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Foto: wikipedia / John Haslam
Der RFID-Transponder ist das Herzstück der Technologie: Daten werden erfasst und per Funk ausgelesen.
 
Gesundheitspolitik 28. April 2010

RFID: Klein, aber vielseitig!

Mit modernen Technologien lassen sich Prozesse im Gesundheitswesen effizienter gestalten. Eine Reihe von Beispielen überzeugen mit durchaus handfesten Vorteilen.

Mithilfe von RFID (Radio Frequency Identification) lassen sich Objekte über eine kurze Distanz automatisch und berührungslos identifizieren. Herzstück der Technologie ist der sogenannte Transponder, ein Computerchip mit Antenne, der beispielsweise in ein Klebeetikett oder eine Plastikkarte integriert wird. Auf dem Chip ist ein Nummerncode gespeichert. Dieser verschlüsselt Informationen, die in einer Datenbank hinterlegt sind. Um die gespeicherten Informationen zu erfassen, sind spezielle Lesegeräte erforderlich. Je nach verwendetem Frequenzbereich und Art des Transponders können die Daten aus einer Entfernung von wenigen Zentimetern bis zu mehreren Metern gelesen werden.

 

Erste Anwendungen in der Wirtschaft wurden in den 70er- und 80er-Jahren erprobt: zur Tierkennzeichnung, in der Containerlogistik oder in der automatischen Fertigung. In der Automobilindustrie erhöht die RFID-Technologie die Sicherheit von Wegfahrsperren, der Modehersteller Prada sichert sämtliche Artikel in einem New Yorker Flagship Store mit der RFID-Technologie und auch 700 Alpaka-Lamas tragen einen RFID-Chip hinter dem Ohr, der den Diebstahl der exklusiven Wolllieferanten erschweren soll.

Spätestens seit der Empfehlung der U.S. Food and Drug Administration (FDA) für den Einsatz von RFID zur Bekämpfung von Arzneimittelfälschungen vor rund fünf Jahren ist auch das Gesundheitsbusiness ins Blickfeld der Diskussion für potenzielle Anwendungen gerückt.

Drinnen ist, was draufsteht?

Warum gerade die Pharmaindustrie ein dankbarer Kick-off-Partner für den RFID-Sektor sein könnte, hat mehrere Gründe. Jährlich werden rund 160 Millionen Medikamente ausgegeben, die potenziell mit RFID-Etiketten – auch als Transponder, Chip, Tag oder Label bezeichnet – gekennzeichnet werden könnten und so die Automatisierung der Rückverfolgbarkeit ermöglichen. Jede Arzneimittelverpackung wird über die gesamte Logistikkette berührungslos und ohne zusätzliches Handling identifiziert.

Die Verknüpfung dieser Handelsbewegungen mit einer Datenbank ermöglicht eine automatisierte Rückverfolgung. Das bedeutet deutliche Zeit- und Kosteneinsparungen im Vergleich zu heutigen papierbasierten Systemen und zusätzlich auch noch ein Plus an Sicherheit, da der Weg jeder einzelnen Verpackung lückenlos identifizierbar ist.

Eine weitere Anwendung innerhalb der Prozesskette ist die Warenkontrolle bei der Auslieferung von Medikamenten an Apotheken und Ärzte. Zurzeit erfolgt die Kontrolle überwiegend manuell und mittels Barcodeerfassung. Kommissionierfehler und Fehllieferungen können durch RFID praktisch auf null reduziert werden, denn auch hier kann wieder ohne zusätzliches Handling auf jede Einzelpackung zugegriffen werden.

Für den Transport temperaturempfindlicher Arzneispezialitäten können RFID-Tags mit Sensorfunktionen an den Transportbehältern eingesetzt werden. Die Aufzeichnung dokumentiert eine Verletzung von Transportbedingungen und unterstützt so den Schutz der Patienten durch qualifiziertes Verwerfen eines nicht ordnungsgemäß transportierten Gutes.

Ein zukunftsträchtiges Thema für RFID könnte beispielsweise auch die Unterstützung bei der Lieferung patientenspezifischer Treatments sein. Werden Arzneispezialitäten für spezifische Patientengruppen entwickelt, stellt dies besondere Anforderungen an die Pharmalogistik. Hier werden nicht der Massenmarkt, sondern spezifische Patientengruppen beliefert. Eine erhöhte Transparenz in der Supply Chain kann die Umsetzung dieser neuen Lieferkonzepte unterstützen.

Eine weitere Anwendung hat das international führende Medizintechnikunternehmen biolitec AG aus Jena mit dem Grazer Unternehmen RF-iT Solutions, Spezialist für RFID-Software und -Dienstleistungen, entwickelt. Ziel war es, den Einsatz von Lasergeräten und des dazugehörigen Verbrauchsmaterials im medizinischen Bereich noch sicherer und wirtschaftlicher zu machen. Die biolitec AG entwickelt und vertreibt Lasersysteme, mit denen operative Eingriffe in den verschiedensten medizinischen Gebieten minimal-invasiv durchgeführt werden können. Um absolute Sicherheit für die Patienten zu gewährleisten, müssen die verwendeten Lasersonden nach jeder Anwendung ausgetauscht werden. Um das im laufenden Betrieb auch sicher zu stellen, hat RF-iT Solutions eine elektronische Signatur – ähnlich einem Schlüssel-Schloss-System – entwickelt, die sowohl dem Anwender als auch den Patienten garantiert, dass nur Originalsonden benutzt werden können. So werden unsachgemäßer Einsatz sowie eine erhöhte Abnutzung und damit schlechte klinische Ergebnisse ausgeschlossen. Gleichzeitig wird eine notwendige Chargenverfolgung erheblich vereinfacht.

Schluss mit dem Kabelsalat

Auch die Prozessüberwachung in biochemischen Labors geht in Richtung einer kontaktlosen Übertragung, wie beispielsweise die C-Cit, ein Schweizer Biotech-Forschungsunternehmen, beweist. Während bisher die Zuckerkonzentrationen und weitere Kontrollparameter von Nährlösungen händisch und Behälter für Behälter durch die Entnahme einzelner Proben gemessen wurden, setzen die Forscher jetzt auf RFID. Die Kulturen werden kontinuierlich und ohne manuelle Einzelschritte überwacht, indem die Glukose-Sensoren ohne weitere Verkabelung mit RFID-Komponenten verknüpft wurden. Interne Rechnungen auf Basis von Pilotprojekten zeigen Kosteneinsparungen von einem Faktor 10 bis 100 im Vergleich zur bisherigen Methode auf.

Dass die Nischenentwicklungen weitergehen, beweist auch ein RFID-Implantat mit angeschlossenem Hirndrucksensor, das erst im März im Rahmen der CeBIT 2010 vorgestellt wurde. Der äußere Zugang zum zentralen Nervensystem, den ein Drucksensor für die kabelgebundene Messung des Hirndrucks herstellt, ist mit einem hohen Infektionsrisiko verbunden. Daher hat das deutsche Medizintechnikunternehmen Raumedic ein Telemetriesystem entwickelt, das noch heuer in die klinische Erprobung gehen soll. Die Elektronik des RFID-Implantates ersetzt den bisherigen Katheter, wird auf den Schädelknochen gesetzt und übermittelt via Sensor den Hirndruck. Damit sinkt das Infektionsrisiko deutlich, der Patient kann laufend überwacht werden und ist dennoch mobil.

Verwechslung ausgeschlossen

Unter dem Motto „Krankenhaus der Zukunft“ präsentierte das Orthopädische Spital Speising gemeinsam mit der internationalen Standardisierungsorganisation GS1 Austria im Vorjahr eine Reihe moderner RFID-Anwendungen, die im laufenden Betrieb getestet werden. Die Krankenbetten wurden mit Patienteninformationssystemen ausgestattet. Patienten erhalten bei der Aufnahme eine Karte, die mit einem RFID-Transponder ausgestattet ist, der alle Daten speichert und den Patienten eindeutig identifiziert. Die interaktiven Terminals unterstützen auch die direkte Dokumentation am Krankenbett und alle medizinischen Dienste. Über eine Karte haben Ärzte und Pflegepersonal Zugang zu den jeweiligen Patientenakten. Übertragungsfehler oder Verzögerungen entfallen, sodass mehr Zeit für das Patientengespräch bleibt.

Ein weiterer Schritt in Richtung Patientensicherheit sind Armbänder, die ebenfalls mit einem RFID-Datenträger ausgestattet sind. Bei der Einfahrt in den Operationssaal wird eine Antenne passiert, die automatisch die Daten des Armbandes ausliest und damit auf einem Bildschirm den Patienten und seine Krankengeschichte anzeigt. Auch die Datenerfassung über ein mobiles Lesegerät, etwa im Zuge einer Visite, ist möglich Auch bei der Sterilisation von Containern mit chirurgischen Instrumenten setzt Speising auf die Funktechnologie: Selbst wenn die Transponder verschmutzt sind, können sie dennoch ausgelesen und ihr Verbleib vom OP-Saal bis zur Sterilisation jederzeit rückverfolgt werden. Dadurch wurde das Behältermanagement wesentlich verbessert und der Instrumentenstand reduziert.

Von Mag. Renate Haiden, Ärzte Woche 17 /2010

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