des Impfstoffes aufgrund von politischer Instabilität in den Balkanländern sowie religiöse Gründe in den Niederlanden.

Die angestrebte Ausrottung der Masern betreffe außerdem alle Länder, die von Europäern besucht werden. „Die Frage ist: Wie viel Masern exportiert Europa in Länder mit schlechten Gesundheitssystemen und hoher Sterblichkeit? Das Einschleppen des Masernvirus aus Europa hat bereits zu mehreren Ausbrüchen in Südamerika geführt. Reiche Länder müssen die Verantwortung zur Vermeidung dieser Fälle übernehmen, indem sie eine höhere Impfabdeckung erreichen“, so Kremer und Müller.

Übrigens: Laut WHO nahmen 47 Länder an der Europäischen Immunisierungswoche teil. Österreich war nicht auf der Liste.

 

*Muscat MB et al, Measles in Europe: an epidemiological assessment, Lancet 2009.

 

http://www.ecdc.europa.eu/en/press/events/Spotlight_immunisation/Pages/Home.aspx

 

http://www.euro.who.int/vaccine/eiw/20100225_1?language=German

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