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Foto: Ärzte Woche
 
Gesundheitspolitik 23. Februar 2010

Wer darf das Ende setzen?

Aktuelle Befragung zeigt: Immer mehr Österreicher sind für die aktive Sterbehilfe.

Eine aktuelle repräsentative Umfrage der Medizinischen Universität Graz offenbart einen deutlichen Stimmungswandel: Während in den letzten zehn Jahren knapp die Hälfte der österreichischen Bevölkerung die aktive Sterbehilfe befürwortete, sind es heute mit 62 Prozent schon fast zwei Drittel.

Können Menschen, die zu Lebzeiten kaum noch mit dem Tod konfrontiert werden, tatsächlich einschätzen, was „aktive Sterbehilfe“ bedeutet? Eine differenzierte Diskussion wünschen sich deshalb Prof. Dr. Wolfgang Freidl und Prof. Dr. Willibald Stronegger vom Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie der Medizinischen Universität Graz, welche die Umfrage beauftragten. In ihrem Kommentar zu den Ergebnissen orten sie eine liberale und wirklichkeitsfremde Idealisierung, die gerade auf das Umfeld von Schwerkranken kaum zutreffe.

"Sterbehilfe"

In den Niederlanden, Belgien und anderen europäischen Ländern wurden in den letzten Jahren Gesetze beschlossen und liberalisiert, wonach Ärzte in bestimmten Fällen eine sogenannte Sterbehilfe leisten dürfen. Das heißt, dass das Leben dieser Menschen auf deren eigenen Wunsch verkürzt werden darf.

Diese Reaktion auf einen Einstellungswandel in den Bevölkerungen soll es Ärzten gestatten, dem Wunsch von Patienten zur Beendigung ihres Lebens nachzukommen. Gefördert wurde dieser Wandel zweifellos durch die sich im Abstand von einigen Jahren wiederholende mediale Darstellung von einzelnen Fällen extrem leidender Patienten, bei welchen die Kranken selbst oder Angehörige die Legalisierung dieser Möglichkeit einfordern. Die Einstellung der österreichischen Bevölkerung zu Fragen der Sterbehilfe wurde bislang nur durch sehr einfache Erhebungen ermittelt, welche genauere Unterscheidungen, wie zum Beispiel zwischen passiver und aktiver Sterbehilfe, sowie Analysen nicht oder nur unzureichend zulassen.

Fast zwei Drittel der Österreicher sind für die aktive Sterbehilfe

Das Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie der Medizinischen Universität Graz beauftragte das IFES mit einer repräsentativen telefonischen Befragung. (siehe Kasten).

Gefragt wurde zuerst nach der Akzeptanz von passiver Sterbehilfe, die sich auf den vom Patienten selbst verlangten Abbruch einer medizinisch noch möglichen lebensverlängernden Behandlung bei unheilbarer Krankheit oder schwerem Leiden bezieht. 78% der Befragten waren dafür, 13% dagegen und 9% unentschieden.

Danach wurde nach der Einstellung zur aktiven Sterbehilfe gefragt. Hier antworteten 62%, dass unheilbar kranken und schwer leidenden Menschen der Wunsch zum Sterben erfüllt wird, indem diesen ein Mittel verabreicht wird, das ihren Tod herbeiführt. 30% waren dagegen und 8% unentschieden. Menschen mit Erfahrung in der Pflege schwer kranker Menschen lehnen aktive Sterbehilfe öfter ab als Personen, die über keine Erfahrung verfügen. Vergleichbare Ergebnisse gab es in Deutschland 2008 (Institut für Demoskopie Allensbach Juli 2008).

In einem konkreten Fallbeispiel zur aktiven Sterbehilfe bei einem alten sterbenskranken Patienten, der unter starken Schmerzen leidet, sank die Zustimmung: Hier waren 58% der Befragten dafür, dass ein Arzt auf Wunsch des Patienten dessen Leben mit einer tödlichen Spritze beendet. Untersuchungen haben gezeigt, dass bei charakteristischen Fallbeispielen aktive Sterbehilfe weniger Zustimmung erhält als bei einer abstrakten Fragestellung, die eine allgemeine Regel beschreibt.

Konservativ versus liberal

Die stärkste Abhängigkeit der Einstellung von Einflussfaktoren besteht hinsichtlich der Selbsteinschätzung: Personen, die sich als liberal bezeichnen, sind fast zu 70 Prozent (68% pro- und 25% kontra-Stimmen) deutlich stärker für die aktive Sterbehilfe als Personen mit konservativer Selbsteinschätzung – die befürworten die aktive Sterbehilfe „nur“ zu 54% (54% pro- und 38% kontra-Stimmen). Das Fallbeispiel beurteilen konservative Personen fast gleich wie die abstrakte Frage, dagegen sinkt die Zustimmung bei den liberalen, von 68 auf 62%. Bei der passiven Sterbehilfe zeigen sich vergleichbare Unterschiede: 71% dafür bei den konservativen Personen gegenüber 83% pro bei den liberalen.

Idealisierung Schwerkranker

Die Ergebnisse stützen die Hypothese, dass die Einstellung zur Sterbehilfe überwiegend durch weltanschauliche Überzeugungen geprägt wird und weniger stark durch Erfahrungen.

Gestützt wird diese Hypothese auch dadurch, dass konkrete Fallbeispiele meist weniger starke Zustimmungswerte zur aktiven Sterbehilfe erhalten als die allgemeine Frage, welche offenbar stärker nach grundsätzlichen, aber dabei abstrakten Einstellungen beantwortet wird.

Besonders die mit einer liberalen Weltsicht verbundene Betonung der Freiheit und Selbstverantwortung des Einzelnen dürfte für die zunehmende Akzeptanz eine entscheidende Rolle spielen, wie auch unsere Untersuchungen bei Studierenden zeigten.

Die Vorstellung eines „autonomen Subjekts“, das unabhängig vom Lebenskontext frei das für sich Richtige wählen kann, ist aber eine wirklichkeitsfremde Idealisierung, die gerade auf schwerkranke Personen kaum zutrifft.

Gefahr der Normenbildung

Gegen aktive Sterbehilfe wird häufig das Argument der schiefen Ebene angeführt, wonach in einem ersten Schritt Patienten getötet werden, die dies selbstbestimmt entscheiden. In Folge könnte eine Normenbildung in einer Gesellschaft eintreten, wodurch sich Schwerstkranke, die sich als Belastung für die Familie oder die Gesellschaft erleben, dazu gedrängt fühlen könnten, aktive Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen. Ökonomische Motive sind dabei durchaus zu bedenken.

Weiters könnte diese Normenbildung auch zur nichtfreiwilligen aktiven Euthanasie von nicht entscheidungsfähigen Patienten führen, wie dies beispielsweise im Rahmen der niederländischen Regelung vollzogen wird.

Im zunehmend schwerer finanzierbaren Gesundheitssystem könnte eine Legalisierung letztlich dazu führen, dass nur sozial besser gestellten Patienten die freie Wahl zwischen kostenintensiver Palliativmedizin einerseits und Sterbehilfe andererseits offensteht. Eine gesetzliche Regelung kann aus dieser Sicht keinesfalls befürwortet werden.

Prof. Dr. Willibald Stronegger,

Prof. Dr. Wolfgang Freidl

Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie, Medizinische Universität Graz

Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie

Ergebnisse der aktuellen Befragung
Das IFES wurde vom Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie der MedUni Graz mit einer telefonischen Befragung von 1.000 repräsentativ für die österreichische Bevölkerung ausgewählten Personen ab einem Alter von 16 Jahren beauftragt und im Dezember 2009 durchgeführt.

Pro und kontra aktive Sterbehilfe
62 Prozent der Befragten sprechen sich für die aktive Sterbehilfe aus.
30 Prozent sind dagegen.
8 Prozent waren unentschlossen.
Wobei der Anteil der Männer bei den Befürwortern höher ist als jener der Frauen (66 zu 58,5 Prozent). Das entspricht einer Zunahme von rund 13 Prozent gegenüber vergleichbaren Befragungen in den Jahren 2000 und 2006 (IMAS Institut), wo sich 49 Prozent für die aktive Sterbehilfe aussprachen.

Hinsichtlich Alter, Einkommen und Wohnregion zeigen sich keine deutlichen Unterschiede in den Einstellungen. Bei jüngeren Menschen findet sich eine leicht höhere Zustimmung als bei älteren.

Bei der Frage betreffend passive Sterbehilfe sind 78% der Befragten dafür, 13% dagegen und 9% unentschieden. Männer sind mit 81% pro-Stimmen tendenziell etwas stärker dafür als Frauen mit 75%.

Die Ergebnisse dürfen nicht als Befürwortung des niederländischen Modells interpretiert werden, da in den Fragestellungen nicht von einem Bezug zum niederländischen Modell die Rede ist.

Prof. Dr. Willibald Stronegger, Prof. Dr. Wolfgang Freidl
, Ärzte Woche 08 /2010

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