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Gesundheitspolitik 21. April 2010

Gefälschte Arzneimittel: Achtung Lebensgefahr

Eine Informationskampagne der AGES PharMed und des Gesundheitsministeriums klärt aktuell über die Gefahren auf, die von einem Arzneimittelkauf im Internet ausgehen.

Weltweit betrug der Jahresumsatz mit gefälschten Arzneimitteln im Jahr 2005 rund 30 Mrd. Euro. Schätzungen gehen davon aus, dass sich der Betrag allein bis heuer bereits verdoppelt hat. Die Bandbreite der kriminellen Aktivitäten reicht dabei von „fast perfekten“ Kopien hochinnovativer, patentgeschützter und daher teurer Arzneimittel bis hin zu Fälschungen von Generika und sogenannten Lifestyle-Drugs. Diese Produkte beinhalten den angeführten Wirkstoff in richtiger oder falscher Dosierung, einen anderen bekannten, unbekannten oder gar keinen Wirkstoff oder verunreinigte Inhaltsstoffe. Die Einnahme kann mitunter schwerste Nebenwirkungen verursachen und sogar zum Tod führen.

 

Naturgemäß leiden Länder mit schlechter Arzneimittelmarktüberwachung am stärksten unter der zunehmenden Verbreitung der – meist unwirksamen, wenn nicht sogar schädlichen – Produkte. In Österreich arbeiten im Kampf gegen die Arzneimittelkriminalität zwei Institute der AGES PharmMed eng zusammen: das Arzneimittelkontrolllabor (Official Medicines Control Laboratory, OMCL) und die Medizinmarktüberwachung.

Das OMCL analysierte in den letzten vier Jahren 1.399 illegale Arzneimittel. Im Ranking der beliebtesten Plagiate stehen jene Produkte an oberster Stelle, die über legalen Weg entweder besonderes schwierig zu bekommen oder besonders hochpreisig sind. „Ein Großteil der 220 Fälschungen, die beispielsweise 2008 analysiert wurden, betraf vor allem PDE-5-Inhibitoren wie Viagra und andere Erektionshilfen, Anabolika und Suchtmittel. Davon wies mehr als die Hälfte Gesundheitsrisiken für den Konsumenten auf“, erklärt AGES PharmMed-Leiter Prof. Dr. Marcus Müllner.

Gefahrenquelle Internet

Heute sind mehr als 95 Prozent der im Internet verkauften Arzneimittel Fälschungen oder Substandard. Besonders gefährlich ist der Zusatz hochpotenter Wirkstoffe zu vermeintlich harmlosen Phytopharmaka oder Homöopathika. Darüber hinaus ist mit chemischen und biologischen Verunreinigungen aus der mangelhaften Herstellung in Drittweltländern zu rechnen. „Die fehlenden Inhaltsstoffe, Verunreinigungen und falschen Dosierungen dieser Arzneimittel können schwere Nebenwirkungen verursachen und sogar zum Tod führen“, warnt Müllner.

Organisierte Kriminalität

Konsumentenschützer haben die Entwicklungen am illegalen Arzneimittelmarkt seit rund zehn Jahren im Visier. „Viele der Bestellungen kommen niemals beim Konsumenten an, obwohl das Geld abgebucht wird. Es handelt sich um eine organisierte Kriminalität, um eine Gefährdung von Leib und Leben. Im besten Fall zeigen die Produktfälschungen keine Wirkung. Auch das ist problematisch, wenn sich Patienten daher auf die Einnahme von wirkungsvollen Arzneimitteln verzichten“, betont Dr. Harald Glatz von der Arbeiterkammer.

Konsumenten können das Risiko, das mit einem Internetkauf von Arzneimitteln verbunden ist, meist nicht abschätzen. Daher macht die AGES PharmMed gemeinsam mit dem Bundesministerium für Gesundheit mobil, um – abgesehen von den finanziellen Schäden – die Bevölkerung vor allem für die gesundheitlichen Gefahren zu sensibilisieren.

Der Werbefeldzug der Plagiate

Seit Viagra im Jahr 1998 erstmals zugelassen wurde, hat es wesentlich zu einer Enttabuisierung der Diskussion über erektile Dysfunktion beigetragen. „So wie viele andere Markenprodukte aus der Konsumgüterindustrie kopiert wurden, ist es auch unserer Arzneispezialität ergangen“, erklärt Dr. Robin Rumler, Geschäftsführer von Pfizer Österreich. „Neueste Untersuchungen zeigen, dass rund 27 % der Österreicher rezeptpflichtige Medikamente ohne Rezept beziehen. Dazu gehört auch Viagra.“ Wer täglich mehrmals scheinbar „echte“ Viagra-Werbung per E-Mail erhält, kann der Verlockung dann doch nicht widerstehen, einen Probekauf zu tätigen. „Unter den beliebtesten Bezugsquellen rangiert das Internet. Immerhin rund 360.000 Österreicher kaufen rezeptpflichtige Medikamente online – und das Verblüffende, 160.000 antworten auf SPAM Mails“, so Rumler weiter. Informationen zu diesen meist zwielichtigen Bezugsquellen existieren kaum und die Enttäuschung bei den Käufern ist meist groß, wenn keine Ware geliefert wird. „Zwischen 50 und 70 % sind einfach eine Fälschung, die irgendwo in einer Hinterhofgarage zusammengemixt wurde, unter extrem unhygienischen Bedingungen, fernab von einem High-tech Labor, in dem Originalmedikamente sauber und kontrolliert hergestellt werden“, ist der Pharmachef überzeugt.

Das Internet ist unbestritten eine bequeme Bezugsquelle für verschiedenste Waren, der Arzneimittelkauf von unsicheren Quellen birgt jedoch viele Risiken. „Von 1.000 befragten Österreichern meinen 20 %, dass das Wissen, sie könnten eventuell gefälschte Ware beziehen, an ihrer Kaufentscheidung nichts ändern würde. Hier müssen wir noch viel Aufklärungsarbeit leisten“, wünscht sich Rumler.

Nach Schätzungen der EU handelt es sich bei mehr als der Hälfte des europäischen E-Mail-Verkehrs um Spam. Neben den wirtschaftlichen Schäden, die allein durch das Versenden und Empfangen von Spams entstehen, ist der Schaden, der den Herstellern der Originalpräparate durch entgangene Umsätze entsteht, enorm. „Pharmaunternehmen forschen im Sinne der Patienten an Präparaten, die heilen und Lebensqualität bieten. Der kurze Weg zum Arzt, um ein Rezept zu holen, eröffnet den Zugang zu Präparaten, die absolut sicher für den Patienten sind und auch die Wirkung garantieren, die erwünscht ist“, betont Rumler nachdrücklich.

Internationale Netzwerke

Länder- und kontinentübergreifende Überwachungsaktionen sind notwendig, um die Lieferketten aufzuspüren. Über Internet Service Provider, elektronische Zahlungssysteme und Postauslieferungsketten wurden beispielsweise im November 2009 rund 1.200 Websites identifiziert, die am illegalen Verkauf beteiligt waren. Mehr als 21.200 Pakete wurden bei der Post, in Häfen und Flughäfen inspiziert. Davon wurden 2.356 beschlagnahmt, da sie verbotene oder gefälschte Ware beinhalteten.

Auf internationaler Ebene unterliegen zugelassene Arzneimittel ebenfalls einer ständigen Überwachung. Die Medizinmarktüberwachung der AGES PharmMed als Teil der europäischen WGEO (Working Group of Enforcement Officers) diskutiert zum Beispiel zwei Mal jährlich Fälle von Verdachtsarzneimitteln, die mehrere EU-Länder gleichzeitig betreffen, aber auch neue Gefährdungspotenziale, die in einem bestimmten Land aufgetreten sind, wie etwa erst kürzlich die Stammzellentherapie, die auf Schiffen in internationalen Gewässern vor Irland durchgeführt wurde. Durch diese Zusammenarbeit und durch die der europäischen behördlichen Arzneimittelkontrolllabors (OMCLs) können Fälschungen von legalen Arzneimitteln früh aufgegriffen und vom Markt genommen werden.

Von Mag. Renate Haiden, Ärzte Woche 16 /2010

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