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Foto: Adolf Riess / PIXELIO
Mehr als 800 Millionen Euro weniger wollen die Kassen bis zum Jahr 2013 für Medikamente ausgeben.
Foto: sticklerfotografie.at

Dr. Jan Oliver Huber Generalsekretär der Pharmig

 
Gesundheitspolitik 13. April 2010

Medikamente kommen aus der Tabuzone

Der Quartalsbericht des Hauptverbandes macht deutlich, dass die Medikamentenausgaben der Krankenkassen stark rückläufig sind.

Seit kurzem steht fest, was Pharmig-Generalsekretär Dr. Jan Oliver Huber bereits im Vorjahr prognostiziert hat: Die Medikamentenkosten sind nicht für das Finanzierungsproblem der Kassen verantwortlich.

Die Ausgaben sind im Jänner und Februar deutlich gesunken, ein Umstand, durch den Arzneimittel nicht mehr als der bewährte Buhmann für Budgetlöcher verantwortlich gemacht werden kann.

Hat das Verschreibungsverhalten der Ärzte die Entwicklung beeinflusst?

Huber: Bei jeder Diskussion um eine Gesundheitsreform ist das Verschreibungsverhalten der Ärzte ein Thema. In Österreich verschreiben Ärzte schon seit langem ökonomisch und es gibt aus meiner Sicht keine Notwendigkeit für zusätzliche „Ökonomielisten“. Nichtsdestotrotz haben die Kostenspardiskussionen im Sinne einer self-fulfilling prophecy immer eine Auswirkung auf das menschliche Handeln, denn sobald eine Einsparreform öffentlich gemacht ist, wird das Verhalten der beteiligten Player automatisch auch vorsichtiger. Fakt ist, dass die Verschreibungszahlen aus den Jahren 2008 und 2009 etwa konstant geblieben sind.

Woran liegt es, dass die Ausgaben für Medikamente dennoch gesunken sind?

Huber: Der Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger und die österreichische Ärztekammer haben vor rund einem Jahr ein gemeinsames Sanierungskonzept für die Krankenkassen präsentiert. Rund 2,2 Milliarden Euro sollen bis 2013 gespart werden und mehr als 880 Millionen Euro weniger wollen die Kassen für Medikamente ausgeben. Damit stellten die Medikamentenausgaben mit rund 39 Prozent den größten Anteil aller kostendämpfenden Maßnahmen dar. Wir haben den Hauptverband und die Krankenkassen damals darüber informiert, dass aktuell und auch in den kommenden Jahren viele Patente von Originalpräparaten ablaufen werden. Dadurch kommen neue Generika in den Erstattungskodex (EKO) und die Medikamentenpreise fallen weiter. Die Preise von Originalmedikamenten müssen auf Grund der sehr restriktiven Generikapreisregelung des EKO an die Preise der Generika angepasst werden. Wenn das dritte Generikum in den EKO aufgenommen wird, muss der Preis des Originals auf das gleiche Niveau gesenkt werden.

Welche Indikationsgruppen betrifft das?

Huber: Der Schwerpunkt liegt im Bereich der Protonenpumpenhemmer, antithrombotischer Mittel und Arzneimittel für Herz-Kreislaufpatienten.

Werden Patienten die Auswirkungen spüren?

Huber: Das wird im Einzelfall zu beurteilen sein. Verschrieben sollte das werden, was medizinisch notwendig ist. Das wird sich auch jetzt nicht ändern. Patienten muss jedoch sehr deutlich bewusst gemacht werden, dass die Leistungen im Gesundheitswesen mit einem gewissen Respekt in Anspruch zu nehmen sind, weil die hohe Qualität, die das heimische System bietet, nicht selbstverständlich ist und schlussendlich bezahlt werden muss. Ein solidarisches Gesundheitswesen braucht zwei wesentliche Verständnisgruppen, nämlich die einen, die ihren Beitrag leisten, dass die Versorgung klappt, und die anderen, die mit Maß und Ziel die Leistungen beanspruchen.

Wir wirkt sich der Rückgang der Medikamentenkosten auf die österreichischen Pharmaunternehmen aus?

Huber: Jeder Patient soll das Medikament erhalten, das am besten hilft. Eine gesicherte Finanzsituation der Kassen ist dazu Voraussetzung. Die Pharmawirtschaft unterstützt seit 2008 die Krankenkassen mit freiwilligen Solidarbeiträgen. Über die Medikamentenkosten tragen die Unternehmen jetzt noch einmal einen großen Teil zur Kostendämpfung bei. Die Originalanbieter, bei denen Patente auslaufen und die keine neuen Produkte in der Pipeline haben, werden kräftige Umsatzeinbußen zu verzeichnen haben. Das bedeutet, dass Kostenstrukturen gestrafft und unter Umständen Organisationen verkleinert werden müssen. In der Folge kommt es zu Fusionen von Pharmaunternehmen.

Wie sehen Ihre Prognosen für das Jahr 2011 aus?

Huber: Genauso wie auch vor einem Jahr. Bis 2013 verlieren 40 Präparate den Patentschutz und die Hersteller werden die Preise an die der Generika anpassen müssen. Insgesamt wird sich die Krankenversicherung bis 2013 dadurch gut 1 Milliarde Euro sparen, ganz ohne zusätzliche Maßnahmen im Medikamentenbereich beschließen zu müssen.

Das Gespräch führte Mag. Renate Haiden

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