zur Navigation zum Inhalt
Foto: Buenos Dias/photos.com
Im Land der Elche hätten es gerade ältere Menschen nicht immer leicht, meint zumindest Dr. Imma Wagner.
 
Gesundheitspolitik 4. Dezember 2008

Schweden: Es ist nicht alles Gold, was glänzt

Schweden gilt als Paradebeispiel eines funktionierenden Sozialstaats. Das Gesundheitswesen wird oft als Ideal herangezogen. Bei genauerer Betrachtung sieht aber nicht alles so rosig aus.

Die aus Vorarlberg stammende Kinderärztin Imma Wagner kam vor 44 Jahren nach Schweden, machte an der Karolinska Universität ihre Ausbildung zur Medizinerin und bereitet sich nun auf ihren Ruhestand vor. Der Sozialstaat Schweden hat ihr überhaupt erst die Ausbildung ermöglicht, doch Wagner hat auch die Lücken im Netz kennen gelernt. Als Frau, Migrantin und alleinerziehende Mutter, deren Ausbildung länger dauerte als bei männlichen Kollegen, fehlen ihr Versicherungsjahre. Die staatlichliche Pension wird wahrscheinlich gerade einmal 1.100 Euro ausmachen.

Zehn schwedische Kronen und eine Lehre als Kaufmannsgehilfin. Das war alles, mit dem die gebürtige Vorarlbergerin Imma Wagner 1964 nach Schweden kam. Sie wollte hinaus in die weite Welt, erzählt sie. Die Welt zu Hause in Dornbirn, als Gehilfin im Kaufmannsgeschäft des Vaters, war keine wirklich reizvolle Perspektive. Wagner erzählt, dass sie sich schon damals für Naturwissenschaften interessiert habe. „Ich wollte studieren, doch der Vater ließ mich nicht.“ Also nutzte die damals 18-Jährige die Chance, als AuPair nach Scheden zu gehen und später dort als Kindermädchen zu arbeiten.

Ende der 60er Jahre bekam sie über die schwedische Arbeitsvermittlung die Möglichkeit das Gymnasium zu absolvieren. Schweden suchte gebildete Leute, Wagner war inzwischen alleinerziehende Mutter einer Tochter und ergriff die Gelegenheit beim Schopf. 1972 begann die damals 26-jährige mit dem Gymnasium, 1978 ihr Medizinstudium. „Das habe ich in fünfeinhalb Jahren durchgezogen“, erzählt sie auch heute noch voller Stolz. Denn als alleinerziehende Mutter sei der Weg auch im Sozialstaat Schweden, in einem Land, von dem man sage, dass die Frauen emanzipierter seien als in anderen Staaten, nicht einfach und nicht immer gerade gewesen. Ihr Resümee heute: Wäre sie ein Mann gewesen und jünger, wäre ihre Ausbildung sicherlich schneller gegangen. So waren einige Umwege nötig, bis sich Wagner 1994 als niedergelassene Kinderärztin mit einer eigenen Praxis im Stockholmer Vorort Täby selbstständig machen konnte.

Lange Ausbildungszeit

Zwei Jahre an der Klinik waren nötig, bis die Medizinerin ihre Legitimation als Ärztin bekam, danach machte sie weitere zwei Jahre Vertretungen in Spitälern und Kinderarztpraxen, bevor sie ihren Turnus beginnen konnte. „Wenn man den Turnus in Nordschweden macht oder Glück hat, geht das auch sofort. Aber in Stockholm dauert es länger.“ Was folgte waren zahlreiche – nicht richtig sozialversicherte – Praktika für die Spezialausbildung sowie Aushilfen auf Intensivstationen für Erwachsene und Kinder als Pflegekraft, um sich finanziell über Wasser halten zu können. „Das war nicht leicht mit einem Kind und einer so langen Ausbildungszeit. Ich weiß gar nicht, wo ich die ganze Energie her hatte“, sagt sie heute. Offiziell sei sie nie benachteiligt worden, inoffiziell allerdings schon, erzählt sie.

Als dann Anfang der 90er Jahre die Regierung für Fachärzte die Möglichkeit geschaffen habe, sich in einer freien Praxis zu etablieren, ergriff Wagner die Gelegenheit beim Schopf. „Ich dachte mir, dass mein Vater auch ein Geschäft gehabt hat. Ich dachte, das kenn ich, das schaff ich.“

Honorierungssystem: Zeit ist Geld

Als Ärztin hat Wagner heute einen Vertrag mit der Region, die ihr wiederum verschiedene Gebühren, je nach Art der Behandlung, bezahlen. Die Höhe der Gebühren richtet sich unter anderem nach Diagnosen, vor allem aber nach dem Aufwand und der Zeit, die für eine Behandlung nötig sind. „Für eine einfache, nicht akute Kontrolle bekomme ich etwa umgerechnet 80 Euro, für eine Spirometrie 148 und für eine neuropediatrische Betreuuung 150. In Summe gibt es etwa fünf bis sechs verschiedene Taxen.“ Im Fall einer normalen Kontrolle habe ein Patient das Recht, dass Wagner ihn 30 Minuten betreue, bei schwierigeren und besser honorierten Dingen länger. Andere Ärzte, wie etwa Hals-Nasen-Ohrenärzte, hätten bei normalen Behandlungen kürzere Zeiten.

Damit die Honorare der Ärzte durch das System nicht explodieren, sind sie nach oben gedeckelt. „Dieses Dach ist je nach Fachgebiet unterschiedlich, limitiert aber die Einkommen nach oben. In meinem Fall sind es etwa 250.000 Euro pro Jahr.“ Erreiche sie den Deckel, bekomme sie für mehr geleistete Arbeit nichts zusätzlich, schildert Wagner. Das führe dazu, dass gegen Jahresende viele niedergelassene Ärzte ihre Praxen zusperren und die Patienten dann auf Spitalsambulanzen ausweichen müssen.

Ein weiteres Thema in Schweden, das sich nicht zuletzt aus diesem Honorarsystem ergibt, sind Wartezeiten. Auf eine Hüftoperation müsse man etwa ein bis zwei Jahre warten. Auf die Schulteroperation habe selbst sie als Ärztin ein Jahr gewartet – davon neun Monate, bis sie überhaupt zu einer Voruntersuchung gekommen sei. „Es gibt zwar Gesetze, die Wartezeiten begrenzen.“ Allerdings gebe es nicht wie etwa in England die Möglichkeit, sich auf öffentliche Kosten im Ausland behandeln zu lassen, wenn man innerhalb der festgesetzten Zeit nicht im Inland behandelt wird. Allerdings führe das System dazu, dass die Wartezeiten aller Ärzte transparent seien. „Ich muss jeden zweiten Monat in ein Liste, die auch für alle im Internet zugänglich ist, meine Wartezeiten eintragen.“ Wagner räumt allerdings auch ein, dass die Akutversorgung in Schweden hervorragend sei.

Etwa fünf Jahre will sie ihre Praxis noch weiterführen und dann in Pension gehen. Dann gebe es die Möglichkeit, auf privater Basis ohne Honorarvertrag weiter zu machen. Vielleicht, überlegt sie, geht sie aber auch wieder zurück nach Vorarlberg. Als älterer Mensch habe man es in Schweden schwerer als in Österreich, und die Pension sei auch nicht sehr hoch. Aufgrund der vielen, schlecht versicherten Praktikumszeiten liege die zu erwartende Pension gerade einmal bei 1.100 Euro pro Monat.

Lesen Sie weitere Teile der Ärzte-Woche-Serie "Auslandsmediziner schildern ihren Alltag":

Italien: Gesundheitssystem in öffentlicher Kritik

Frankreich: Liberales System mit zahlreichen Tücken

Peru: Unterversorgung und Boom bei Schönheits-OPs

Großbritannien holt im Gesundheitswesen auf

Kanada: Ein Land, in dem die Ärzte die Freiheit schätzen

Niederlande: Ambivalente Meinungen über Reform

Deutschland: Von Innsbruck nach Berlin: Den Rechenstift im Kopf

Norwegen hat ein gesundes Luxusproblem

Rekordverdächtiges Tempo bei Reformen in Finnland

Nicaragua macht sich auf den Weg aus der Armut

Spanien, Land der langen Patienten-Wartelisten

Wie der König Thailands das Rauchen stoppt

Indien: Gute Ausbildung, aber fehlende Infrastruktur

Hohe Kindersterblichkeit im goldreichen Ghana

Israel: Bei medizinischer Versorgung beispielhaft

In Belgien wird der Patient sofort zur Kassa gebeten

Was Österreich vom Ausland noch lernen kann

Wie andere Gesundheitssysteme arbeiten
In den USA werden nur wohlhabende Menschen medizinisch versorgt, in England müssen sie lange warten und in Schweden ist das Paradies. In gesundheitspolitischen Diskussionen werden in Österreich oft Mythen aus anderen Ländern als Positiv- oder Negativbeispiele strapaziert. Doch wie sieht die Realität aus? Die Ärzte Woche traf aus Österreich stammende Ärzte, die in den USA, England, Schweden und anderen Ländern arbeiten. Sie erzählen, wie die Systeme wirklich funktionieren und was wir davon lernen können.
Foto: Buenos Dias/photos.com

Im Land der Elche hätten es gerade ältere Menschen nicht immer leicht, meint zumindest Dr. Imma Wagner.

Foto: Privat

Dr. Imma Wagner, Kinderärztin in Täby bei Stockholm

Von Martin Rümmele, Ärzte Woche 49/2008

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben