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Gesundheitspolitik 23. März 2010

Vom Umgang mit pädosexuellen Straftätern

Laut Statistik Austria leben in Österreich rund 2,4 Millionen Kinder zwischen Null und 18 Jahren. Studien zufolge werden im Lauf ihrer Kindheit und Jugend jedes vierte Mädchen und jeder siebente Bub Opfer sexueller Gewalt.

Eine einfache Rechnung macht die Größenordnung deutlich: In Österreich sind rund 300.000 Mädchen und 172.000 Burschen betroffen, die – meist von Personen aus ihrem näheren und nächsten Umfeld – sexuell missbraucht werden. Die Täter – auch das ist durch Studien hinreichend belegt – sind zu 90 Prozent Männer, egal, ob es sich beim missbrauchten Opfer um ein Mädchen oder einen Burschen handelt. Zu ihrer Arbeit mit pädosexuellen Straftätern sagt unsere Autorin, Prof. Dr. Rotraud A. Perner: Such- und Suchthandlungen können kontrolliert und durch befriedigendere, beglückendere ersetzt werden.

 

In meinem Buch Die Wahrheit wird euch frei machen habe ich pädophile („Schwärmer“), pädosexuelle („Vergewaltiger“) und pädokriminelle („Vermarkter“) Täter als Uninformierte – Verbitterte – Sadisten differenziert, und zwar nach dem Gesichtspunkt prognostizierter Therapierbarkeit. Aus meiner mehr als 40-jährigen Arbeit mit übergriffigen Menschen konnte ich bei Männern diese Gruppierung vornehmen, indem ich folgendes Reagieren auf meine psychotherapeutischen Interventionen feststellte:

  • Uninformierte stoppen ihr oft kindlich-pubertäres Verleugnen der Folgen ihres Tuns und damit gesundheitsschädigendes Verhalten sofort, wenn sie erkennen, dass ihr Tun weder harmlos, lustig, noch folgenlos ist. Bei ihnen genügt oft ein Aufklärungsgespräch.
  • Verbitterte benötigen psychotherapeutische Behandlung und oft auch weiterführende Betreuung, weil sie zum einen lernen müssen, ihre eigenen Vorbilder, Erfahrungen, Gefühle wahrzunehmen und in Sprache auszudrücken, und zum anderen, sich gegen Rückfallsgefahren (beispielsweise durch das Gerede in ihrer Peergroup) abzugrenzen. Hier wage ich durchaus optimistische Prognosen, vorausgesetzt, es kann das notwendige Setting angeboten werden. Derzeit besteht dieses in Österreich nicht in ausreichendem Maße.
  • Sadisten zeigen sich als so gefühlsblind – alexithym – und meist auch antisozial, dass die üblicherweise verfügbaren Therapiemöglichkeiten mit großer Wahrscheinlichkeit unwirksam bleiben werden. Dennoch sind sie zum Erkenntnisgewinn erforderlich – man sollte sich nur keine markanten Verbesserungen im unkontrollierten Verhalten erwarten. (Bei Kontrolle zeigen diese Männer nämlich hochintelligente Anpassungs- und Tarnleistungen.)

Suche nach Impulsgebern

Da nach wie vor das Sprechen über Sexuelles tabuisiert ist – meiner Interpretation nach, weil man dabei Emotionen bekommt, die merkbar werden und einen angreifbar machen –, unterbleibt der Austausch von Erfahrungen, Wissen und Werthaltungen. Hier fehlt umfassende Sexualpädagogik – nicht nur für Kinder und Jugendliche, sondern vor allem auch für die Erwachsenen. Alle. Denn so wie manche Menschen aus Frust in den Eiskasten schauen auf der Suche nach einem – gustatorischen – Sinnesreiz, suchen andere nach anderen emotionalen Impulsgeber: um ihr „Loch in der Seele“, ihr Sehnsuchtsloch oder ihr Verletzungsloch, zu füllen. Je abgestumpfter sie bereits sind, desto „härtere“ Reize suchen sie. Je mehr Wut auf Bezugspersonen, die das Loch nicht zu füllen imstande sind / waren, desto mehr Aggression kommt noch dazu. Aber all diese Such- und Suchthandlungen kann man kontrollieren und durch befriedigendere, beglückendere, salutogenere ersetzen lernen – wenn man will. Dazu muss man aber erst wahrnehmen, was einem geschieht und was man tut.

Psychotherapeutische Blickwinkel

Sozial unerwünschtes Verhalten – und dazu zählen auch die mit Strafdrohung belegten sexualisierten Varianten – wird oft mit der Etikettierung „dysfunktionale Familie“ oder „dysfunktionale Beziehung“ – z. B. zu Mutter, Vater, Ehefrau etc. – verbunden.

Der Begriff der Dysfunktionalität setzt aber auch einen Begriff von Funktionalität voraus, und der ist wiederum eine gesellschaftliche Konstruktion. In systemisch ausgerichteten Therapien, in denen die erwünschte Funktionalität von bzw. gemeinsam mit den Klienten definiert wird, steht diese für das zu erreichende Ziel. Dies allein kann schon Wirksamkeit hervorrufen, entsteht doch damit eine Vision von alternativem Verhalten. Genau diese Zielorientierung ist eine der Stärken systemischer Therapie, zeigt sie doch, dass eine andere Zukunft erarbeitbar ist.

Loslassen vom Leiden

Leider nützen manche Systemtherapeuten diese Zukunftsorientierung, um als Gegensatz zur vermuteten klassischen psychoanalytischen Vergangenheitsorientierung zu definieren – wieder eine Konstruktion! – und diese damit abzuwerten. Für Psychoanalytiker, die nach dem topischen Modell von Freud Unbewusstes ins Bewusstsein heben helfen, steht aber nicht die explizit angedachte bessere Zukunft im primären Blickwinkel, sondern das Loslassen von Leiden in der Gegenwart: Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten bedeutet ja nicht, kognitives Erinnertes zu besprechen, sondern auftauchende Gefühlsregungen mit der Urszene zu verbinden und die wieder präsenten schmerzlichen Emotionen der Vergangenheit nochmals in der Gegenwart zu durchleiden und mit dem reiferen Erkenntnisstand und der Fähigkeit, Schmerzliches zu ertragen, bewusst als Teil des höchstpersönlichen Schicksals in die Biografie zu integrieren. Aber auch diese sollten nur dann angewendet werden, wenn die therapeutische Beziehung zeigt, dass der Kairos – der richtige Augenblick – eingetreten ist.

Es empfiehlt sich, auf diesen Begriff und seine zu Grunde liegenden Konstruktionen zu verzichten und sich stattdessen aufrichtig – authentisch und empathisch, jedoch ohne Verharmlosung oder Dramatisierung – für die Selbstkonzeption der Täter zu interessieren. Erst wenn das jeweilige emotionale Benefit (nicht nur das rationalisierte finanzielle oder subkulturell soziale), das der Täter oder die Tätergemeinschaft erzielen will, erkennbar und benennbar geworden ist, kann daran gearbeitet werden, die Verwirklichung dieses Ziels auf andere als die kriminelle Vorgangsweise zu konzipieren und realisieren. Die Techniken dazu gibt es in vielen psychotherapeutischen Methoden.

 

Literatur

Perner Rotraud A., Die Wahrheit wird euch frei machen. Sexuelle Gewalt im kirchlichen Bereich… und anderswo. Prävention – Behandlung – Heilung. Gezeiten Verlag, Wien 2006

 

Perner Rotraud A., Heute schon geliebt? Sexualität & Salutogenese. aaptos Verlag, Wien / Matzen 2006

 

Der Originalartikel inklusive Literaturquellen ist nachzulesen im Magazin Pädiatrie & Pädologie 1/2010.

© Springer-Verlag, Wien

Bei Verdacht auf körperliche Misshandlung ist das Kind stationär aufzunehmen. Niedergelassene Ärzte sollten unbedingt nachkontrollieren, ob die Aufnahme ins Spital auch wirklich stattgefunden hat. Die sofortige Konfrontation der Eltern mit dem Begriff „Missbrauchsabklärung“ ist zu vermeiden. Dr. Monika Luxl, Univ.-Klinik für Unfallchirurgie, Wien: „Es reicht, den Eltern klar zu machen, dass es besser wäre, die Verletzungen des Kindes stationär abzuklären.“ Erst im Rahmen der Konfrontationsgespräche (oft gemeinsam mit Psychologen) wird der Verdacht auf Misshandlung angesprochen. Von Montag bis Freitag steht das Jugendamt (telefonisch) mit Rat und Tat zur Seite. Freitags ab 16 Uhr übernimmt diese Funktion das Krisenzentrum. Bereits bei stationärer Aufnahme des Kindes ist es ratsam, das Jugendamt telefonisch darüber zu informieren. Dieses ist dadurch in der Lage, im Ernstfall – falls die Eltern das Kind aus dem Spital nehmen wollen – per telefonischer Anweisung binnen weniger Minuten das Ausfolgeverbot zu erteilen.
Dr. Mercedes Juliana Art
Verdacht auf Kindesmissbrauch – was tun?

Von Prof. Dr. Rotraud A. Perner, Ärzte Woche 12 /2010

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