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Foto: Ernst Rose / PIXELIO
Zu den Aufgaben der WHO gehören unter anderem die weltweite Koordination beim Kampf gegen übertragbare Krankheiten wie AIDS, Malaria und Grippe und die Lancierung weltweiter Impfprogramme.
 
Gesundheitspolitik 7. April 2010

Weltgesundheitstag: Kritik an WHO wächst

Weltfremd und korrupt: Sie verbreite unrealistische Gesundheitsziele und ungerechtfertigte Pandemiewarnungen – mit diesen massiven Vorwürfen ist die Weltgesundheitsorganisation konfrontiert. Es mehren sich auch die Stimmen, die sagen, WHO und Pharmaindustrie seien zu eng miteinander verwoben.

 

„Wir nähern uns einem Paradigmenwechsel“, sagt Dr. Claudia Wild, die Leiterin des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Health Technology Assessment (HTA). Der Filz und die Verflechtung seien nämlich allerorts zu finden, nicht nur bei der WHO. „Wir müssen unsere grundlegende Naivität ablegen und erkennen, dass, wer Profit haben will, nicht gleichzeitig das Gemeinwohl im Auge behalten kann“, so Wild. Alle Gremien, die Gesundheitsentscheidungen treffen, müssten durchleuchtet werden, auch auf nationaler Ebene. Die Experten müssten offenlegen, auf welche Fakten sie sich stützen und Kraft wessen sie ihre Aussagen treffen. „Es kann nur mehr besser werden“, glaubt Wild. Geht es um globale Gesundheitsmaßnahmen, sei die WHO meistens Lichtjahre von der Realität entfernt, so Wild.

Gesundheit für alle

Laut ihrer 1948 ratifizierten Verfassung will die WHO allen Völkern zur bestmöglichen Gesundheitsversorgung verhelfen. „Gesundheit für alle“ lautet der bis heute gültige Slogan. Zu den Aufgaben der WHO gehören unter anderem die weltweite Koordination beim Kampf gegen übertragbare Krankheiten wie AIDS, Malaria und Grippe und die Lancierung weltweiter Impfprogramme. Die WHO gibt Ernährungsempfehlungen, definiert Pflegestandards und legt Grenzwerte für Elektrosmog oder nächtliche Lärmstörung fest. Sie klassifiziert Krankheiten (ICD-Code) und liefert Indikatoren aller Art für das Gesundheitswesen. Als ihre größten Erfolge gelten die Bekämpfung und Ausrottung von Infektionskrankheiten wie Polio oder Kinderlähmung.

Wegen des Auftretens des „Vogelgrippe“-Virus (H5N1) wurden 2005 von den Regierungen Millionen Impfdosen Tamiflu® und Relenza® angekauft. Auslöser war die Empfehlung des obersten Impfbeauftragten der WHO, Klaus Stöhr, der Millionen Tote befürchtete. Tatsächlich starben weltweit offiziell 152 Menschen an H5N1. Stöhr wechselte 2007 zum Pharmariesen Novartis, der „Drehtüreffekt“ zwischen Pharma und WHO wurde offenbar.

2008 kam von der WHO erneut die Empfehlung, sich mit Medikamentenreserven einzudecken. Anlass war der Grippevirus „Brisbane“, für Österreich wurden von der Pharmaindustrie bis zu 3.000 Tote für möglich gehalten.

Alles in den Schatten stellte aber das Auftreten des „Schweinegrippe“-Virus (H1N1) 2009. Die WHO erhöhte die Epidemiewarnstufe bis zur höchsten Stufe 6. Das war nur deshalb möglich, weil sie zuvor im Mai 2009 überraschend die Kriterien für Pandemiewarnstufen verändert hatte. Nun war plötzlich die Gefährlichkeit des Virus nicht mehr gekennzeichnet durch die Höhe der Todesraten, sondern zuallererst durch dessen Verbreitung. Der Absatz von Grippemitteln und Impfstoffen erreichte Rekordhöhen.

Die „revolving doors“ führen auch in die andere Richtung: So kommt die derzeitige Direktorin der Impfstoffabteilung der WHO direkt vom französischen Pharmaunternehmen Transgene, das unter anderem Medikamente gegen Infektionskrankheiten entwickelt und mit dem Pharmakonzern Roche auf dem Gebiet der Impfstoffherstellung kooperiert. „Das Schlimmste ist dieser fliegende Wechsel zwischen Pharma und WHO“, kritisiert auch Dr. Franz Allerberger, Fachbereichsleiter für Humanmedizin in der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES). Die WHO sei außerdem stark von Partikularinteressen geprägt. Die meisten Mitarbeiter der WHO seien nicht fest angestellt, sondern von Drittstaaten überlassen worden. Gern hefte sich die WHO auch Erfolge an, zu denen sie nichts beigetragen habe, wie bei der Eindämmung der Infektionskrankheit SARS. Andere Ziele seien von Haus aus unrealistisch gewesen, wie zum Beispiel die Ausrottung der Masern bis 2010. „Mit solchen Aussagen fällt es schwer, diese Organisation noch ernst zu nehmen“, betont Allersberger.

Auf der „Anklagebank“

Gesundheitsminister Alois Stöger hatte bereits im Vorjahr die Pandemiewarnung der WHO wegen der „Neuen Grippe“ stark kritisiert und forderte auch beim Treffen der EU-Gesundheitsminister eine Überprüfung der WHO-Vorgehensweise. Der Europarat ging den Verflechtungen von Industrie und WHO nach und lud Ende Jänner dieses Jahres zwei führende Vertreter von WHO und europäischer Pharmaindustrie zu einem „Hearing“. Luc Hessel, Vorsitzender der Pandemiearbeitsgruppe der europäischen Grippeimpfstoffhersteller, und Keiji Fukuda, Vizegeneraldirektor und oberster Impfverantwortlicher bei der WHO, beide ausgewiesene Spezialisten auf ihrem Gebiet, saßen fast wie Angeklagte vor einem Gericht. Sie hätten in gutem Gewissen gehandelt, beteuerten beide. Hessel habe nur die Anweisungen der WHO ausgeführt, während sich Fukuda auf Sicherheitsdenken und die Ungewissheit über die tatsächliche Entwicklung einer Pandemie berief. Wohl um den Imageschaden auszugleichen, gab Fukuda Ende März bekannt, dass es eine unabhängige Untersuchung von 30 Wissenschaftlern über die Tätigkeit der WHO bei der Pandemiebekämpfung geben werde.

„Auch unsere Experten evaluieren die Vorgehensweise zur Pandemiebekämpfung und erarbeiten ein Resümee im Hinblick auf zukünftige Verbesserungen“, sagt Sigrid Rosenberger, Sprecherin des Gesundheitsministeriums. „Wir waren gut aufgestellt und haben den Weg zwischen Hysterie und Verantwortung beschritten und nicht so viel Geld ausgegeben wie andere Länder“, so Rosenberger. Hilfreich sei auch hier immer der kritische Blick auf die WHO gewesen.

Von Reinhard Hofer, Ärzte Woche 14 /2010

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